Warum unsere Geräte nicht mehr halten: Konsum für die Deponie

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Geplanter Zerfall

Warum unsere Geräte nicht mehr halten: Konsum für die Deponie

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Wer kennt das nicht: Kaum ist die Garantie eines Elek­trogerätes abgelaufen, zeigt es erste Mängel oder gibt – im schlimmsten Fall – ganz den Geist auf. Einfach nur Pech? Oder hat man durch Zufall ein Gerät erworben, das aus einer fehlerhaften Produktionsserie stammte? Oder ist vielleicht sogar vom Hersteller absichtlich eine Schwachstelle eingebaut worden?

von Matthias Hellner

Ob es so etwas wie „geplante Obsoleszenz“ gibt, darüber wird schon seit mehr als 80 Jahren diskutiert. Geplante Obsoleszenz bedeutet die Herstellung eines Produkts, das – beabsichtigt! – durch mangelhafte Materialien oder Bauweise vorzeitig veraltet oder unbrauchbar wird.

Rendite geht über alles

Dass sich Produkte abnutzen, liegt in der Natur der Sache und ist ein normaler Vorgang, wobei man hier von natürlicher Obsoleszenz spricht. Von geplanter Obsoleszenz ist hingegen die Rede, wenn es um Strategien oder Methoden geht, die zu einer kürzeren Nutzungsdauer führen, obwohl unter gleichen kostenmäßigen Umständen eigentlich eine längere möglich wäre.

Vorrangiges Ziel ist es dabei meist, den Neukauf zu beschleunigen und die Rendite des eingesetzten Kapitals zu erhöhen. Der Begriff der geplanten Obsoleszenz geht dabei auf den 1872 geborenen amerikanischen Immobilienmakler Bernhard London zurück.

Zwischen 1932 und 1935 schlug er in mehreren Aufsätzen als Weg aus der großen Wirtschaftskrise vor, Produkte nur mit einer befristeten Gebrauchserlaubnis zu verkaufen und sie nach Ablauf zu zerstören.

Damit wollte er den Konsum und auch die Wirtschaft wieder ankurbeln. Entgegen dem heutigen Verständnis des Begriffs sah London jedoch nicht vor, von vornherein mögliche „Schwachstellen“ einzubauen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war im Erfinderland der geplanten Obsoleszenz – den USA – der Begriff eng mit der Automobilindustrie verbunden.

Allerdings ging es auch nicht um geplante Schwachstellen, sondern eher darum, dass jährlich neue Auto-Modelle auf den Markt kamen, die auch verkauft werden wollten. Durch Werbung wurde daher versucht, auf den Endverbraucher psychologischen Druck auszuüben, damit dieser sich von seinem – noch funktionierenden – alten Modell trennt.

Ein ähnliches Phänomen ist auch in der Textilindustrie zu beobachten: Den Menschen wird eingeredet, dass ihre Kleidung nicht mehr der neuesten Mode entspräche, um sie zum Neukauf zu bewegen.

In der heutigen Zeit ist dies in allen Bereichen der Konsumgesellschaft angekommen. Es wird gezielt eine künstliche Nachfrage erzeugt. Produkte gelten als Statussymbole und man ist nur angesehen, wenn man auch das neueste Modell, von was auch immer, sein Eigen nennen kann.

Das Glühbirnen-Kartell

Wirkliche Fälle von geplanter Obsoleszenz sind schwer nachzuweisen. 1953 wurde die Firma „General Electric“ von einem US-Gericht verurteilt. Sie hatte seit 1925 mit anderen Herstellern das sogenannte Phoebuskartell gegründet, in dem die Begrenzung der Lebensdauer von Glühbirnen verabredet wurde.

Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass deren Lebensdauer 1924 noch bei 2.500 Stunden gelegen hatte und bis 1940 auf 1.000 Stunden sank. Aber auch damals gab es auf dem Markt bereits Alternativen.

Eine davon hängt noch im kalifornischen Livermore in der Feuerwache Nr. 6. Seit 1901 leuchtet dort eine handgefertigte 4-Watt-Birne rund um die Uhr, nur mit kurzen Unterbrechungen durch Stromausfälle oder einen Umzug der Feuerwache. Allerdings ging der Hersteller der Birne einige Jahre nach deren Fertigung pleite.

Über die Gründe der Haltbarkeit wird spekuliert. Zum einen könnte es daran liegen, dass die Birne so gut wie nie ein- und ausgeschaltet wurde, ein anderer Grund könnte aber auch in dem bleistiftdicken Glühfaden aus Karbid liegen.

In modernen Birnen werden Glühfäden aus Wolfram zum Leuchten gebracht. Ihre Lebensdauer beträgt meist zwischen 750 und 4.000 Stunden – bei einem Dauerbetrieb entspräche das allenfalls wenigen Monaten.

Ein dicker Leuchtfaden hat aber auch Nachteile. Er benötigt mehr Energie, wenn er dieselbe Lichtleistung erbringen soll. Als in Frankreich ein Gesetz gegen geplante Obsoleszenz verabschiedet wurde, hagelte es prompt saftige Strafen für Konzerne wie „Apple“.

Gesetze gegen Obsoleszenz

Allerdings war es nicht ganz einfach, da die Initiative, das Delikt vor Gericht zu bringen, vom geschädigten Verbraucher ausgehen muss, der auch die Beweislast und das Kostenrisiko zu tragen hat. Vor allem der Beweis der geplanten Obsoleszenz ist eine Hürde, denn dem Hersteller muss die Absicht nachgewiesen werden.

Im Fall von „Apple“ funktionierte es erst, als die kursierenden Gerüchte, dass der Konzern alte Geräte künstlich drosselt, empirisch bewiesen werden konnten. Dies wurde 2018 möglich: Der Entwickler des Prozessorleistungsvergleichswerkzeugs „Geekbench“, John Pool, veröffentlichte statistisch relevante Messwerte, die zeigten, dass „Apple“ tatsächlich ältere Smartphones auf circa die Hälfte ihres CPU-Tempos drosselte.

Der Konzern bestätigte die Werte, begründete aber sein Vorgehen damit, dass dies der generellen Leistungsfähigkeit sowie der Verlängerung der Gerätelebensdauer und der Akkulaufzeit diene.

Nichtsdestotrotz klagte der Verbraucherverband „Halte à l’obsolescence“ (HOP) in Frankreich wegen geplanter Obsoleszenz und warf „Apple“ vor, Nutzer zu einem Geräte-Update bewegen zu wollen.

Ein weiterer Vorwurf lautete, dass dieses Feature ohne die Erlaubnis der Nutzer eingeführt wurde und „Apple“ zudem nicht auf die günstigere Option eines Akku-Neukaufs hingewiesen habe.

Ein Pariser Staatsanwalt leitete schließlich vorläufige Ermittlungen ein, und die im Wirtschaftsministerium angesiedelte Behörde für Wettbewerb, Verbraucherschutz und Betrugsbekämpfung begann die Untersuchung der Vorwürfe.

Letztendlich wurde gegen „Apple“ in Frankreich eine Strafe von 25 Millionen Euro verhängt. Die Behörde warf dem Konzern „irreführende Geschäftspraktiken“ vor. Bereits im Herbst 2018 hatten italienische Wettbewerbshüter gegen „Apple“ eine Strafe von 10 Millionen Euro verhängt. Auch „Samsung“ musste fünf Millionen zahlen.

Manipulierte Drucker

Was damals mit Glühbirnen begann, ist heutzutage, im digitalen Zeitalter, für den Endverbraucher kaum noch nachprüfbar. In der Kritik standen auch immer wieder Drucker unterschiedlichster Hersteller.

Einerseits wurden bei Tintenpatronen nie der gesamte Inhalt verwendet, andererseits sollen Geräte von Herstellern (mittels eingebauter Chips oder anderer technischer Finessen) so manipuliert worden sein, dass sie nach dem Druck einer bestimmten Anzahl von Seiten den Dienst quittierten.

Im Internet finden sich zu diesem Thema eine Vielzahl von Seiten, auf denen sich Benutzer Tipps holen können, wie die streikenden Geräte wieder in Betrieb genommen werden können. Daher wundert es auch nicht, dass zeitgleich mit den Ermittlungen gegen „Apple“ in Frankreich Verbraucherschützer auch gegen den Druckerhersteller „Epson“ vorgingen.

„Epson“ steht unter dem Verdacht, dass der Füllstand der Druckerpatronen falsch ausgelesen wird. Zudem versieht der Hersteller seine Patronen mit einem Mikrochip. Offiziell ist der für die Bestimmung der Füllmenge erforderlich.

Tatsächlich werde er aber auch verwendet, um zu erreichen, dass Druckgeräte lediglich originale „Epson“-Patronen akzeptieren und sonst den Dienst verweigern. Bisher kam es bei dem Verfahren noch zu keinem Ergebnis.

Nur Konstruktionsfehler?

Aber nicht nur Smartphones oder Drucker sind von dem Problem betroffen. Ebenfalls in Frankreich wurden vor Jahren in einer Reportage die Defekte von Fernsehgeräten mittels einer Statistik eruiert.

Dabei kam man innerhalb eines Monats zu dem Ergebnis, dass 85 Prozent der defekten TV-Geräte von „Samsung“ waren, gefolgt von „LG“ und einigen von „Toshiba“. „Panasonic“, „Sony“ und „Sharp“ waren in der Statistik nicht vertreten.

Grund für die Defekte war die Verwendung von minderwertigen Kondensatoren, die überhitzten. Diese Kondensatoren kosten 16 Cent pro Stück und halten bei einer Temperatur von 105 °C nur an die 2.000 Stunden. Kondensatoren, die ca. 4 Euro pro Stück kosten, halten bei 150 °C rund 25.000 Stunden.

Zudem waren die Kondensatoren auch so verbaut, dass sie nahe an den Kühl­blechen angebracht waren und sich durch die Wärmeabstrahlung die Lebensdauer noch einmal zusätzlich verkürzte. Laut der Reportage kostete die Reparatur bei „Samsung“ bis zu 280 Euro, ein Techniker in einer kleinen Werkstatt konnte den Defekt für 21 Euro beheben.

Angeblich soll „Samsung“ auf die Berichterstattung reagiert haben und nur noch selbst entwickelte Kondensatoren verwenden. Da diese nicht erhältlich sind, besteht somit auch keine Möglichkeit mehr, den Fernseher von einem fremden Techniker reparieren zu lassen.

Eine ähnliche Strategie versucht auch „Apple“, wenn es darum geht, Ersatzteile für Geräte anderen Händlern oder Reparaturwerkstätten vorzuenthalten. Jedoch lässt sich bei einer „fehlerhaften“ Konstruktion oder der Erschwerung von Reparaturmöglichkeiten dem Hersteller nur sehr schwer Planung vorwerfen.

Denn teilweise haben Konzerne auch die eigene Obsoleszenz nicht im Griff. So passierte es „Samsung“ mit seinem Smartphone „Galaxy Note 7“, dass durch einen Konstruktionsfehler regelmäßig die Akkus explodierten bzw. in Flammen aufgingen. Das Gerät musste schließlich nach zwei Monaten vom Markt genommen werden.

Mehr Ressourcenschonung

Aber neben dem Einbau minderwertiger oder materialschwacher Komponenten ist es auch durch die Konstruktion, etwa bestimmte Anordnung oder Befestigung von Teilen, möglich, Reparaturen zu erschweren. Hohe Preise für Ersatzteile können eine Reparatur so unrentabel zu machen, dass eher ein Neukauf in Betracht gezogen wird.

Dies alles befeuert natürlich eine Wegwerf-Gesellschaft und ist alles andere als ressourcenschonend und nachhaltig. Zudem verfügen wir heutzutage im Vergleich zu früheren Generationen über eine Vielzahl von Elektrogeräten, die das Leben erleichtern sollen.

Durch das kapitalistische Wegwerf-Prinzip und durch Konzerne, die ständig neue Geräte erfinden, die sie den Menschen andrehen wollen, produzieren wir aber auch eine Menge an Elektroschrott und Müll – teils wegen kaputter Geräte, teils, weil unnütze und unüberlegte Anschaffungen wieder entsorgt werden.

Dass es auch anders geht, zeigen oftmals Elektrogeräte aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Dort wurde aufgrund der knappen Ressourcen Wert darauf gelegt, dass die Geräte langlebig sind und auch allfällige Reparaturen einfach bewerkstelligt werden können.

Die EU hat nun dem Elektroschrott dem Kampf angesagt. Ab März 2021 sollen nur noch Haushaltsgeräte auf den Markt kommen, die leicht – und mit herkömmlichen Werkzeugen – zu reparieren sind. Zudem müssen Hersteller garantieren, dass Ersatzteile mindestens 10 Jahre lang verfügbar sind.

Mit dieser neuen Richtlinie, die zuerst nur für Großgeräte, wie Waschmaschinen und Kühlschränke, und erst später für Kleingeräte, wie Toaster, Mixer etc., gelten soll, hofft man, den Verbrauch von Rohstoffen zu senken.

Industrieverbände kritisieren jedoch bereits jetzt die Unmöglichkeit der Bevorratung von Ersatzteilen. Wie sich der EU-Vorstoß entwickelt, bleibt abzuwarten. Eine alte Weisheit kann man jedoch schon heute beherzigen, um vielleicht das Risiko einer „geplanten Obsoleszenz“ zu verringern: Wer billig kauft, kauft zweimal.

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