„Maskenball für den gesamten Zug“

„Maskenball für den gesamten Zug“

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Schon erstaunlich wie die Zeit vergeht! Kürzlich feierte die Garde ihren 60. Geburtstag. Ich war 18 Jahre alt und sie elf Jahre jung als ich sie kennenlernte, was auf meinen eigenen Wunsch hin erfolgte.

Ein Bericht von Chefredakteur Kurt Guggenbichler

Der in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne („Maresi“) stationierte Repräsentations- und Kampfverband galt als Elitetruppe und was anderes kam für mich, der ich am 1. April 1968 einzurücken hatte, nicht in Frage.

So erlebte ich das Gardebataillon

Zudem erfüllte ich auch die Anforderungen an das damals noch geltende körperliche Mindestmaß von 1,76 Meter. Nun hoffte ich auf eine harte Ausbildung zum Elitekämpfer.
Doch in dieser Hinsicht wurde ich bei der Garde enttäuscht.

Für diesen Verband schien nämlich eher adrettes Auftreten wichtig zu sein, worüber der höchst vornehme Gardeobrist Heinrich Philipp höchstpersönlich wachte. Für ihn hatte immer alles wie aus dem Ei gepellt zu sein, weshalb auch ständig geputzt und gereinigt wurde: Gebäude, Waffen, Uniformen und davon vor allem die Schuhe mit den weißen Gamaschen. Mit denen marschierten wir Gardisten oft im gestelzten Paradeschritt über Plätze und Straßen und sahen dabei aus wie die Lipizzaner bei einer Vorführung der Spanischen Hofreitschule.

Als Belohnung gab es die begehrte Gardeschnur

Diese hohe Kunst des Marschierens erforderte nicht nur unablässiges Exerzieren, sondern ganz offensichtlich auch einen ständigen Kleiderwechsel: Raus aus dem Trainingsanzug und rein in die Paradeuniform oder 3er- beziehungsweise 1er-Garnitur (auch A-Garnitur genannt). Den Dienst bei einer Elitetruppe hatte ich mir irgendwie aufregender vorgestellt.

Als Lohn für diese Plackerei an der Putz- und Exerzierfront durften wir uns die begehrte Gardeschnur an die Uniformjacke hängen, um die uns die Wehrpflichtigen anderer Waffengattungen beneideten. Denn mit diesem Brustgehänge sahen wir fast wie Adjutanten aus und mit den weißen Vorstößen unserer roten Kragenspiegel verwechselte uns so mancher frisch Eingerückter gar mit einem Generalstäbler, worüber wir uns prächtig amüsierten. Wir selbst trugen ebenfalls oft zum Amüsement bei.

An- und Ausziehen als drillmäßiges Training

So leistete ich mir einmal die Kühnheit, unseren Zugskommandanten zu fragen, warum wir hier mehr als Dressmen agierten und weniger als Kämpfer? Sogar die Mädels in der benachbarten Modeschule Hetzendorf würden sich am Tag weniger umkleiden als wir. Mehr brauchte ich nicht.

Ich hatte noch nicht einmal ausgeredet, da plusterte sich unser schwergewichtiger Vorgesetzter, ein Offizierstellverteter namens Lausch, süffisant lächelnd zu voller Größe auf, stemmte dabei die Hände in die nur noch zu erahnenden Hüften und plärrte mit puterrotem Gesicht durch den Innenhof der „Maresi“: „Sofort Maskenball für den gesamten Zug!“

Dabei handelte es sich freilich um keine glanzvolle Abend-Soiree, wie man sich leicht denken kann, sondern um eine Übung, bei der das schnelle An- und Ausziehen drillmäßig trainiert wurde.

Dressiertes Zirkuspferd

Schaffte man es nicht, in einer vorgegeben Zeit die jeweils befohlenen Adjustierungen zu wechseln, hieß es viele Liegestütze pumpen, was uns aber die nötige Kraft gab, um bei Staatsempfängen stundenlang regungslos ausharren zu können. Körperzuckungen im „ruhenden Glied“ – so nennt man beim Heer eine still stehende Formation – wurden disziplinär geahndet, nur Umfallen wegen Kreislaufschwäche wurde nicht sanktioniert.

Fiel allerdings während einer so genannten Ehrenbezeugung mit der Waffe der Verschluss aus dem Sturmgewehr, was nicht so selten war, büßte man dies mit dem Verlust der „FnD“-Erlaubnis (Freitag nach Dienst), wodurch man erst am Samstag aus der Kaserne kam. Stattdessen durfte man „KvT“ schieben, was so eine Art Kompanie-Consierge-Tätigkeit ist.

Daher fühlte ich mich bei der Garde immer weniger als richtiger Soldat, sondern mehr wie ein dressiertes Zirkuspferd. Da ich mich aber noch immer nach einer Verwendung als Kämpfer sehnte, ließ ich mich schon bald darauf zum Jagdkommando nach Hainburg versetzen, wo ich 1970 die „Ranger“-Ausbildung absolvierte. Trotzdem wünsche ich meiner alten Garde alles Gute!

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