Man sollte meinen, die harten Lockdown-Maßnahmen der Regierungen weltweit würden durch die Zerstörung zahlloser Existenzen schon genug Schaden anrichten. Doch die damit einhergehende Isolation in den eigenen vier Wänden führt auch zur Zunahme von Cyber-Kriminalität: Insbesondere sexueller Missbrauch von Kindern im Internet erlebt seit der Corona-Krise einen bestürzenden Boom. 

Bereits im Frühjahr 2020 wurden erste Warnungen laut, dass die vermehrte Online-Präsenz dank Lockdowns und Schulschließungen das Risiko für Kinder erhöht, im Internet Opfer von sexueller Ausbeutung zu werden: Das FBI beispielsweise machte darauf schon im März in einer Pressemitteilung aufmerksam und mahnte Eltern und Pädagogen zu besonderer Vorsicht und Achtsamkeit.

Kinderpornographie boomt

Im Juni 2020 wurde ein ausführlicher Bericht von Europol zum Thema veröffentlicht, der diese Befürchtungen schon für die erste Jahreshälfte bestätigte: Die Europol-Analysen ergaben, dass Täter sich durch die Corona-Maßnahmen verstärkt auf den Austausch und die Beschaffung von pädophilem Bild- und Videomaterial im Internet konzentriert hatten.

Aktivitäten in entsprechenden Netzwerken und Foren im Surface und Dark Web hatten stark zugenommen; teilweise verdoppelten sich die Zahlen von verfügbar gemachten kinderpornographischen Dateien in einschlägigen Dark Web-Foren von März bis Mai sogar. Zudem hatten im ersten Quartal 2020 deutlich mehr Kinder und Teenager die Beratungs- und Notrufstellen von INSAFE kontaktiert. Im Bericht sind sogar Zitate aus Dark Web-Foren zu lesen, wo Benutzer sich ungeniert darüber freuen, Kinder dank der Krise online leichter erreichen zu können. 

Täter liegen online auf der Lauer

Tatsächlich verbringen Kinder und Jugendliche seit der Corona-Krise fast zwangsweise deutlich mehr Zeit online, sei es um Schularbeiten zu erledigen, mit Freunden in Kontakt zu bleiben oder sich die Zeit zu vertreiben. Viele Eltern können eine ausreichende Beaufsichtigung der Online-Aktivitäten und -Kontakte ihres Nachwuchses nicht leisten… Und leider sind Pädophile dafür bekannt, beim Kontaktaufbau mit arglosen Minderjährigen durchaus kreativ vorzugehen. So machte beispielsweise das beliebte Online-Spiel Fortnite 2018 negative Schlagzeilen, weil Pädophile das Chat-System zum „Grooming“ junger Spieler nutzten – also zur Anbahnung sexueller Kontakte durch Einschmeicheln und Manipulation.

Auch in sozialen Netzwerken und Online-Communities liegen Täter auf der Lauer. Sie versuchen im Verlauf häufig, ihre jungen Opfer zur Erstellung von Bild- und Videomaterial zu nötigen und zu erpressen, um dieses dann online zu verbreiten und zu verkaufen.

Online-Missbrauch ist „anhaltende Gefahr“

Das Corona-Jahr 2020 hat Kinder und Jugendliche mehr und mehr an das Internet gebunden, um soziale Kontakte zu pflegen und zumindest virtuell der Isolation zu entfliehen. Für Kinderschänder ist das ein gefundenes Fressen.

Europol-Direktorin Catherine De Bolle sagte jüngst gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe, es gebe auch weiterhin „einen starken Anstieg von solchem Online-Missbrauch“. Täter versuchen, „direkt Kinder zu kontaktieren, die zu Hause während des Lockdowns länger im Internet sind als sonst und dabei oft nicht beaufsichtigt werden.“ Sie sieht hier eine „anhaltende Gefahr“.

Europol legt Eltern ans Herz, ihre Kinder für die Risiken und Gefahren im Internet zu sensibilisieren, sieht aber auch die Exekutive in der Pflicht, sich an die neue Gefahrenlage anzupassen und entsprechend einzugreifen.