In unserer großen Menschenversuchsfarm wird es selten langweilig und täglich dürfen wir interessante Experimente erleben. In Israel reüssiert gerade ein elektronisches Überwachungsband das noch vor einem Jahr von der Öffentlichkeit brüsk zurückgewiesen wurde. Warum das jetzt auf einmal anders ist? Nudging sei Dank!

Ein Gastkommentar von Bernhard Riegler

Wenn sich Peter Kaiser mit seiner „sympathischen Kärntner Idee“ der Kennzeichnungsbänder für Geimpfte seine Watschen abholt, dann tut er das nicht in naiver Ahnungslosigkeit, sondern es steckt Kalkül dahinter. Konkret versuchen er und seine Spießgesellen, die öffentliche Meinung massiv zu beeinflussen, ohne auf ökonomische Zwänge zurückgreifen zu müssen – er betreibt „Nudging“. So nennt man die Anwendung verschiedener subtiler Techniken aus der Verhaltensökonomie und der Psychologie, um Menschen in eine bestimmte Richtung zu „stubsen“ und „schubsen“, um ein gewünschtes Verhalten zu zeigen.

Menschengruppen stigmatisieren

Herr Kaiser hat mit der Stigmatisierung einer gewissen Menschengruppe ein Tabu gebrochen, hat ein Thema aufs Tapet gebracht, bei dem sich viele einen leisen Entsetzensschrei verkneifen. Der Kärntner Landeshauptmann wird sich später für diesen Fauxpas entschuldigen. Aber ihren Zweck hat die Operation erfüllt: das umstrittene Thema ist damit in der Öffentlichkeit platziert. Und so geht es damit weiter.
Jetzt wird Themenkadaver für eine Weile nicht mehr angerührt und verrottet in der medialen Wüste. Dann nähert sich von unverdächtiger Seite ein „Experte“. Gleich einer Hyäne beschnüffelt er den Knochenhaufen, zerrt ihn ein wenig herum und heult. Die Geier steigen auf. Der Experte sagt ganz neutral, ohne erkennbare Absicht, dass so ein Armband, so eine Kennzeichnung, unter ganz gewissen Umständen durchaus nützlich sein könne, dass man nicht alles sofort verurteilen müsse und dass uns die Bedingungen nun zwingen würden, auch andere Maßstäbe gelten zu lassen.

Im Kampf gegen die Pandemie wichtig

Die Öffentlichkeit hat vor ein paar Wochen zum ersten Mal von diesem Thema gehört, ist nun diesbezüglich sensibilisiert und speichert das eben Gehörte in ihren Köpfen ab, anstatt es zu ignorieren, „Aha, also doch gar nicht so übel, sagen die Experten, …“
Wieder ein paar Wochen später, von wieder anderer Seite, kommt ein völlig unverdächtiges Rudel Schimpansen auf den Schauplatz. Vom ursprünglichen Thema sind nur mehr ein paar wenig attraktive ausgebleichte Fell- und Knochenreste vorhanden. Aber die Affen haben eine neue Version des alten Themas mit im Gepäck und die präsentieren sie nun dem Volk: Saftig, frisch, weniger gefährlich, sogar mit Vitaminen und in diesen wichtigsten Wochen der Pandemie wirklich, wirklich überlebenswichtig!

Elektronische Fußfessel oder Freiheitsarmband

Die Diskussion entbrennt aufs neue, aber das Volk ist ja nicht dumm und hat aufgepasst, weiß worauf es ankommt und schaut sehr genau was die da wollen, lässt sich wirklich nicht leicht überzeugen und sagt endlich, wohlüberlegend und zögerlich: JA!
Die Parameter Fehlinformation, Lüge und Angst ermöglichen natürlich noch zusätzlich ein hervorragendes Fein-Tuning im Spiel auf der Orgel der Öffentlichkeit. So können damit wertvolle Fristen leicht verkürzt und Hemmschwellen ruckzuck minimiert werden. Beinahe alle Meinungsbildungen laufen heute, mit kleinen Variationen, nach diesem Muster ab. Von der kürzlich gelieferten Schlagzeile der „rassistischen Mathematik“ bis zum EU Rettungsschirm für immer.
Dass die zu Beginn erwähnte elektronische Fußfessel für Quarantäne-Kandidaten in Israel dort nun „Freiheits-Armband“ heißt, hat die Sache sicher auch noch einmal leichter gemacht. Die Verantwortlichen klatschen sich vor Lachen angeblich immer noch auf die Schenkel.

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