Eine gemauerte Kaserne als vorübergehendes Wohnquartier hätte sich so mancher Kriegsflüchtling des Jahres 1945 gewünscht. Denn die meisten der damals Versprengten und Vertriebenen, darunter auch viele Volksdeutsche, hausten in primitiven, zugigen Barackenlagern – und waren zufrieden.

Ein Bericht von Chefredakteur Kurt Guggenbichler

Andere waren nämlich noch schlimmer dran. In den ersten Wochen nach der Befreiung bevölkerte etwa eine Million entwurzelter Menschen aus aller Herren Länder unser Bundesland, von denen viele ihr Leben in Not- und Massenquartieren fristeten.

Zuflucht in Barackenlager in der Pernau

Darunter auch Marianne und Matthias Sellmann aus dem Banat. Auf der Flucht vor den Russen und noch mehr vor Titos Partisanen hatte die Bauersfamilie Hof und Vieh zurücklassen müssen, war aber froh, mit dem nackten Leben davongekommen zu sein.

Das Schicksal hatte sie samt Kinder und Enkel 1945 aus dem Gebiet des heutigen Serbiens nach Wels verschlagen, wo sie im Barackenlager in der Pernau Zuflucht fanden.
Das Lager lag etwas oberhalb des Weigel-Viadukts (heute Osttangenten-Unterführung) und war eingezwängt zwischen Westbahn und Mitterweg.

Schlechte Wohnverhältnisse

In Wels – wie auch im Rest von Oberösterreich – gab es damals viele solcher Quartiere. Sie hatten Nummern und waren über die ganze Stadt verstreut.
Eines ist mir wegen seiner leicht zu merkenden Zahl besonders gut in Erinnerung geblieben: das 1001er-Lager.

In dieser Flüchtlingssiedlung, die sich auf dem Gebiet vor der heutigen Zeltkirche in Richtung Stadt erstreckte, war Sellmanns Tochter „Mädi“ mit Mann und Kind untergekommen. Sie lebten dort auf etwa 8 Quadratmetern in einer der 22 großen und nicht isolierten Baracken. Sie waren jeweils dreißig Meter lang und zehn Meter breit und oft mit mehr als 100 Personen belegt. Aber es gab Waschräume mit Kaltwasser und Toiletten, am Südende des Lagers sogar eine Badebaracke mit Warmwasserbrausen.

Trotzdem gute Laune

Ihre Stuben beheizten die Sellmanns im Winter mit einem Kanonenofen, trotzdem haben sie darin viel gefroren. Auch Ungeziefer gab es in den Quartieren. Durch die schlechten sanitären Bedingungen und die schlechten hygienischen Verhältnisse bestand eine latente Epidemien-Gefahr. Das war im Lager am Mitterweg nicht anders. Trotzdem waren die Sellmanns froh „da zu sein.“ Das sagten sie erst recht noch 1955, als die Zeiten für alle schon besser waren.

Zwar lebten sie immer noch sehr beengt, aber sie hatten wenigstens schon ausreichend zu essen und am Samstag gingen Marianne und Matthias Sellmann zum Brausen ins Welser Tröpferlbad. Denn eine Brausebaracke gab es am Mitterweg nicht. Aber viel gute Laune! „Immer nur herein in die Stube“, riefen sie lachend und schon von weitem wenn ich sie dort mit meinem Halbbruder Dietmar besuchte. Eigentlich waren die beiden netten alten Leute seine Großeltern, aber auch ich sagte Opa und Oma zu ihnen.

Viel Eigeninitiative

Die Vorfahren dieser beiden warmherzigen Menschen waren im 18. Jahrhundert aus dem Schwabenland in das Banat ausgewandert und hatten sich dort im Laufe der Zeit einen großen Hof mit etwas Vieh erwirtschaftet. Durch ihre Arbeit und ihr Wirken für die Allgemeinheit wurden sie zu wohlhabenden und respektierten Mitgliedern der Dorfgemeinschaft.

Das blieben sie auch bis hinauf zur Generation von Marianne und Matthias Sellmann, die mit ihrer Flucht alles verloren: Heimat, Ansehen und Besitz.
Statt in einer schönen Wohnung saßen sie zehn Jahre nach ihrer Flucht noch immer in einer Baracke in Wels. Aber sie lamentierten nicht und haben meine Familie oft zum Essen zu sich eingeladen.

Banater Bauern

Wir litten zwar auch keine Not mehr, aber wenn man schon in den Genuss von Omas Kochkünsten kommen konnte, so verweigerte man sich diesen nicht.
Denn ihre selbstgemachte Schweinskopfsülze war legendär und vieles andere aus ihren Töpfen auch.

Dazu verkochte Oma schon Gemüse aus eigenem Anbau, denn in ihren Beeten zwischen Bahndamm und Baracke reiften Parad­eiser, Kohlrabi, Radieschen und Kartoffel heran; und weil die Sellmanns Banater Bauern waren, ernteten sie immer reichlich und auch gute Qualität. Marianne schaffte es immer wieder, nicht nur sehr schmackhafte Gerichte auf den Tisch zu bringen, sondern auch alle satt zu bekommen. Sie hatte das Talent, aus Nichts etwas zu machen.

Umzug nach 13 Jahren

Nach den gemeinsamen Tafelfreuden im Barackenheim gab es auch immer etwas Besonderes aus dem – wie Oma in ihrem Banater Deutsch zu sagen pflegte – „gele Kaschte“ für die Kinder. Damit meinte sie ihren gelben Kasten, in dem sie selbst eingekochte Marmeladen, Kirschenkompotte und andere Naschereien aufbewahrte.
Bei diesen Essen war auch Sellmanns Tochter mit Familie aus dem 1001er-Lager dabei.

Daher mussten wir uns auf der Eckbank in Mathias Wohnstube immer etwas zusammendrängen, aber das hat das Vergnügen des Beisammenseins nicht geschmälert. Zusammenrücken war in der Nachkriegszeit ohnehin nichts Ungewöhnliches.
Irgendwann Ende der 1950er-Jahre sind die Sellmanns dann in die Heimat ihrer Vorfahren übersiedelt, ins Schwabenland nach Württemberg, und haben sich dort, mit dem Geld, das sie aus dem so genannten Lastenausgleichsfond erhalten haben, eine neue Existenz aufgebaut.