Betteln mit „Urlaubsanspruch“

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Betteln mit „Urlaubsanspruch“

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Das Thema Betteln ist vor allem in Linz und Wels derzeit in aller Munde. Bürger berichten von bis zu zehnmal, die sie auf der Landstraße in nur einer halben Stunde angesprochen werden. Wir haben uns die Sache einmal angesehen – und sind mit dem Ordnungsdienst der Stadt Linz mitmarschiert.   Eine Reportage von Wilhelm Holzleitner

Betteln mit „Urlaubsanspruch“
Wilhelm Holzleitner

Seit August 2010 – der ersten Stunde des Linzer Ordnungsdienstes – sind Martina und Ernst mit dabei. „Anfangs waren wir vielen Anfeindungen ausgesetzt, aber das hat sich mittlerweile total geändert“, sagt Martina, die pro Arbeitstag bis zu 20 Kilometer zu Fuß zurücklegt. Speziell seitdem das Bettlerunwesen in der Landeshauptstadt ein so großes Thema geworden ist, sind die Damen und Herren in Rot kaum noch wegzudenken. Nach unserem Abmarsch am Hauptplatz dauert es dann auch keine drei Minuten, als am Taubenmarkt bereits die ersten beiden Bettlerinnen auftauchen. Es sind zwei Rumäninnen – Mutter und Tochter, die sich auf der jeweils gegenüberliegenden Straßenseite platziert haben und vorbeigehende Passanten immer wieder mit „Bitte-bitte“ und winkenden Handzeichen anbetteln. Wirklich stören lassen sie sich dabei nicht mal vom Ordnungsdienst: „Beide haben bereits mehrere Anzeigen laufen, das hindert sie aber nicht daran, weiterzumachen“, sagt Ernst. Nach einer Ausweiskontrolle werden die beiden Frauen weggewiesen. Wir gehen weiter Richtung Mozartkreuzung, in einiger Entfernung nehmen die beiden Frauen wieder Aufstellung und betteln weiter.

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Einfach abgestellt

Höhe Ursulinenkirche: Hier sitzt Tag für Tag ein Rumäne im Rollstuhl, dem beide Beine fehlen. „Eine Schweinerei. Der Mann wird jeden Morgen von einem jungen Verwandten hergerollt und bis zum Abend stehengelassen – egal ob es regnet oder die Sonne herunterbrennt.“ Wirklich tun könne man kaum etwas, weil der Mann, dem man einen Pappbecher hinstellte, nur stumm dasitzt. „Legales Betteln“ heißt das im Gesetzbuch.

Wunderheilung am freien Tag

Ernst berichtet von einem weiteren schlimmen Fall: „Es gibt da einen jungen Mann, der fast täglich mit zwei Krücken unterwegs ist und sich durch die Straßen schleppt. Er wirkt extrem heruntergekommen und bemitleidenswert. Kürzlich haben wir ihn an einem, freien‘ Tag getroffen. Er spazierte top-gestylt, mit neuem Handy und Adidas-Sneakers durch die Innenstadt. Wenn man tags darauf wieder sieht, wie viele Leute ihm bis zu 20 Euro zustecken, kann man einfach nur den Kopf schütteln.“ Aus eigener Erfahrung berichten die beiden, dass die aktuellen Bettlergruppen „zu hundert Prozent organisiert“ seien: „Wir sehen die Leute fast täglich im Volksgarten, wo sie in der Früh eine richtiggehende Einsatzbesprechung abhalten, ehe sie sich auf die Stadt verteilen.“ Viele kämen mittlerweile seit Jahren. Manche ergreifen aber auch die Flucht, wenn der Ordnungsdienst anrückt: „Einige laufen schnell in ein Einkaufszentrum oder verstecken sich dann in der Kirche, weil sie wissen, dass wir dort nicht hinkönnen.“

Zwei Monate Urlaub, im Sommer und Winter

Was ebenfalls sauer aufstößt: „Diese extreme Armut wird großteils nur vorgetäuscht. Viele erzählen uns etwa Anfang Dezember, dass sie jetzt nach Hause fahren zum Weihnachten feiern. Dort haben sie auch Wohnungen oder Häuser. Zwei Monate später sind sie dann wieder zum ,Arbeiten‘ da. Im Sommer ist es ähnlich.“ Österreichische Bettler gäbe es mittlerweile so gut wie keine mehr: „In den letzten acht Wochen haben wir lediglich einen einzigen mit österreichischem Pass notiert.“

Auf die Frage, ob sie denn gar kein Mitleid empfinde, verrät uns Martina: „Ganz ehrlich: Nein – und das bei 99 Prozent der Bettler. Das sind alles Großfamilien und Clans, die das organisiert und im großen Stil machen. Behinderungen oder Not vorzutäuschen ist zudem das Allerletzte, weil es den wirklich Bedürftigen auf den Kopf fällt.“ Ernst zeigt uns dazu noch eine Liste, auf denen alle mit Anzeigen vorgemerkten Bettler aufgelistet sind: Über zwei Seiten erstreckt sich der Familienname „Farkas“, auf zwei weiteren „Calderar“. Bis zu 30 Familienmitglieder sind da jeweils aufgelistet. Am meisten stört Martina und Ernst aber etwas ganz anderes: „Die so genannten ,Gutmenschen‘. Manche toben, schlagen uns von hinten auf die Schulter oder schreien herum, dass wir die Bettler in Ruhe lassen sollen, obwohl sie die Hintergründe nicht kennen. Die Leute lassen sich leider ausnützen und einspannen, statt sich richtig zu informieren.“

 

Wilhelm Holzleitner / [email protected]

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