Fahnenstreit: Alte Flaggen als Zeichen neuen Widerstands

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Wenn die traditionellen Farben wieder wehen

Fahnenstreit: Alte Flaggen als Zeichen neuen Widerstands

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Im deutschsprachigen Raum war der Aufschrei groß, als Ende August plötzlich mehrere hundert Leute mit der schwarz-weiß-roten Fahne des Kaiserreichs auf den Stufen des Reichstagsgebäudes standen. Nun fordern Politiker gar ein Verbot der Flagge – tatsächlich haben historische Flaggen als abgrenzendes Protestsymbol aber Tradition.

Von Alfons Kluibenschädl

Drei Polizisten, die sich dem vermeintlichen „Sturm“ entgegen stellten, wurden zu Helden aufgeblasen – und der eigentlich friedliche Protest zum Angriff auf die Demokratie. Gerade der Rückgriff auf vor-bundesrepublikanische Flaggenfarben sorgte für Schnappatmung quer durch die politischen Lager.

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Kretschmann regte zuletzt gar ein bundesweites Verbot an, in Bremen gilt ein solches bereits. Dabei hob sich gerade dieser Kulturraum seit Aufkommen der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert durch einen erbitterten Flaggenstreit hervor. Die heutigen deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold gehen auf die Napoleonischen Befreiungskriege (1813–15) zurück und wurden erstmals durch die Verwendung der Urburschenschaft 1815 zu einem Symbol der deutschen Einheit. Auch die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 verwendete die Fahne.

Deutscher, zeig mir deine Farben

Dies änderte sich, als sich nach dem österreichisch-preußischen Krieg eine kleindeutsche Lösung anbahnte. Das dominante Preußen verband sein traditionelles Schwarz-Weiß mit dem Rot-Weiß der Hanse zur Flagge des Norddeutschen Bundes, mit der Reichsgründung 1871 gar zur Nationalflagge. Das alte Schwarz-Rot-Gold blieb unter Deutschnationalen in Österreich weiterhin ein Symbol.

Nach dem Kollaps der Donaumonarchie war die Hoffnung auf einen Anschluss auch das Argument der politischen Rechten für die Rückkehr von Schwarz-Rot-Gold. Dieselbe Rechte deutete sie (kurioserweise) allerdings später als Sinnbild der verhassten Weimarer Republik. Nachdem die Hakenkreuzfahne die Kaiserfarben neu anordnete, war die Abhebung der Bundesrepublik davon logisch, Schwarz-Weiß-Rot fiel rasch in Ungnade.

Protest von Minsk bis Tripolis

Ebenfalls zur Abgrenzung dient derzeit eine Flagge der weißrussischen Demonstranten. Schon während der kurzen Unabhängigkeit von 1917–19 kamen deren aus dem 16. Jahrhundert stammende Farben Weiß-Rot-Weiß zum Einsatz, nach dem Zerfall der Sowjetunion griff man die Flagge erneut auf.

Als Aljaksandr Lukaschenka die Macht übernahm, wurde ein sozialistischer und kremlnaher Kurs salonfähig. Er wählte sich den Entwurf eines sowjetisch-russischen Künstlers zur Nationalflagge. Die Opposition konnte sich damit nie identifizieren und verwendete weiter Weiß-Rot-Weiß.

Als Versuch der Abhebung vom als repressiv empfundenen System feiern die Farben nun im Wunsch nach einem Machtwechsel eine Renaissance. Der Ansatz geht so weit, dass internationale Medien, so sie mit den Protesten sympathisieren, das Land zur Abgrenzung vom System und von Russland als „Belarus“ bezeichnen.

Die Überlegung, dass mit der Rückkehr zu alten Farben auch eine alte Ordnung angestrebt wird, stimmt manchmal – allerdings weitaus nicht immer. So wehte in Tripolis nach dem Sturz Gaddafis nicht mehr sein einfarbig grünes Tuch, sondern die alte rot-schwarz-grüne libysche Königsflagge. Obwohl die Aufständischen sich keineswegs als Monarchisten verstanden, wurde sie früh zum Zeichen des Widerstands gegen den langjährigen Machthaber.

Gerade der Fall des nordafrikanischen Landes zeigt somit, dass Rückgriffe auf alte Banner keine ideologischen Anleihen brauchen. Vielmehr verbindet sich die Gelegenheit zur Abhebung von der vorherigen Ordnung mit dem Anschein einer Kontinuität – und somit auch einer von alters her stammenden Legitimität der eigenen Ziele.

Eine Frage der Tradition?

So erklärte sich auch die erste Flagge Mazedoniens. Dieses stellte sich nicht nur namentlich, sondern auch durch die Verwendung des Sterns von Vergina in die Tradition von Philipp II. und Alexander dem Großen. Nach heftigen Protesten der griechischen Nachbarn  – die Flagge der dortigen Region Makedonien unterschied sich nur in der Grundfarbgebung – wählte man eine stilisierte Sonne.

Der Namensstreit wurde überhaupt erst 2019 durch eine Umbenennung des Staates in Nordmazedonien beigelegt. Griechenland befürchtete zuvor Gebietsansprüche der slawischen Mazedonier.
Eine Abhebung ohne historisches Vorbild suchen indes Nachfolgestaaten des britischen Empires. Ehe Kanada 1965 die alte „Red Ensign“ mit der britischen „Union Jack“ gegen eine rot-weiße Fahne mit einem Ahornblatt änderte, focht vor allem die französischsprachige, regionale Minderheit in Quebec für die Abkehr vom alten Kolonialsymbol.

Auch in ozeanischen Staaten ist die Debatte ewig jung, man will die einstigen Kolonialherren nicht in der Flagge abbilden. In Neuseeland fiel der Vorschlag einer Fahne, die den Silberfarn als Nationalsymbol mit Elementen der Landesflagge verband, bei einer Volksabstimmung aber durch. Der Grund: Ausgerechnet die fehlende Tradition des neuen Banners …

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