Nicht nur Denkmäler befinden sich im Visier linker Erinnerungsjäger. Seit Jahren tobt ein erbitterter Krieg gegen Straßenzüge, die Persönlichkeiten ehren, deren Wirken dem Zeitgeist nicht geheuer ist.

von Alfons Kluibenschädl

Es ist ein strahlender Sommertag. Irgendwo in Innsbruck läuft ein wissbegieriger Schulbub an der Hand seines Vaters umher. An jeder dritten oder vierten Kreuzung fällt ihm auf, dass der Straßenzug einen neuen Namen hat.

Straßennamen: Mehr als Adressen am Briefkopf

Jetzt will er wissen: Wer war dieser Blasius Hueber? Was hat ein gewisser Schmerling geleistet, damit seine Straße direkt neben dem Landesgericht verläuft? Und warum zum Henker gibt es in der Innenstadt eine Brixner Straße, wenn Ausflüge dorthin zwei volle Zugstunden dauern?

Straßennamen, das wusste dieser kecke Lockenkopf früh, sind mehr als Adressen am Briefkopf. Sie schaffen Identifikation – mit dem Stadtviertel, mit der Geschichte und Geographie des Landes. Und sie erinnern an wichtige Persönlichkeiten und ihr Wirken. Jedes unscheinbare Schild birgt somit eine Erzählung.

Aber sie sind nicht immer unumstritten. Das lernt er, als er später eine Erklärung zur Kernstockstraße haben möchte. Der eher links sozialisierte Vater muss nun den Spagat zwischen dem dichterischen Wirken des Mannes finden – und dessen einstigen Ansichten, mit denen er selbst keinen Konsens erzielt. Aber er gibt sich alle Mühe, es bleibt ein differenzierter Überblick haften.

Lueger verlor seine Straße

Einige Jahre ziehen ins Land, der Knabe studiert nun. In den Nachrichten vernimmt er, dass Wien den Dr.-Karl-Lueger-Ring umbenennt. Lueger war 13 Jahre lang Bürgermeister, brachte viele Großprojekte auf Schiene: Die elektrische Bim geht auf ihn zurück, ebenso schuf er diverse soziale Einrichtungen, realisierte die zweite Hochquellwasserleitung und die Kommunalisierung des Gas- und Stromnetzwerks der Hauptstadt.

Zum Verhängnis werden ihm ein Jahrhundert nach seinem Tod politische Reden, in denen er – einst salonfähige! – antisemitische Vorurteile bediente. Mit einem Streich ist die Erinnerung an einen der größten Bauherren der Wiener Geschichte getilgt: Das „Rote Wien“ misst ihn ausschließlich an heutigen Moralvorstellungen.

Kampf gegen Arndt & Co.

Es ist kein Einzelfall: Aberkannte Ehrungen sind längst im deutschsprachigen Raum an der Tagesordnung. Und zwar nicht nur bei Straßen, sondern auch bei Gebäuden. Im Fall von Ernst Moritz Arndt (1769–1860) betraf es beiderlei.

Der patriotische Literat und Freiheitskämpfer gilt nach 200 Jahren nicht mehr als zeitgemäß, wieder sind es Äußerungen, die die Schilderstürmer nicht im Kontext ihrer Zeit sehen wollen. Zuerst entledigt sich im Vorjahr die traditionsreiche Universität in Greifswald seines Namens. Im Februar streicht ihm dann der Leipziger Stadtrat den Straßenzug.

In Graz zielten linke Akteure seit Jahren auf die Jahngasse ab. Immer wieder gibt es einschlägigen Aktionismus, vor drei Jahren wich sie in einem Stadtplan für Touristen einer „Gasse des 5. Mai“ – ein Hinweis auf einen Rassismus-Gedenktag.

Schon 2006 hatten Aktivisten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Straßenschild ausgetauscht, um eine „Straße des 8. Mai“ anzuregen – das ist der Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht nach dem Zweiten Weltkrieg.

Anschlag auf Hofer-Jahr

Bei solchem Aktionismus geht es weniger um neue Erinnerung als um die Ächtung des Althergebrachten. Ein Innsbrucker Künstler schuf kurz vor dem von 70.000 Tirolern besuchten Landesfestumzug im Jahr 2009 eine Tafel mit der Aufschrift „Pippi-Langstrumpf-Straße“. Diese ersetzte kurzzeitig just jene Straße, die an den Volkshelden Andreas Hofer erinnert.

Die Absicht solcher Aktionen ist dieselbe wie bei Denkmal-Schändungen – an diesem Tag so deutlich wie selten zuvor. Der linke Aktionismus vollzog auch eine „Umgestaltung“ seiner Statue am Berg­isel. Der Sandwirt bekam eine rote Fahne, Plastikgewehre und Bilder mit RAF-Bezug verpasst.

Im Supermarkt ersetzten Aktivisten Produkte mit Hofers Gesicht durch solche, die das Konterfei von Abdullah Öcalan trugen, dem in Haft sitzenden Gründer der kurdischen Terrorgruppe PKK. Es bekannte sich ein oberösterreichisches Kollektiv dazu. Ziel war ein Protest gegen „ritualisierte Heldenverehrungen und politisch motivierte Geschichtsschreibungen“.

Ideologischen Unterbau für eine nicht minder politisch motivierte Deutung lieferte ein Grünen-Gemeinderat schon zuvor, als er Hofer als „obersten Taliban“ Tirols verunglimpft hatte.

Zusatztafeln in Innsbruck und Graz als Kompromiss

Zumindest Straßendiskussionen sind in Innsbruck und Graz heute vorbei. Auch wenn linke Gruppen noch Umbenennungen fordern, behelfen sich beide Städte inzwischen mit Zusatz-Tafeln für „umstrittene“ Straßen. Dieser Terminus ist freilich weit gefasst, die „Omas gegen rechts“ stießen sich einst sogar an einer Straße zu Ehren von k.u.k.-Feldmarschall Conrad von Hötzendorf, den sie für einen „Kriegstreiber“ hielten.

Die Idee kam schon einige Jahr zuvor von den Stadt-Grünen, die in der Folge die Schaffung einer Historikerkommission erreichten. Die Politik als Stichwortgeber linker Zivilgesellschaft – auch im „Schildersturm“ eine offenkundige Tatsache.

Verschobene Torpfosten

Am eifrigsten waren bislang autoritäre Systeme, wenn es darum ging, Orte, Straßen und Bauten umzubenennen. Viele Linke verfechten auch heute einen versteckten Anspruch, dass ihre Ideologie den alleingültigen Fortschritt darstelle.

Bei heutigen Namensgebungen bedienen sich die Vernaderer der bisherigen Gedenkkultur einer dynamischen Methode. Nur selten wären historische Persönlichkeiten nämlich eine Insel im Strom der Zeit. Nach Maßstäben der Gegenwart findet sich für fast jede Persönlichkeit eine Variante, ihr etwas ans Zeug zu flicken.

In Wien setzten die NEOS schon einmal den sozialdemokratischen Staatsmann Karl Renner aufs Menü – und zwar, weil er einst Verfechter des österreichischen Anschlusses ans Deutsche Reich war. Auch die ÖVP kokettierte schon mit der Idee …