Interview Paul Breitner: Fußballvereine sind heute Unternehmen

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Interview Paul Breitner: Fußballvereine sind heute Unternehmen

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Die Fußballvereine sind heute Unternehmen 1
commons.wikimedia.org/Christophe95/ CC-BY-SA-3.0

Er ist der weltweit einzige Kicker, der bei zwei WM-Finalspielen ins Tor traf: Fußball-Legende Paul Breitner, aktuell Chef-Scout und Markenbotschafter beim FC Bayern München. Im Rahmen einer Einladung der HYPO Landesbank plauderte der heute 64-Jährige Münchner mit dem “Wochenblick” über den Fußball in Österreich und Deutschland.

Paul Breitner – der FC Bayern hat in der Champions League wieder mal den Kopf aus der Schlinge gezogen – und das in allerletzter Minute. Viele sagen: Das war wieder typisches „Bayern-Masl“.

Wäre Juventus ein echtes Klasseteam, hätten sie dem taumelnden FC Bayern noch ein drittes oder viertes Tor geschossen. So gesehen war der Aufstieg des FC Bayern hochverdient.

Wie dramatisch wäre ein Ausscheiden für Ihren Klub denn gewesen?

Ein Scheitern hätte uns in Summe rund 40 Millionen Euro gekostet. Uns wäre also enorm viel Geld verloren gegangen, aber es hätte uns nicht in wirkliche Probleme gestürzt. Wir sind der einzige schuldenfreie Klub der Championsleague, alle anderen schieben 500-600 Millionen Miese vor sich her.

Englische Spitzenklubs wie Chelsea überrollen alle anderen mit ihren Gehältern.

Herr Abramovich hat in Chelsea in den letzten Jahren an die drei Milliarden Euro investiert, der Klub hat trotzdem enorme Schulden. Das wird es beim FC Bayern nie geben.

Die Gehälter beim FC Bayern sind aber auch nicht ohne. David Alaba soll zukünftig elf Millionen Euro verdienen?

Der FC Bayern hat in den letzten 25 Jahren immer Geld verdient. Unsere Spieler bekommen viel, aber sie „verdienen“ es auch – im wahrsten Sinn des Wortes.

Über welches Budget verfügt der FC Bayern aktuell?

Ich kann Ihnen die Zahl vom Vorjahr nennen, da betrug der Umsatz 530 Millionen Euro (Anm.: Zum Vergleich – die Wertschöpfung im österreichischen Fußball betrug im Vorjahr INSGESAMT 667 Millionen Euro).

Warum hat der Fußballsport in der deutschen Bundesliga – einen solchen Stellenwert, in Österreich aber nicht?

Deutschlands Wertschöpfung im Fußball beträgt elf Milliarden Euro, wir haben elf Millionen aktive Fußballer, weil wir es geschafft haben, Fußball zum Mittelpunkt der Gesellschaft zu machen. Fußball ist kein Sport, sondern Entertainment. Die Leute gehen ins Stadion, weil sie unterhalten werden wollen. 60 von 80 Millionen Einwohnern sind Fußballfans oder haben starkes Interesse daran. Bei jedem Training sind im Schnitt zehn Kamerateams mit dabei.

Wie gelang in Deutschland der Sprung in diese andere Sphäre? Noch vor einigen Jahren gab es auch bei Ihnen immer wieder Konkurse…

In den 90er-Jahren musste die öffentliche Hand noch viele Klubs auffangen, dann gab es allerdings ein Umdenken. Jeder Klub, der in die erste oder zweite Liga aufsteigt, muss seinen Klub in eine Gesellschaft ausgliedern, damit der Steuerzahler nicht mehr auf die Schnauze fällt. In Österreich muss man sich auch von dem Bewusstsein lösen, das wären Vereine. Es sind Unternehmen.

In Österreich mit seinen kleinen Städten ist so ein Durchbruch nicht möglich – oder?

Falsch! Auch in kleineren deutschen Städten wie Augsburg, Freiburg oder Ingolstadt ist etwas passiert – nämlich dass die dort ansässige Wirtschaft gemerkt hat, dass sie am Fußball nicht mehr vorbei kann, weil er felsenfest in der Mitte der Gesellschaft steht.

Und was trauen Sie uns Öster­reichern bei der EM in Frankreich zu?

Grundsätzlich muss ich sagen: Die EM ist für Österreich eine wirklich große Chance. Aber bitte schielt nicht auf den EM-Titel. Eine Europameisterschaft ist nicht so wichtig, sie kann nur ein Zwischenschritt zur nächsten Weltmeisterschaft sein. Lasst eure Talente bei dieser EM spielen, damit diese Erfahrung sammeln können und ihr bei der WM 2018 dann eine wirklich große Mannschaft habt.

 

Endlose Gier nach mehr – ein Kommentar von Wilhelm Holzleitner

Meistercup, UEFA-Cup und Cup der Cupsieger: – das waren noch Zeiten! Man wusste ganz genau, woran man ist: Im Meistercup spielten ausschließlich die (echten) Champions jedes Landes – und keine langweiligen Dritt- oder gar Viertplatzierten. Im UEFA-Cup duellierten sich u.a. die Vizemeister großer Fußballnationen.

Im Nachfolgermodell „Europaleague“ sammelt sich heute hingegen alles, was weder Rang noch Namen hat. Ganz nebenbei hat man den ehemals hochwertigen Cup der Cupsieger ebenfalls in die Europaleague „entsorgt“. Vorgeschaltet sind allen Bewerben jetzt zusätzlich noch unzählige Qualifikationsrunden. Das bringt zwar keine Spannung, aber noch mehr TV-Übertragungen – und Geld.

Den spannenden und jahrelang bewährten K.O.-Modus hat man zugunsten von noch mehr Sendezeit abgeschafft. Als ob das nicht schon genug wäre, wollen einige Spitzenklubs dem Ganzen jetzt noch eine „Super-Liga“ drüberstülpen, in der nur mehr Europas Top-16-Firmen – äh, Vereine gegeneinander spielen. Wann diese Partien steigen sollen, weiß angesichts des übervollen Terminkalenders keiner. Vielleicht am 32. Oktember? Liebe Fans: Ihr sitzt am längeren Ast. Unterstützt diesen Wahnsinn nicht mehr länger – sondern boykottiert eine Entwicklung, in der es nur mehr um endlose Gier nach immer mehr geht!

Wilhelm Holzleitner
[email protected]

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