Selten hat man seine Zeit besser mit Lesen verbringen können als jetzt. Andre Agassis Autobiografie OPEN ist ein besonders vergnügliches Stück Sporthistorie, nicht nur für Tennisbegeisterte.

Eine Buchrezension von Ken Dietrich

Der Mann aus Las Vegas war eine der schillerndsten Figuren im internationalen Tennis-Zirkus und hat das Gesicht dieses Sports von 1986 bis 2006 maßgeblich geprägt.

Der achtfache Grand Slam Gewinner hat schon vor ein paar Jahren dieses unglaublich vergnügliche Meisterwerk auf den Markt gebracht und es hat nichts von seinem Reiz verloren.

Das Buch macht zum einen so viel Freude wegen der tollen Sprache und zweitens, weil sich der Autor in keiner Weise schont. Kaum ein Geheimnis bleibt unenthüllt, keine Wunde in seiner Seele, in die er nicht den Finger legt.

Es ist eine lange Reise von den Selbstversuchen mit Chrystal Meth, der unglücklichen Ehe mit Brooke Shields bis zur langwierigen Eroberung von Steffi Graf, mit der endlich Glück und Frieden in sein Leben einkehrt.

Ambitiöser Vater

Der sportfanatische Vater beschießt schon Klein Andre ab dem vierten Lebensjahr täglich mit 2.500 Bällen aus einer auffrisierten Ballmaschine – genannt der Drachen.

Wenn ein Kind gezwungen ist, eine Million Bälle pro Jahr zu retournieren, dann muss es einfach gut werden, ohne wenn und aber, so die simple Rechnung des ehemaligen Olympia-Boxers für den Iran.

Dass bei diesen Methoden die Freude am Sport auf der Strecke bleibt, ja sogar in regelrechten Tennis-Hass umkippt, darf nicht verwundern. Auch die Bollettieri Tennis Academy in seinen Teen Jahren ist alles andere als ein Rosengarten.

Der Paradiesvogel

Aber Andre Agassi muss trotz allem Widerwillen spielen, weil er nichts anderes kann und er spielt gut, so gut, dass er lange Zeit die Nummer eins des Sports ist.

Das Buch ist hervorragend geschrieben, köstlich sind respektlose Formulierungen wie z. B. die über das verstaubte Publikum bei den Feierlichkeiten im All England Tennis Club zu Wimbledon: „den Männern wachsen Haare aus den Ohren und die Damen riechen wie alter Likör.…“

Agassi war immer der Paradiesvogel der Szene und fällt speziell in seinen jungen Jahren durch sehr extravagante Haarschnitte auf. Was niemand weiß ist, dass er von früher Jugend an unter extremen Haarausfall leidet.

Um dem Bild gerecht zu werden, das Ausstatter Nike, Medien und Publikum von ihm sehen wollen, ist er gezwungen, mit Toupets, Haarteilen und Perücken zu arbeiten. Später rasiert er sich eine Glatze und steht dazu.

Bei den French Open 1994 in Paris passiert es dann. Er verliert eine brutale fünf Satz Schlacht gegen Thomas Muster. Der Steirer hat natürlich keine Ahnung von den Haarproblemen des Amerikaners – oder doch? – und strubbelt ihm beim Shake Hands am Netz etwas herablassend den Hinterkopf und schleudert ihm dazu ein „Nice Try/Netter Versuch!“ als psychologische Keule in typischer Muster Manier ins Gesicht.

Toupet-Träger

Agassi steht schockgefroren, von Mordlust überwältigt und muss damit rechnen, dass seine Frisur in Fragmenten neben ihm im roten Sand von Paris liegt und er live vor der Weltöffentlichkeit als Toupet-Träger geoutet ist.

Das passiert ganz knapp nicht, aber er schwört sich, niemals mehr gegen Muster zu verlieren und kann dieses Gelübde auch erfüllen. Tolles Buch!