Alles nur noch weiß vor Augen. Dichter Schneesturm bei minus 17 Grad. Das ist selbst für erfahrene Bergretter am Dachstein zu viel. Der Abbruch des Einsatzes droht. Wie die Einsatzkräfte dennoch zu den verirrten Tourengehern vorstoßen konnten, schildert Christoph Preimesberger (52), seit einem halben Jahr Chef der oberösterreichischen Bergretter.

Eine Reportage von Georg M. Hofbauer

„Es war alles nur noch weiss vor Augen. Es war ein White-Out. Wir hatten im orkanartigen Schneesturm keine Ahnung mehr, wo wir uns befinden und hatten nur noch unseren Tastsinn zur Verfügung“, schildert der Hallstätter Christoph Preimesberger die bangen Momente inmitten der tobenden Natur vor rund zwei Jahren.

Er war mit einer achtköpfigen Gruppe an jungen Bergrettern unterwegs, um in knapp 2.000 Metern Höhe nach Skitourengehern zu suchen, die einen Notruf abgegeben hatten.
Die Verantwortung für die eigene Gruppe auf den Schultern, die Bergung der Tourengeher vor Augen, führte Preimesberger die Gruppe weiter. Bis zu dem Moment, in dem er sich wieder orientieren konnte.

„Es sind Merkmale die prägen sich ein, eine Schneestange, ein Felskopf oder eine Latsche. Du hast nach vielen Jahren am Berg alles eingespeichert und kannst entsprechend agieren“, erklärt der zweifache Vater die Auflösung der dramatischen Situation auf dem Berg. Die Verirrten konnten gesund ins Tal gebracht werden und die Retter selbst kamen mit leichten Erfrierungen vom Einsatz zurück.

Härtester Einsatz der letzten Jahre

Dieser härteste Einsatz der letzten Jahre war ein Schlüsselerlebnis für Preimesberger und zugleich Ansporn, um die Landesleitung zu übernehmen und seine Erfahrung weiterzugeben.
Wie bei der atemberaubenden Bergung eines Deutschen im November: Der 45-Jährige hatte sich bei einem 20-Meter-Sturz in eine Felsspalte verletzt und überlebte fünf Tage lang.

Die Bergretter stießen auch bei diesem Einsatz im November an ihre körperlichen und mentalen Grenzen. Die Bergung des Mannes, der allein unterwegs gewesen war und schließlich doch noch mit seinem Mobiltelefon Nachrichten senden konnte, wurde von den Medien als Wunder vom Dachstein gefeiert. Eines der vielen Wunder im Laufe der Jahrzehnte.

Auf der Titelseite der BILD

„Wir waren mit diesem Einsatz auf der Titelseite der Bildzeitung“, bemerkt Christoph Preimesberger und ergänzt: „Da muss man durch!“ In jener Nacht, als bekannt wurde, dass die Bergung des vermissten Mannes aus dem Raum Duisburg in die Endphase geht, setzte der promovierte Betriebswirt um 3:40 Uhr die erste Pressemeldung ab und schickte dann stündlich ein Update nach.

„Ich war laufend am Telefonieren. Dann sprangen schnell RTL und ZDF auf die Nachricht auf. Wir sehen solche Einsätze und die Pressearbeit als Chance, die Berichterstattung möglichst objektiv zu gestalten, aber auch unsere Leistung darzustellen“, sagt Oberösterreichs oberster Bergretter. Bei kleineren Einsätzen ist die Bergrettung hingegen zurückhaltend. „Wir leben zu zwei Dritteln von Spenden und haben allein in unserem Bundesland 12.500 Förderer, wir müssen unsere Leistung darstellen.“

Keine Nachwuchssorgen

Um den Nachwuchs macht sich Preimesberger keine Sorgen: Es sieht gut aus. Derzeit gibt es 800 Bergretter in Oberösterreich – 20 davon sind Frauen. „Wir haben sehr gute Erfahrungen, vor allem sind weibliche Kräfte wichtig, wenn es um die Bergung von Frauen und Kindern geht.“

Der Lehrer an der HTL von Hallstatt erklärt die Dimension des „Unternehmens“ Bergrettung: „Wir bewältigen 370 Einsätze im Jahr, das ist im Schnitt einer pro Tag und wir können auf 400 geborgene Personen verweisen.“ Das sei inzwischen „keine kleine Firma mehr“, zusätzlich wird ein Budget von 500.000 Euro verwaltet. Und das mit nur einer Teilzeitkraft.

Bergrettung – eine Berufung

Was treibt nun einen Mann wie Preimesberger an, diese Berufung neben seinem Beruf zu stemmen? „Es ist einerseits die soziale Einstellung, der Mitmensch ist uns wichtig und die Liebe zum Berg. Das ist auch meist der Zugang zur Bergrettung.

Ein begeisterter Alpinist interessiert sich für unsere Arbeit, wird exzellent alpintechnisch ausgebildet und wird dann aktiver Bergretter.“ „Wilde Hunde“ seien sie auf keinen Fall, immer gehe der Eigenschutz vor. Man müsse auch die Kraft haben, Einsätze abzubrechen oder nicht zu starten. Bei extremer Lawinengefahr beispielsweise.

Auszeichnung für dramatische Rettungsaktion

Und auch die Öffentlichkeit wird meist eher gescheut als gesucht: Nach der spektakulären Bergung vor wenigen Wochen wurde jener Retter, der den Verletzten barg, in eine deutsche TV-Sendung eingeladen. Er sagte ab und blieb lieber bei seiner Familie.
Lediglich bei der Preisverleihung auf Schloss Grafenegg vor wenigen Tagen, da war er dabei. Wie auch das Rettungsteam aus Hallstatt, Gosau und Obertraun. Bei der erstmaligen Verleihung des Preises durch das Kuratorium Sicheres Österreich (KSÖ) wurde die dramatische Rettungsaktion gewürdigt.