James-Bond-Feeling in Oberösterreich: Oft kommt es nicht vor, dass der englische Geheimdienst gemeinsam mit dem österreichischen Abwehramt in unseren Breiten zur geheimen Jagd auf Spione bläst – wie vor nicht ganz zwei Jahren im Raum Rohrbach.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

Vor etwa vier Wochen wurde der pensionierte Salzburger Bundesheeroffizier Martin Möller (71), ein Oberst im Ruhestand, wegen des „Verrats von Staatsgeheimnissen“ zu drei Jahren Haft verdonnert. Ins Rollen gekommen war Österreichs jüngster Spionagefall im Oberen Mühlviertel, wo Möller einen Zweitwohnsitz hat.

Am Montag, den 17. September 2018 – es war ein schöner sonniger Herbsttag – suchte ein Agent des Bundesheer-Abwehramtes mit einem Kollegen vom englischen MI 5 das Café Leibetseder in Rohrbach auf, um dort Martin Möller zu kontaktieren.

Möller wohnt zwar in Salzburg, hält sich mit seiner Frau aber oft im Bauernhaus ihrer Eltern in Oepping auf. Ihre Mutter lebt nicht mehr, und der Vater ist ein Pflegefall, der die Betreuung der Familie braucht. „Meist verbringen wir den halben Monat dort“, sagt Möller.

Deshalb haben ihn die Geheimdienstleute an seiner Salzburger Adresse auch nicht angetroffen. Telefonisch baten sie daher um ein Treffen in Rohrbach. Am frühen Nachmittag, so gegen 13 oder 14 Uhr, glaubt sich Möller zu erinnern, saß das Trio schließlich im ersten Stock des Cafés am Stadtplatz 27 (mit Blick aufs Rathaus) an einem Ecktisch zusammen.

Der MI-5-Agent war ein smarter, etwa 35-jähriger, gut gekleideter und sympathischer Bursche, skizziert der Oberst seine Gesprächspartner. Der vom Abwehramt war ein großer stämmiger Unteroffizierstyp.

Diesem wie auch seinem Begleiter brannte eine wichtige Frage unter den Nägeln: Aus welchem Grund hatte sich Möller zwischen dem 10. und 13. September 2018 mit dem Russen Igor S. im slowenischen Ferienort Piran an der Adriaküste getroffen?

Dort waren die beiden nämlich von MI-5-Agenten beobachtet und fotografiert worden. Mit diesem Foto konfrontierte der Engländer Möller in Rohrbach. Das Bild zeigt ihn bei der Begrüßung des Russen vor der Kirche in Piran.

Freund zahlte für Infos

Dabei handelte es sich um einen Freund seines russischen Freundes Juri J., erläutert er. Kennengelernt habe er Juri bereits 1988, als Möller als UN-Beobachter in Teheran war. Im Laufe der Jahre hätten sie ihre Bekanntschaft vertieft, erzählt der Oberst bei unserem Treffen vorige Woche vor der Mondseer Kirche.

Als Offiziere hätten er und der Russe natürlich auch viel gefachsimpelt. Wegen ihrer Freundschaft hätte er Juri auf dessen Wunsch hin auch mit Neuigkeiten aus öffentlich zugänglichen Quellen (Internet, Zeitungen, Radio etc.) versorgt.

Zuletzt bekam Igor, der Freund des russischen Möller-Freundes, in Piran einen USB-Stick mit Infos über die Flüchtlingsbewegung in Österreich zugesteckt. Aber eigentlich habe man in dem Badeort auch ein wenig ausgespannt und bedauert, dass Juri nicht dabei sein konnte.

Wegen des finanziellen Aufwandes, den Möller mit der Nachrichtenzusammenstellung gehabt hätte, sei er im Laufe der Jahre mit etwa 300.000 Euro entschädigt worden, behauptet der Staatsanwalt.

Möller spricht nur von der Hälfte der genannten Summe. Dass er Geld für die Beschaffung der öffentlich zugänglichen Nachrichten erhalten habe, will der Oberst auch den Agenten in Rohrbach nicht verhehlt haben.

Man parlierte beim Leibetseder äußerst gesittet bei Kaffee und Tee. Mit dem nicht Deutsch sprechenden MI-5-Agenten hat der fließend Englisch sprechende Möller in dessen Muttersprache geredet.

Die Agenten gaukelten dem Salzburger vor, er könnte ein wichtiger Zeuge in einer wichtigen Sache sein, die mit dem Russen Juri zu tun hätte und baten ihn daher um seine Mithilfe, die Möller auch prompt zusagte. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst und habe nie wirkliche Geheimnisse preisgegeben“, betonte er. „Ich war auch immer kooperativ!“

Geheimtelefon vom Abwehramt

Noch am Abend desselben Tages übergab er den beiden Geheimdienstleuten auf dem Parkplatz vor seinem Wohnhaus in Elsbethen (Salzburg) freiwillig seinen PC, seinen Laptop, seinen UKW-Weltempfänger und sein Satelliten-Telefon.

Das Telefon war ein Geschenk des Russen, damit der Freund mit ihm überall in Kontakt treten konnte. Kommuniziert hat er mit Möller oft auch per Zahlencodes, die übers Radio kamen.

Damit wusste der Salzburger, was Juri an Informationen benötigte. Bereits am 19. September 2018 baten die Agenten den Oberst zu einem neuen Treffen in Salzburg, diesmal ins Café im Hangar 7.

Dort traf Möller auf mehrere Agenten des MI 5 und auch des MI 6, die ihn baten, ihnen die Funktion der übergebenen Geräte einschließlich der Zugangscodes zu erklären. Am 10. Oktober 2018 gab es dann ein weiteres Treffen nur mit Agenten des Abwehramtes im Fliegerhorst Vogler in Hörsching, weil Möller zu dieser Zeit gerade wieder einmal im Mühlviertel war.

In Hörsching bekam er vom Abwehramt ein „höchst geheimes Telefon“ überreicht, mit dem er jederzeit einen Agenten namens „Franz“ kontaktieren könne, wie man ihm sagte, und umgekehrt.

Nach einiger Zeit meldete sich „Franz“ dann auch tatsächlich bei Möller, der per Auto und über Umwege zu einem geheimen Treffen mit dem Abwehramt gelotst wurde, zunächst einmal in das Hotel Laschenzkyhof in Wals und tags darauf in das Hotel Daxlueg in Hallwang.

Verhaftung um Mitternacht

Dort wurde der Oberst, der zwischenzeitlich vom Zeugen zum Verdächtigen mutiert war, mehrere Stunden lang verhört und auch einem Lügendetektortest unterzogen. Bis dahin wusste Österreich noch nichts von einem Spionagefall.

Doch am Morgen des 9. Novembers 2018 platzte die mediale Bombe in der „Kronen-Zeitung“. Der „Zund“ soll aus dem BTV gekommen sein, wie Möller gehört haben will. Dort hätte ein Mitarbeiter die brisante Information an die Zeitung verkauft. Ob’s stimmt?

Noch am Abend des gleichen Tages wurde Martin Möller im Bauernhaus seines Schwiegervaters in Oepping verhaftet. „Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein“, erinnert er sich. „Ich war schon im Schlafanzug, saß aber noch vorm Fernseher, als ich durchs Fenster plötzlich viel Blaulicht sah.“

Widerstandslos konnte das Einsatzkommando Cobra den Salzburger festnehmen, und fast eineinhalb Jahre nach dieser Nacht wurde dem Verhafteten der Prozess gemacht. Weil er schon lange eingesperrt war und weil auch keine Gefahr mehr von Möller ausginge, wie das Gericht befand, kam er sofort nach seiner Verurteilung am 9. Juni frei.

EX-Oberst ein Bauernopfer?

Welche sensiblen militärischen Geheimnisse der Oberst seit den 1980er-Jahren verraten hat, bleibt bis heute ein Geheimnis. Wirklich brisante Informationen können es nicht gewesen sein, glauben frühere Offizierskameraden und Wegbegleiter, und dies behauptet auch Möller.

Der wähnt sich ohnehin als „Bauernopfer“, weil das ins Gerede geratene BVT und auch das Abwehramt ein Erfolgserlebnis gebraucht haben dürften, wie er meint. Möller beharrt nach wie vor darauf, nichts wirklich Geheimes weitergegeben zu haben.

Ob er denn nichts zu bereuen habe, wollte ich am Ende unseres Treffens in Mondsee von ihm wissen. „Oh doch“, sagt Möller nach kurzer Überlegung. „Ich bereue, so blauäugig gewesen zu sein.“