Ist das Raubtier-Kapitalismus in seiner schlimmsten Form? Der umstrittene Tiroler Investor René Benko übernahm vor gut einem Jahr die Galeria Karstadt Kaufhof Gruppe vollständig, an der er bis dahin zu 49,99 Prozent beteiligt war. Nun werden mindestens 62 Filialen geschlossen. 7.500 Menschen verlieren mitten in der sich anbahnenden Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz.

Ein Kommentar von Willi Huber

Der Betriebsrat spricht von einem unverantwortlichen Kahlschlag. Die Interessen eines Betriebsrates sind mit denen der Eigentümer natürlich selten deckungsgleich. Dass man ein Unternehmen so kurz nach seiner Übernahme zerschlägt, riecht subjektiv betrachtet eher nach Heuschrecken-Kapitalismus als nach einer wirtschaftlichen Handlung mit sozialem Augenmaß. Nachdem Galeria Kaufhof im Jahr 2016 360 Millionen Verlust verbuchte, stieg Investor Benko Ende 2017 mit 3 Milliarden Euro ein. 2018 wurde das 1879 gegründete Unternehmen mit Karstadt fusioniert. Auch Karstadt ist ein deutsches Traditionsunternehmen, es wurde 1881 gegründet – und 2014 von René Benkos Signa Holding übernommen.

Staat hätte für Millionenkredit haften sollen

Jetzt gab Signa bekannt, mindestens 62, eventuell sogar 80 Filialen des Konzerns zu schließen. Zuvor hatte Benko sich im Zuge der Corona-Krise monatelang um Staatshilfen bemüht. Laut Medien prahlte Benko im Vorjahr öffentlich damit, eine Milliarde Euro Gewinn gemacht zu haben. Im Corona Jahr hätte er vom deutschen Staat einen Kredit in dreistelliger Millionenhöhe gefordert. Die Besicherung, so hatte er sich das vorgestellt, hätten zu 90% die Republik Deutschland und zu 10% die Banken tragen sollen. Das SPÖ-Magazin „Kontrast“ behauptete, dass die Forderung von der Drohung begleitet wurde, 30.000 Menschen auf die Straße zu setzen.

Signa bilanzierte mit 14 Milliarden Euro

Betrachtet man die Recherchen von Kontrast, ist nahezu nur eine Einschätzung möglich: Gewinne (in Höhe einer Milliarde) werden privatisiert, Verluste soll die Gesellschaft tragen. Dabei behauptete Benko, der größte und profitabelste Immobilienentwickler Europas zu sein. Die Bilanzsumme der Signa Gruppe liegt bei 14 Milliarden Euro. Das persönliche Vermögen von Rene Benko wird in verschiedenen Medien mit vier bis fünf Milliarden Euro angegeben. Im April gab Signa bekannt, sich um 700 Millionen Euro von 17 Filialen der Galeria Karstadt Kaufhof Gruppe trennen zu wollen.

Angeblich bislang nur Verluste gemacht

Leadersnet.at behauptete unter Berufung auf die Signa-Gruppe, dass sich die Sachlage anders darstelle. Benko hätte bislang eine halbe Milliarde in Galeria Karstadt Kaufhof investiert. Der größte Geschädigte wäre demnach er selbst. Angeblich habe Benko im Zuge der Corona-Krise durchaus Millionenhilfen erhalten, die genaue Summe ist aber nicht eruierbar. Die Krone recherchierte länger zu dem Sachverhalt, konnte aber auch keine klare Darstellung geflossener Millionen liefern.

Unter Schutzschirmverfahren

Tatsächlich steht Galeria Kaufhof Karstadt in Deutschland unter dem Schutzschirmverfahren nach Paragraf 207b des deutschen Insolvenzrechts. 28.000 Mitarbeiter sollen ihre Gehälter ab April für drei Monate vom Deutschen Insolvenzfonds bezogen haben. Dies berichtete der Kurier. Dort steht weiters, dass der erfahrene Sanierer Geiwitz, der bereits die Abwicklung von Schlecker durchgeführt hätte, mit der Sache betraut wäre. Dieser wäre für einen „strengen Rotstift“ bekannt. Laut handelsblatt zahlt Galeria Kaufhof Karstadt seit Beginn der Corona Krise keine Mieten. Dort steht „offensichtlich willd as Management das Schutzschirmverfahren nutzen, um sich von zahlreichen Altlasten zu befreien“. Die Autoren scheinen zu unterstellen, dass die Situation der Gruppe schon vor Corona schwierig war und man die Krise nun für eine harte Sanierung nutzen wolle.

Für Mitarbeiter gilt eigener Kollektivvertrag

Die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof Karstadt müssen nach ihrem „Integrations-Tarifvertrag“ „finanziell zur Rettung des Unternehmens beitragen“, was in der Praxis geringere Löhne bedeutet. Laut Gewerkschaft ist eine Rückkehr in die Tarifverträge des Einzelhandels erst ab 2025 vereinbart.