Szenelokale sollen nun die Jüngeren machen

Oberösterreichische Gastro-Legende ausgefeiert

Szenelokale sollen nun die Jüngeren machen

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Die Diskothek „Fly“ (Butterfly) in Prambachkirchen, das Linzer Szenelokal „Vanilli“ und die „Landgraf“-Hotel-Lounge und Bar in Urfahr waren nur drei Stationen der heimischen Gastronomie-Legende Franz Wagner (60), der mit seinen Stätten des Amüsements und der Events fast drei Jahrzehnte lang die oberösterreichische Lokalszene aufgemischt hat.

Ein Interview von Chefredakteur Kurt Guggenbichler

Viele Prominente, darunter auch Falco, tanzten bei Wagner ab, der heute als so genannter Produktentwickler in Wels lebt und arbeitet und ohne Sentimentalität über seine Glanzzeiten spricht. Noch einmal daran anknüpfen möchte er nicht wie er bei einem Gespräch mit „Wochenblick“-Chefredakteur Kurt Guggenbichler im Welser Café Hoffmann betonte.

Man entwickelt sich weiter

Guggenbichler: Du möchtest nicht noch einmal Wirt spielen?

Wagner: Überhaupt nicht. Habe diesbezüglich gar keine Ambitionen. Man entwickelt sich eben weiter und heute kann ich meine gastronomischen Erfahrungen beispielsweise für meine Tätigkeit als Produktentwickler verwerten.

Aber sicher gibt es auch Wirte, die diese Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, nicht haben oder nicht nutzen können, weil sie beispielsweise kein Abend- oder Tanzlokal betreiben, für das man sich sowieso immer was Neues einfallen lassen muss, sondern vielleicht ein stinknormales Wirtshaus, mit dem man über die Runden zu kommen hat.

Das glaube ich nicht. Auch die traditionellen Wirte entwickeln sich weiter wie sich am Beispiel eines meiner Lieblingsgasthäuser, dem Fernreitherhof, zeigt. Wie dort allein der Generationswechsel vollzogen wurde und wie geschickt die Investitionen dort eingesetzt worden sind und wie positiv sich die Küche entwickelt hat, auch in Bezug auf die Regionalität der Produkte, und ohne die Kernaufgabe zu vernachlässigen, das ist schon gelungen.

Also hättest Du auch locker als Gastronom weitermachen und dich auf deinem Gebiet als Unterhaltungslokalbetreiber weiterentwickeln können. Warum bist Du dann ausgestiegen?

Weil ich wusste, dass mein neues Betätigungsfeld extrem viel Zeit beanspruchen würde und ich dabei auch nicht immer am selben Standort sein könnte, was ein Wirt aber unbedingt sein sollte.

Von Anfang an fremdbestimmt

Hättest Du eine Diskothek wie das „Fly“ oder das „Vanilli“ ewig weiterführen können?

Doch, das wäre gegangen…

…trotz der Großdiscos, die in den 1990er-Jahren aus dem Boden schossen?

Wagner (nickt): Diese Großdiskos haben sich ja auch entwickelt, nicht zuletzt durch das Entstehen neuer Musikstile. Die neuen Marktgegebenheiten, die von Zeit zu Zeit entstehen, muss man als Gastronom eben bemerken und auch verwerten.

Wäre mit Diskotheken heute überhaupt noch ein Geschäft zu machen?

Ich denke schon, dass Diskotheken auch heute noch eine Chance haben, natürlich in einer anderen Form und nicht im Stil der 1970er- oder 1980er-Jahre. Denn wer heute ein Tanzlokal eröffnet ist von Anfang an fremdbestimmt. Ich als Disco-Betreiber konnte mein Lokal noch so gestalten und ausrichten wie ich es wollte. Heute macht die Industrie die Gastronomie. Das fängt schon beim Biervertrag an. Heute ist man gezwungen, eine bestimmte Biermarke zu führen wie auch deren Randprodukte.

Das engt natürlich ein…

…na klar. Durch meine Einkaufsfahrten fürs „Fly“ aber auch fürs „Vanilli“ bin ich viel herumgekommen. Ich habe Schallplatten in München und London eingekauft und habe dabei auch mit anderen Produkten und Getränkemarken Bekanntschaft gemacht, die ich dann in meinen Lokalen etablierte. Da war ich den Mitbewerbern natürlich immer voraus.

Auch die Frauen haben sich entwickelt

Das war sicher noch die gute alte Zeit, oder?

Ich glaube schon, dass ich noch eine extrem gute Zeit erlebt habe. Zwischen 1970 und 2000 hat die Wirtschaft noch floriert, war aus meiner Sicht noch eine tolle Entwicklung möglich.

Heißt das im Umkehrschluss, dass es Gastronomen heute schwerer haben?

Wagner (zögert mit der Antwort): Nein! Man muss auch Bedenken, dass wir Diskothekenbetreiber in dieser Zeit viele technische Neuerungen erlebt und auch mitgemacht haben. Wir mussten unsere Läden ständig modernisieren, um unsere Gäste immer wieder überraschen zu können: Entweder mit einem neuen Laser, mit neuen Boxen, und auch in der Küche musste ständig nachgerüstet werden.

Das ist jetzt nicht mehr so?

Wir haben einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, auch wenn es nun neue Herausforderungen gibt. So haben wir in den 1970er- und 1980-Jahren den Migrationsanteil von heute nicht gehabt. Meine Nachfolger müssen also schon ganz anders auf Kunden eingehen, wenn wir schon eine Globalisierung zulassen. Übrigens: Auch die Frauen sind nicht mehr die wie vor 30 Jahren. Damals hätte kaum eine Frau ein Bier getrunken und es gab noch keine Unisex-Produkte.

Diskotheken betreiben galt als Königsdisziplin

Was die Geschäfte für Gastronomen nun leichter macht?
Nun ja, breitgefächerter…

Trotzdem, so scheint es, haben es Wirte heute schwerer als zu Deiner Zeit.

Das ist auch verständlich. Als ich 1974 das „Fly“ eröffnete, hatte ich 97 Produkte. Ein heutiger Gastronom hat mindestens 200 Produkte: Getränke und auch andere Sachen, die er auf Grund seiner Lieferverträge führen muss. Daraus ergeben sich natürlich extrem viele Probleme, auch von der Einstellung der Mitarbeiter zum Produkt. Da viele Gastronomieangestellte mittlerweile in zwei, bis drei Minijobs arbeiten, können sie gar nicht mehr alle Preise und Produkte ihres Arbeitgebers im Kopf haben. Kopfrechnen könne viele auch nicht mehr.

Sind dann Gastronomen, die mit einem Unterhaltungslokal reüssieren, heute überhaupt noch denkbar?

(nickt bejahend): Patrick Balange mit dem „Wildwechsel“ auf dem Welser Stadtplatz. Dieses Lokal ist eine Mischung aus Bar, Klub und Tanzlokal mit tollen gastronomischen Produkten – alles in allem ein Superkonzept!

Würdest Du heute gern noch einmal als Patron eines Erfolgslokals durchstarten wollen?

(lacht und schüttelt verneinend Kopf): Das sollen Jüngere machen. Kein Fußballer würde mit 50, 60 Jahren noch in der ersten Mannschaft spielen.
Als Wirt eines Szene-Lokals musst du die jüngere Generation verstehen und auch wissen was diese will. Ich habe sehr jung angefangen und zu meiner Zeit war das Betreiben einer Diskothek die Königsdisziplin.

Was würdest Du als ehemaliger Erfolgsgastronom deinen heutigen Kollegen empfehlen?

Mehr auf den Konsumenten zu achten, weniger ignorant zu sein und stärker und schneller auf die Entwicklung des Marktes zu reagieren.

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