Immer mehr Künstler begehren gegen die Corona-Maßnahmen ihrer Regierungen und deren Folgen auf. Nachdem das Allheilmittel verpflichtender Maskentracht zum Sinnbild eines Maulkorbs für (nicht mehr) mündige Bürger wurde, kommen der bröckelnden Erzählung ihre kulturellen Erhalter zusehends abhanden.

Von Alfons Kluibenschädl

Eine „überwältigende Zustimmung“ zur DDR-Politik wollte das SED-Propagandablatt „Neues Deutschland“ im November 1976 nach der Ausbürgerung des kritischen Künstlers Wolf Biermann ausmachen. Als Kritik aus dem Westen kam, fanden sich im Osten schnell „tausende Kulturschaffende“, die in voraus­eilendem Gehorsam Lippenbekenntnisse abgaben, um ihr Wirken abzusichern. In anderen totalitären Regimes begaben sich viele Kritiker in die „innere Emigration“, zogen sich aus dem politischen Raum zurück, statt offenen Widerstand zu leisten.

Kampf um Grundlage

Im Gegensatz zu jahrelang aufgebauter „Gegenkultur“ – viele Pop-Legenden schwammen im Kulturkampf der 68er mit – ist spontanes Aufkommen von Kritikern an herrschenden Zuständen zwar kein Zeichen für wechselnde Deutungshoheit. Weil der Unterhaltungssektor aber auf öffentliche Gunst, positive Aufnahme bei Kollegen und Zustimmung des Publikums baut, gibt wachsende Unzufriedenheit einen guten Gradmesser für eine kippende Stimmung im Volk ab.
In der Corona-Krise trauen sich Künstler aus der Deckung, denen man es nie zugetraut hätte. Schlagersänger Michael Wendler nahm sogar die folgende mediale Hetzjagd in Kauf. Über die Kritik von Roland Düringer schrieb der „Wochenblick“ unlängst. Ein kritisches Video des linken Kabarettisten Lukas Resetarits läutete im Mai den Abschied der grünen Ex-Staatssekretärin Ulrike Lunacek ein. Sogar Til Schweiger, noch bei der großen Asylkrise ein Wortführer der Etablierten, gibt neuerdings den Maßnahmen-Kritiker. Vielleicht hilft der Umstand, dass viele derzeit um Auftritte umfallen. Wenn es an Lebensgrundlagen rüttelt, trauen sich Menschen eher, am öffentlichen Watschenbaum zu rütteln.

Eine laute Gruberin

Die Angst vor Verlust des Ansehens schwindet, wenn äußere Umstände es ohnehin bedrohen. Während manche sich nach Bereinigung der akuten Bedrohungslage wieder mit dem üblichen Trott arrangieren, bleiben andere dauerhaft kritisch. Eine der bleibenden, erfrischenden Gegenstimmen ist die Bayerin Monika Gruber, der ihr seit jeher kerniges und an den Menschenverstand appellierendes Kabarett hilft, Gegenwind abfedern zu können. Sie kann jene Nische beanspruchen, die selbst ein repressives Meinungsklima ausgewählten Kritikern lässt, um den Anschein von Meinungsfreiheit zu wahren.
Unlängst stellte sie ihr gesellschaftskritisches Buch „Erlöse uns von den Blöden“ auf „Servus TV“ vor. Sie sprach von der „fast religiö­sen Bedeutung“ des Corona-Narrativs. Eine Diskussion über Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit von Maßnahmen sei aufgrund der Hysterie unmöglich. Wie bei der Asylkrise finde eine „moralische Überhöhung“ im Diskurs statt. Wer offizielle Deutungen hinterfrage, werde sofort als „Aluhutträger“ stigmatisiert. Ein Bekannter habe ihr wegen eines maskenkritischen Videos die Freundschaft gekündigt. Dank Politiker-Aussagen wie „Corona ist und bleibt tödlich“ richte die Angst mehr Schaden an als die Krankheit. Der „totalitäre Touch“ der Situation beunruhige sie.

Wachsender Widerstand

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – aber der Mainstream sieht den Schwarm aufkommen. Er versucht, die schärfsten Kritiker schnell zu „entsorgen“, Xavier Naidoos Hinweis auf Verwerfungen infolge der Migrationskrise folgten der öffentliche Kahlschlag und der Ruf nach Auftrittsverboten. Aber ein System, das mit Repression reagiert, hat Angst. Diese ist inzwischen so stark, dass der Hinweis von Nena, ihren gesunden Menschenverstand zur Zerlegung von „Panikmache“ einzusetzen, zur medialen Unterstellung führte, sie wolle ins Lager der „Corona-Leugner“ und „Verschwörungstheoretiker“ wechseln. Dabei erwähnte sie das Virus in ihrer Kritik mit keinem Wort …