Furchtbare Szenen auf den griechischen Inseln Chios und Lesbos: rund 500 Einheimische stemmten sich in den Häfen gegen die Anlieferung schweren Gerätes – zum Neubau geschlossener und größerer Migranten-Zentren. Sie wurden von einem Großaufgebot der Polizei brutal mit Tränengas zurückgedrängt.

Ein Bericht von Kornelia Kirchweger

…als würden uns feindliche Kräfte attackieren

Zu den schwersten Zwischenfällen kam es im kleinen Hafen von Mesta auf Chios. Dort war in der Nacht eine Fähre mit schwerem Gerät zum Bau eines neuen Migranten-Lagers gelandet. Die Hafenblockade wurde von der Polizei mit Tränengas aufgelöst. Der Bürgermeister von Chios, Stamatis Karmantzis, sagte entsetzt: „Es war, als würden wir von feindlichen Kräften attackiert“. Auf Lesbos wollten die Inselbewohner dasselbe im Hafen Mytilene verhindern. Dort standen ihnen 1.500 Polizisten gegenüber, die die ungehinderte Ausladung der Baumaschinen vom Schiff „Pegasus“ überwachte. Die Leute blockierten dann mit Müllwagen und Lkw die Ausfahrtstraßen vom Hafen in die Stadt, wo die Bauarbeiten im Viertel Karavas geplant sind. Umsonst.

Staat gegen Volk: wir bauen!

Völlig ungerührt von den Protesten und den Problemen der Inselbewohner, verkündete Regierungssprecher Stelios Petsas eiskalt: „Wir werden die neuen Lager bauen. Das wird gut für das Land und die Einwohner der Inseln sein“. Auf Lesbos, Chios, Samos, Kos und Leros müssen sich die insgesamt rund 210.000 Bewohner ihren Lebensraum mit über 42.000 Migranten teilen. Der Großteil der jetzigen Ankömmlinge sind Afghanen, gefolgt von Syrern, Tendenz weiter steigend.

Schon vor einigen Wochen demonstrierten die Inselbewohner gegen die neuen Pläne der konservativen Regierung. „Wir wollen unsere Inseln zurück, wir wollen unser Leben zurück“, forderten sie. So könne es nicht weitergehen, erzählte eine junge Frau. Wenn sie mit ihrer Großmutter zum Arzt gehe, stehen vor ihnen 50 Migranten und deren Familien in Schlange. An den überfüllten Lagern staple sich der Müll. Man habe Angst vor Krankheiten. Der Tourismus leide darunter und damit die Haupteinnahmequelle der Bewohner (Wochenblick berichtete).

Gefangen im EU-Türkei-Flüchtlingspakt

Die Proteste der Inselbewohner richten sich vor allem gegen Premier Kyriakos Mitsotakis: der hat bisher keine seiner Versprechungen zur Verbesserung der Lage eingehalten. Zudem ist Mitsotakis an den EU-Türkei-Flüchtlingspakt gebunden, der auf Betreiben Deutschlands zustande kam: er sieht vor, dass alle Migranten, die illegal von der Türkei nach Griechenland übersetzen, auf den Inseln festgehalten werden. Nur wer dort keinen Anspruch auf Asyl hat, kann zurück in die Türkei geschickt werden. Das schließt alle aus, deren Antrag auf dem Festland abgelehnt wird. Dorthin werden aber viele Migranten immer wieder wegen der überfüllten Lager von den Inseln hingebracht – bevor ihre Asylverfahren abgeschlossen sind. Diese gehen auf den Inseln nur schleppend voran. Es fehlt angeblich an Personal und Übersetzern.