Die Österreicher, egal welcher Gesinnung, haben die Corona-Maßnahmen satt, wünschen sich zusehends die Normalität zurück. Am Freitag lud gerade der laue Frühsommerabend dazu ein. Das dachten sich wohl auch in Wien zahlreiche junge Menschen, welche den öffentlichen Raum säumten wie zu Vor-Corona-Zeiten. So offenbar auch am Karlsplatz. Und es war dort wohl auch lange eine normale Feier – bis die Polizei einschritt und die Feierlaune unterband und zeitgleich mutmaßliche Antifa-Chaoten die Situation nützten. Büßen müssen die beiderseitige Eskalation nun alle Wiener gleichermaßen. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Die totalitäre Lage im Land führt dazu, alte Denkmuster aufzubrechen und Lagergrenzen zu verwischen. Menschen auf den unterschiedlichsten Lebenswegen, die noch vor anderthalb Jahren nicht miteinander gesprochen hätten, reichen sich die Hand. Andere werden sich hingegen aus Nichtigkeiten plötzlich spinnefeind. Was gestern am Wiener Karlsplatz los war, bot allerdings eine neue Qualität: Denn diesmal waren es nicht die „bösen“ Maßnahmenkritiker, die sich versammelten, sondern offenbar vornehmlich linksalternative Leute. Und in der Bewertung gibt es dann doch die üblichen Verdächtigen, die mit einem erstaunlichen zweierlei Maß messen. Aber alles der Reihe nach.

Polizei-Eskalation gilt leider mittlerweile glaubwürdig

In sozialen Medien ging es am Samstagabend rund. Einige linksgerichtete Accounts reden davon, dass die Polizei mit vollem Karacho in „feiernde Kids“ stürmte. Und angesichts der Eskalationsstrategie erst vor wenigen Monaten gegen friedliche Regierungskritiker bei Demonstrationen fällt es mir nicht schwer zu glauben, dass die Wiener Polizei auch hier jedes Augenmaß vermissen ließ. Wer stundenlange Kessel-Schikanen befehligt, dort Menschen ohne Not mit Pfefferspray eindeckt oder festnimmt und dabei den Toilettengang verwehrt, ist auch zu solchen Aktionen fähig.

Dass es diesmal auch die Liebkinder jener betraf, die vor einigen Monaten am Liebsten gesehen hätten, wie die Exekutive auch noch Frauen und Kinder protestunfähig geknüppelt hätten und nicht nur Seniorinnen rabiat verhaftet, ist für mich unerheblich. Schadenfreude über „die eigene Medizin“ ist nicht meine Art. Und ich finde generell, dass man Leute nach Monaten schikanöser Ausgangssperren bei kaum existenter Inzidenz feiern lassen kann. Ich stoße mich nicht an Feiernden am Karlsplatz oder Donaukanal. Man sollte ihnen das letzte bisschen Normalität nicht auch noch nehmen.

Scheuklappen nach Vorfällen weg? Fehlanzeige!

Man würde aber meinen, ein Stück der eigenen Medizin würde den einen oder anderen Linksausleger zum Umdenken animieren. Dass vielleicht der eine oder andere zum Grübeln kommt, dass er vielleicht den Teilnehmern der Freiheits-Demos Unrecht tat, nun wo klar ist, dass Nehammers Polizei keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Aber ein Zebra ändert seine Streifen nicht, erst recht, wenn es sich für ein Ross aus der Hofreitschule hält. Und so beginnt das Reframing.

Die harten Antifa-Mobs, welche die Eskalation anheizten und Flaschenwürfe auf die Polizei tätigten sowie zu schmähenden Sprechchören animierten („Ganz Wien hasst die Polizei!“) werden plötzlich zu einer Art Freiheitskämpfer für „feiernde Jugendliche“. Und die Exekutive? Die ist für sie wieder einmal eine Art faschistoider Sturmtrupp, der wie in dunklen Zeiten einfach in die Menge marschiert, bei tausenden „Rechtsextremisten“ und „Corona-Leugnern“ aber wegschauen würde….

Aus der Opferrolle heraus blühen Feindbilder auf

Sie meinen, ich mache Witze? Nein: Das ist heute die Erzählung der linken Twitteria. Es ist ein Narrativ, das eine berüchtigte Antifa-Fotografin ebenso spielt wie ein bekannter linker Autor und eine Grünen-Gewerkschafterin. Dass eine völlig enthemmte ÖVP nicht nur rechte Extremisten erfindet, sondern auch auf der linken Seite die Polizei mit Symbolaktionen vorgehen lässt, um einmal kurz „Law & Order“ zu simulieren, kommt ihnen gar nicht in den Sinn.

Sie brauchen ihre Feindbilder: Die erfundenen Attacken von „Coronaleugnern“ auf „Menschen“ (sind Maßnahmenkritiker etwa keine?), die ganzen „Neonazi“-Anwälte, Mütter und Ärzte, die sich zu „Aufmärschen“ versammeln. Wenn es einem linksalternativen Hirn entspringt, wird es schon so stimmen. Widewitt, ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Dass es vielleicht einmal im Leben nicht um „links gegen rechts“ geht, sondern um einen Staat, der sich das gesamte Volk zu Feindbild macht und nun einfach auch sie selbst an der Reihe sind, nachdem sie dieses bedrohliche System mitgebaut haben, kapieren sie nicht.

Nun gilt Platzverbot – und zwar für alle Wiener!

Wie Sie bereits erkennen können, lässt die überschießende Antwort nicht lange auf sich warten. Denn mit Wirkung ab 19 Uhr erließ die Wiener Polizei am Samstag für den gesamten Karlsplatz ein Platzverbot. Alle Wiener müssen nun ausbaden, dass Nehammer immer und überall Extremisten sieht, wenn Menschen, die er für „Lebensgefährder“ hält – also alle, die sich nicht an die Maßnahmen seiner Partei halten – ein bisserl zu wenig Abstand für seinen Geschmack halten und ein bisserl zu wenig Maske tragen.

Als diese Maßnahme offiziell wurde, dämmerte es zumindest so manchen linksgerichteten Personen: Mit Demokratie hat das hier im Lande nur mehr am Rand zu tun. Die zur Schau gestellte Empörung ist groß. Noch vor wenigen Wochen vernaderten diese Kreise jeden, der vor dem Abbau von Grund- und Freiheitsrechten warnte, als „Rechtsextremen“ oder als „Verschwörungstheoretiker“. Nun sehen sie selbst die Vorboten eines totalitären Systems. Wer hätte es ahnen können…

Die eigentliche Realisation ist noch ausständig

Einzig mit der Einordnung scheint es eben noch zu hapern – der Verfasser des vorhergehenden Tweets retweetete etwa auch den nachfolgenden. Wie gesagt: Egal, wie deutlich die Staatsmacht dieses Wochenende möglicherweise die Kritik der Maßnahmen-Demos bestätigt – Hauptsache das Feindbild bleibt bestehen. Wir berichteten mehrfach vor Ort von den Freiheits-Kundgebungen. Und obwohl es tiefster Winter war und „Bomberjacken“ durchaus wärmen: Wir sahen keine.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Diese Regierung und ihre Handlanger machen sich mit ihrem Kurs immer mehr Kritiker und Feinde. Vielleicht folgt irgendwann auch die Realisation, dass das Corona-Regime der Regierung nicht nach Gesinnung der Brecher ihrer absurden Regeln unterscheint. Wenn diese Hemmschwelle in Gedanken einst fällt, könnte es fürwahr sehr ungemütlich für Kurz, Nehammer & Co. werden. Von zwei Flanken unter symbolischem Beschuss zu sein, kann nämlich dann wohl nicht einmal die beste Propaganda-Maschinerie noch richten. 

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