Die Internet-Zensur boomt. Rund um die Uhr werden soziale Medien mit dem politisch korrekten Besen sauber gefegt. Auch in Österreich. Bei Lösch-Anträgen von Facebook-Einträgen liegen wir übrigens im internationalen Vergleich ganz vorne. Die Bereitstellung der dazu benötigten „Posting-Polizei“ ist ein boomendes Business. Auch ein Call Center in Wien ist damit sehr erfolgreich.

Ein Beitrag von Kornelia Kirchweger

Saftige Strafen für Verstöße

Facebook-, Twitter- oder YouTube-User werden immer öfter gesperrt oder in den Schatten verbannt (shadow banning), weil ihre Beiträge nicht den „Community Regeln“ entsprechen. Deutschland ist Löschkaiser. Das seit 2018 geltende und sogar von der EU hinterfragte „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ („Facebook-Gesetz) macht es möglich. Bei Verstößen gegen das Gesetz können für soziale Medienplattformen bis zu 50 Millionen Euro Strafe anfallen. Sie müssen einen Ansprechpartner für Justiz und Bürger im Land nennen. Auf Beschwerden/Anfragen ist binnen 48 Stunden zu reagieren. Kritiker meinen, das Gesetz widerspreche europäischem Recht.

In der Weltspitze mit dabei

Generell haben staatliche Stellen großes Interesse, unliebsame Inhalte entfernen zu lassen. Der jüngste Bericht von Comparitech listet auf, welche Regierungen am häufigsten Zensur begehren und für welche Kanäle das vorwiegend gilt.  Österreich liegt dabei im internationalen Vergleich unter den ersten 20 – auf Rang 15 – nur zwei Plätze nach China. An der Spitze steht Indien, gefolgt von Russland, der Türkei, Frankreich, Mexiko und Brasilien. Deutschland liegt auf Platz sieben, die USA auf Platz neun.

Zahlreiche Löschanträge

Bei Facebook liegt Österreich mit Löschungsanträgen gar auf Rang zehn, gleich nach Russland und vor Italien. Indien liegt an der Spitze, gefolgt von Frankreich, Mexiko, Türkei, Pakistan und auf Platz sieben: Deutschland. 2015 war das Spitzenjahr bei Facebooklöschungen – mit einem Anstieg von 313,37 Prozent gegenüber 2014. Die Hälfte aller Löschungsbegehren kam von Frankreich, was mit den islamistischen Terroranschlägen zusammenhängen könnte. 2016 gab es einen Rückgang der Löschungsanträge, dann stiegen sie wieder kontinuierlich. Bei Wikimedia liegt Österreich auf Rang 17, nach der Schweiz und vor der Türkei. An der Spitze: die USA, gefolgt von Deutschland, Frankreich, UK und Italien. In dieser Auflistung sind nicht nur staatliche Forderungen auf Löschung enthalten, sondern auch jene von Einzelpersonen und Firmen. Laut Comparitech wird solchen Aufforderungen aber kaum nachgekommen. Wikimedia ist eine amerikanische non-profit Stiftung mit Sitz in Kalifornien. Zu ihr gehören Wikipedia, das Online-Wörterbuch Wiktionary, die Zitate-Plattform Wiki-Quote, Wiki-Books, etc.

Die Wiener Firma CCC beschäftigt rund um die Uhr Inhalts-Moderatoren, die für die korrekte Nutzung im Einsatz sind.

Zensur „Made in Austria“

Bei Twitter gab es keine nennenswerten Löschungsbegehren seitens Österreich. Dort lag die Türkei auf Platz eins, gefolgt von Russland, Frankreich, Indien, Japan und auf Rang sechs: Deutschland. Dasselbe gilt für Google-Inhalte. Russland liegt dabei auf Platz eins, gefolgt von der Türkei, den USA, Brasilien, Indien, UK und Deutschland auf Platz sieben. Begründungen waren vor allem „nationale Sicherheit“ und „Verleumdung“. Betroffene Kanäle waren insbesondere blogger.com und YouTube. Den größten Anstieg dieser Löschungsaufforderung gab es im Jahr 2016 mit einer Zunahme von 168,13 Prozent, wobei vor allem russische Forderungen diesen Sprung bewirkte. Dasselbe gilt für 2017. Die Bereitstellung einer effizienten „Fakten-Checker-Infrastruktur“ ist mittlerweile ein lukratives Business geworden. Auch für die Wiener Firma „Competence Call Center“ (CCC), zu dessen Kunden u.a. Facebook zählt. Das 1998 gegründete Unternehmen beschäftigt eine Vielzahl von „Inhalts-Moderatoren“, die rund um die Uhr für eine korrekte Nutzung sozialer Medien im Einsatz sind. Heute arbeiten dort rund 8.500 Personen an 22 Standorten in elf Ländern mit 70 Partnern in 33 Sprachen.

Personal dringend gesucht

Im CCC Fakten-Checking-Zentrum im deutschen Essen überprüfen für Facebook rund 1.000 Personen Postings, Kommentare, Bilder, und Videos auf nicht-konforme Inhalte. Gesucht werden „Content-Moderatoren“, die neben Deutsch und Englisch auch Türkisch, Albanisch, Kurdisch, Bulgarisch, Holländisch, Schwedisch und Arabisch sprechen. Gefordert wird u.a. „Kulturelles Bewusstsein für politische und soziale Situationen“. Auch von Barcelona aus sorgt CCC für die korrekte Nutzung der sozialen Medien. Aufgabe der dortigen Content- Moderatoren ist die Durchforstung der sozialen Medien in ganz Latein Amerika, Mexiko und Frankreich den Vorgaben entsprechend. Mit 24.000 Euro Anfangsgehalt pro Jahr ist man dabei, heißt es auf der CCC Webseite im Career-Bereich. Im litauischen Riga verrichten Content-Moderatoren ihre Arbeit auf Estnisch und Litauisch. Anfangsgehalt: 1.200 Euro brutto. Bei allen Content-Managern ist die Bereitschaft zur Schichtarbeit wichtig – auch an Wochenenden.