Ein Interview von Rebecca Sommer

Dieses Interview wurde zuerst bei EpochTimes veröffentlicht

Rebecca Sommer: Du bist hier im Kreise der Tausenden protestierenden Bauern, die schon mal nach Berlin gekommen sind, dann wieder nach Hause gefahren sind und wieder gekommen sind. Auch neue Teilnehmer sind gekommen. Du wirst immer wieder als die Expertin empfohlen, wenn es um die Herkunftskennzeichnungsdebatte geht. Könntest du uns, also dem Laien, die Herkunftskennzeichnung auf Lebensmitteln erklären. Worum geht es da genau?

Frauke Bielefeld: Ja, Herkunftskennzeichnung auf Lebensmitteln ist mir deshalb so wichtig, weil gerade von politischer Seite gegenüber dem Verbraucher oft der Vorwurf kommt, der Verbraucher kaufe nicht richtig ein. Der Verbraucher sei schuld daran, dass für Lebensmittel nicht genügend bezahlt würde. Und so weiter und so weiter.

Ich stelle einfach die steile These auf, dass der Verbraucher gar nicht in der Lage ist zu erkennen, woher sein Lebensmittel im Regal kommt. Soll der Verbraucher dies erfahren, dann steht es aber nur aus werbetaktischen Gründen darauf. Wir haben in Deutschland mittlerweile weit über 1000 Label. Es wird dem Verbraucher suggeriert, er könnte erfahren, woher die Lebensmittel kommen, das ist aber nicht die Wahrheit.

Es gibt ein Identitätskennzeichen auf einer Verpackung, da kann der Verbraucher aber nur erkennen, wo das Lebensmittel zusammengeschustert worden ist. Er weiß aber nicht, woher das Lebensmittel, welches er konsumieren möchte, tatsächlich herkommt.

Dann gibt es diesen berühmten Strichcode, diese GTIN-Nummer, früher hieß das EAN. Ich glaube 2009 ist das umbenannt worden, heute heißt es GTIN. Das ist ein Strichcode, darunter sind Zahlen, die Nummern 400 bis 4040. Das sind die deutschen GTIN-Nummern. Darüber kann der Verbraucher aber nicht erfahren, woher sein Lebensmittel kommt. Jeder kann sich diese GTIN-Nummern kaufen. Jeder. Auch China kann deutsche Lebensmittelnummern, also deutsche GTIN-Nummern, kaufen.

Das heißt aber nicht, dass das ein deutsches Lebensmittel ist. Der Verbraucher möchte aber nicht wissen, woher die Verpackung stammt, sondern er möchte wissen, woher das Lebensmittel kommt, das er sich zuführt. Der Verbraucher muss doch das Recht haben zu erfahren, woher der Inhalt einer Kekspackung, einer eingeschweißten Wurstverpackung oder einer Himbeerpackung aus der Gefriertruhe kommt. Er sollte das Recht haben zu erfahren, woher es kommt. Er sollte auch entscheiden können, ob ihm die Qualität der Produktionsstandards – die das Land dahinter verspricht – genügt. Und ob er das kaufen möchte oder nicht. Das Recht hat ein Verbraucher doch einfach. So sehe ich das zumindest.

Das Interview zum Anschauen:

Sommer: Wenn ich ein Sahnejoghurt von der Firma soundso kaufe, da gehe ich ja eigentlich davon aus, dass das von hier stammt.

Bielefeld: Ja, wenn du Sahnejoghurt von irgendeiner bestimmten deutschen Molkerei kaufst, gehst du davon aus, dass diese Molkerei die Milch zu diesem Joghurt natürlich aus der Region hier bezogen hat. Es kann sein, dass das hiesige Milch ist. Sie kann aber eben auch ganz von woanders herkommen. Und da sehe ich halt das große Problem. Der Verbraucher möchte nicht wissen, woher das Lebensmittel eventuell kommen könnte, er will es genau wissen und dazu hat er ein Recht. Woher kommt die Milch und wie ist diese Milch entstanden?

Sommer: Wenn ich zum Beispiel Würstchen kaufe und auf der Verpackung steht ‚deutsches Würstchen aus den Alpen‘…

Bielefeld: Dann gibt es eigentlich die Regelung, die besagt, wenn draufsteht ‚deutsche Würstchen aus den Alpen‘, dann sollte dieses Fleisch auch aus Deutschland oder aus der Alpenregion stammen. Ist das aber nicht der Fall, reicht es nach EU-Recht vollkommen aus, dass irgendwo draufsteht, dass das Produkt aus der EU kommt, oder eben nicht aus der EU. Genauer muss man das nicht deklarieren.

Sommer: Seitdem diese Demonstrationen aufgeflammt sind, habt ihr euch zu verschiedenen Gruppen und bis hin zu Organisationen neu gegründet und vom Bauernverband abgewendet. Einige sind zwar noch Mitglied im Bauernverband, aber es ist eigentlich eine Abwendung vom Bauernverband. Ihr habt euer Schicksal selbst in die eigene Hand genommen. Ihr habt eine eigene Arbeitsgruppe gegründet und versucht jetzt die Gesetze der Herkunftskennzeichnung nachzuvollziehen. Was ist eigentlich in diesen ganzen Gesetzen enthalten?

Bielefeld: Ja, das ist eine ganz umfangreiche Frage. Da kann ich erstmal in puncto Bauernverband sagen: Willst du, dass es für dich gut ausgeht, dann nimm es selber in die Hand. Das machen wir Bauern jetzt auch. Mit dem Erfolg, dass wir durch unsere ganzen Proteste inzwischen so viel Aufmerksamkeit erzeugt haben, dass wir mittlerweile mit dem Bundesverband für den Lebensmitteleinzelhandel (BVLH) im Gespräch sind. Wir sitzen mit denen jetzt am virtuellen Tisch, in Gesprächen, in Verhandlungen und unterhalten uns darüber, wie wir jetzt eine transparente Kennzeichnung auf den Lebensmitteln hoffentlich gemeinsam hinkriegen. Eben so, dass der Verbraucher die Möglichkeit bekommt, so wirkungsorientiert einzukaufen, wie es von ihm politisch gefordert wird. Das ist gerade unser Ziel.

Sommer: Aber warum Lebensmitteleinzelhandel?  Müsste eine transparente Herkunftskennzeichnung nicht schon per EU-Gesetz festgelegt sein? Das würde ja bedeuten, dass ihr vom Lebensmitteleinzelhandel eine freiwillige Handlung erzielen möchtet, die aber gesetzlich gar nicht vorgeschrieben ist?

Bielefeld: Nein gesetzlich ist das gerade nicht vorgesehen. Wir sind natürlich auch an die Politik herangetreten und haben unsere Kritik geübt. Bei der Politik ist das vollkommen bekannt, die hat aber kein Interesse daran. Die möchte das nicht und deswegen müssen wir diesen Umweg über den Einzelhandel gehen. Wir können nur hoffen, dass der Einzelhandel mit uns gemeinsam so viel Druck aufbaut, dass es irgendwann vielleicht auch politisch umgesetzt wird, dass der Bürger wieder erfahren darf, woher das Lebensmittel innerhalb der Verpackung kommt, sodass der Landwirt auch wieder ein Gesicht bekommt. Das ist mir so wichtig. Wir sind nicht gesichtslos. Wir sind keine Waren. Wir sind auch nicht nur Rohstoffproduzenten. Wir produzieren Lebensmittel. Wir haben ein Gesicht und wir haben auch ein Gesicht verdient. Nicht nur der Landwirt hier vor Ort, auch der Landwirt auf der anderen Seite der Welt hat es verdient, wieder ein Gesicht zu bekommen und dafür versuchen wir uns einzusetzen. Ich hoffe, dass die Politik irgendwann auch mal zuhört. Das möchten nicht nur wir Bauern, sondern auch der Bürger. Der fordert das schon lange.

Sommer: Du bist Bäuerin. Kommst du aus einem Familienbetrieb?

Bielefeld: Ich bin Milchviehhalterin, unser Betrieb ist schon annähernd 600 Jahre in Familienhand. Das finde ich natürlich total schön und das ist auch mit der Grund, warum man so sehr damit verhaftet ist. Das weiß unser Gegenüber, die Politik und auch die verarbeitende Industrie natürlich für sich zu nutzen.

Die wissen, dass das ein ganzes Leben und Tradition ist, was da dahintersteht. Es ist nicht wie in jedem anderen produzierenden Gewerbe, wenn es sich nicht lohnt, dann machen wir halt die Türen zu. Als Generationsbäuerin ist man wirklich emotional stark verhaftet und deswegen kämpfen wir auch so immens. Mein Sohn möchte gerne weitermachen und ich würde das unglaublich schade finden, wenn so ein alter Familienbetrieb jetzt einfach aufgeben muss. Übrigens haben bereits 93 Prozent der ganzen Milchviehhalter in den letzten 50 Jahren schon aufgegeben.

Ich bin im letzten Herbst 50 geworden. Zu meinem Geburtsjahr 1970 gab es noch knapp 763.000 Milchviehbetriebe, heute sind es keine 55.000 mehr. Sprich, wir sind nur noch 7 Prozent, die übergeblieben sind. 93 Prozent der Milchviehhalter haben aufgegeben. Ich finde das eine unglaublich erschütternde Zahl. Vor allen bei dem Hintergrund, dass man weiß, dass wir in Deutschland ohnehin nur noch einen Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln haben – wenn man das auf Kalorien runterbricht, stehen wir nur noch bei 85 Prozent.

Wobei ich mir auch nicht im Klaren darüber bin, ob das überhaupt eine ehrliche Zahl ist. Aber die Zahl, die uns von offizieller Seite genannt wird, ist 85 Prozent. Sprich, es ist eigentlich jeder Landwirt wichtig. Es darf keiner mehr verloren gehen. Die logische Konsequenz daraus wäre ja, wenn wir immer so weitermachen wie bisher, es irgendwann nur noch einen Bauern geben würde.

Der Bürger, die Bevölkerung, die kommunizieren das doch ganz deutlich: Wir wollen dieses ‚Große‘ nicht. Aber genau das wird uns abverlangt, wir sollen immer größer werden, noch mehr leisteten, aber wir können nicht mehr. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Natürlich wollen wir die Natur schützen, die Umwelt schützen, was würde uns ferner liegen, als das nicht zu tun, das ist doch unsere Tradition. Wie gesagt – bei uns sind es schon fast 600 Jahre – haben die letzten zig Generationen der Umwelt und Natur nicht geschadet, das wollen wir auch nicht. Man muss einem die Möglichkeit lassen, davon leben zu können und das finde ich unglaublich wichtig in Anbetracht, dass nur noch 85 Prozent der Höfe Selbstversorgungsgrad haben.

Gerade heute Morgen gab es wieder diese Corona-News. Die Länder überlegen, ob sie denn die Medikamente, die innerhalb eines Landes produziert werden, jetzt noch exportieren möchten. Ob man das in andere Länder schickt oder die Medikamente selber behält. Was passiert denn, wenn es um das Lebensmittel geht? Darüber muss man sich ja mal Gedanken machen und wir haben nur noch 85 Prozent Selbstversorgungsgrad. Was passiert mit dem Lebensmittel?

Rebecca Sommer: Ist das gewollt, oder ist denen das einfach nicht klar, was sie machen?

Frauke Bielefeld: Ich hoffe, dass das denen nur einfach nicht klar ist. Die Erfahrung der letzten anderthalb Jahre spricht eigentlich eine andere Sprache. Aber da mag ich eigentlich gar nicht drüber nachdenken, was das dann bedeuten würde. Was bedeutet das, wenn die Versorgung der eigenen Bevölkerung so auf die leichte Schulter genommen wird?


Zur Autorin: Rebecca Sommer ist eine internationale, seit 2012 in Berlin sesshafte deutsche Menschen- und Völkerrechtsadvokatin. Bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland 2012 engagierte sie sich mit ihrem speziellen beratenden ECOSOC-Status sowohl bei den Vereinten Nationen im New Yorker UN-Hauptquartier in Genf und weltweit für Menschenrechte mit speziellem Fokus auf Indigene Völker und Völkerrecht. 

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