Die Kinder würden entwurzelt und in ein fremdes Land abgeschoben werden und die angeblich bestens integrierte Familie Tikaev zu Unrecht nach Tschetschenien geschickt werden: Diese Argumente wurde vor dem Hintergrund einer rechtsstaatlich diese Woche erfolgten Abschiebung seitens der Gegner vorgebracht.

Doch die Wahrheit sieht anders aus, beweist jetzt die vom „Wochenblick“ analysierte Begründung des Bundesverwaltungsgerichts.

„Bestens integriert“

Die Unterstützer der sechsköpfigen tschetschenischen Familie kritisierten den rechtskräftigen Abschiebungsbescheid heftig. Die Familie habe sich in den letzten vier Jahren ihres Aufenthalts bestens integriert und die Kinder würden hier zur Schule gehen und hätten keinen Bezug zum Herkunftsland.

Der „Wochenblick“ hat nun die Hintergründe recherchiert. Aus der 44-seitigen Begründung des Bundesverwaltungsgerichts geht ein gänzlich anderes Bild hervor.

Falsche Fluchtgründe

Die muslimische Familie war vor vier Jahren unter falschen Fluchtangaben nach Österreich gekommen. Die Eltern gaben an, aufgrund der Beteiligung eines Neffen in einer Widerstandsorganisation, politisch verfolgt zu werden – ein Vorwand.

Denn bevor die Familie vor der angeblichen Verfolgung nach Österreich fliehen musste, hielt sie sich 2004 bereits einige Zeit in Polen auf und kehrte später jedoch wieder nach Tschetschenien zurück. Erst 2011 ergab sich, laut Aussage des Vaters, eine Möglichkeit nach Österreich zu reisen.

Die dringende Flucht nach Polen begründete die Familie jedoch nicht, wie in Österreich mit Verfolgung, sondern mit der Erkrankung eines ihrer Kinder, die angeblich in Russland nicht behandelt werden könne. Hier verstrickten sich die beiden Elternteile jedoch auch in Wiedersprüche, da sie jeweils ein anderes Kind angaben, wegen dessen Krankheit sie ausgereist wären.

Spontane Krankheiten

Krankheiten spielen in diesem brisanten Fall eine erhebliche Rolle. Als nämlich der negative Asylbescheid von der Behörde kam, gaben beide Erwachsenen an, an einer psychischen Krankheit zu leiden, von der sie bisher den Behörden bisher aber nie berichtet hatten.

Zusätzlich wollte die Familie die Abschiebung verhindern indem man behauptete, dass die Krankheit der Mutter eine Abschiebung nach Tschetschenien unmöglich machen würde, da in der Heimat die Krankheit nicht behandelt werden könne.

Um welche Krankheit es sich handelt wurde in dem Bericht zensiert. Insider vermuten aufgrund der Aussagen, dass es sich um eine multiresistente Lungenkrankheit handelt – Tuberkulose.

Bereits in ihrer Heimat sei die Frau acht Monate im Krankenhaus in Behandlung gewesen. In Österreich habe man bei einem Röntgen entdeckt, dass die Krankheit noch nicht abgeheilt war.

In Österreich wurde sie noch vier Monate behandelt und gilt nun als geheilt. Sollte die Krankheit wieder ausbrechen, so stellte das Gericht fest, sei die Krankheit in Russland aber sehr wohl behandelbar.

Nach vier Jahren kein Deutsch

Auch die Integration der Familie wird in dem Bericht stark in Zweifel gezogen. Der Vater gab an in Österreich Sprachkenntnisse der Stufe B1 zu verfügen (fortgeschrittene Sprachverwendung), konnte sich in der Befragung jedoch nur in gebrochenem Deutsch artikulieren.

Die Familienmutter konnte keinerlei Sprachfortbildung vorweisen, spricht mit ihren Kindern nur Tschetschenisch. Die Tochter gab an, dass zuhause nur Tschetschenisch gesprochen werde – obwohl der Vater angab, dass sie zuhause gemeinsam viel Deutsch sprechen und lernen würden.

Zwei der Kinder sind in Deutsch durchgeflogen und mussten die Klasse wiederholen, ein weiteres Kind hat grobe Sprachdefizite und erhielt Förderunterricht. Auch die Betragensnoten zweier Kinder wurde mit einem schlechten „wenig zufriedenstellend“ beurteilt.

Tschetschenische Parallelgesellschaft

Positiv hervorgestrichen wurde von der Volkshilfe auch, dass sich zwei der Kinder in einem Ringer-Verein engagieren würden und somit auch außerhalb der Familie in das österreichische Gesellschaftsleben eingebunden seien.

Wie nun bekannt wurde, handelt es sich bei den Vereinsmitgliedern ausschließlich um Tschetschenen und auch die Trainer sind Tschetschenen. Der Vater gab an keinen Kontakt zu Österreichern, außer den Asylheim-Betreuern zu haben und in der Unterkunft hauptsächlich zu Tschetschenen, Armeniern und Georgiern.

Abschiebung zumutbar

Das Gericht stellte abschließend fest, dass die vorgebrachten Fluchtgründe nicht zutreffen würden und ein Asyl nicht möglich sei. Eine Abschiebung sei möglich, weil sich die Familie nie von Tschetschenien entwurzelt hätte und dort von einer funktionierenden Familienstruktur aufgefangen werden zu der durchgehend ein reger Kontakt bestand.

Auch die Kinder abzuschieben sei zumutbar, da sich diese schnell anpassen würden und dort ebenso die Schule besuchen könnten.

Die Beschwerdeführer seien illegal eingereist und seien ausschließlich aufgrund ihrer unbegründeten Asylanträge im Bundesgebiet zum vorübergehenden Aufenthalt berechtigt gewesen.“ heißt es in der Urteilsbegründung. Eine mögliche Abschiebung hätte der Familie jederzeit bewusst sein müssen.