Am Freitag platzte auf Twitter eine Bombe – oder 2.500 „Beidl“ direkt ins Gesicht der heimischen Öffentlichkeit. Der für seinen Hang zu unangebrachten Aussagen bekannte, SPÖ-nahe PR-Berater Rudi Fußi eröffnete dem politisch interessierten Österreich, dass man auf dem Diensthandy von ÖBAG-Chef und Kurz-Intimus Thomas Schmid jede Menge an Bildern männlicher Gemächter gefunden hatte. Damit ist das wortwörtlich Private in der Alpenrepublik einmal mehr politisch. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Ich habe mir wirklich lange überlegt, ob ich diesen Kommentar schreiben soll. Denn im Prinzip bin ich ein Mensch, dem es herzlich egal ist, was Menschen in ihren eigenen vier Wänden so treiben. Auch die Frage, ob der Thomas jetzt einen Hans oder eine Hanni liebt ist für die Mehrheit der Österreicher mittlerweile kein großer Aufreger mehr. Aber die Sache ist durchaus im öffentlichen Interesse. Einerseits entlarvt sie einmal mehr Anspruch und Wirklichkeit der Kanzlerpartei – und andererseits könnte sie im eigenen Lager zum echten Stolperstein werden. Zuletzt stellt sich auch die Frage: Was verbirgt sich noch alles in diesen Nachrichten? Denn, dass Schmid im Vorjahr mutmaßlich politisch brisantere Bilder löschte, ist nämlich längst bekannt.

Kurz-Partie wegen „Beidlgate“ bei Basis beschädigt?

Ob es für ein zivilisiertes Land ein Ruhmesblatt ist, wenn ständig Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft bei Medienleuten landen, steht auf einem anderen Blatt. Aber Fakt ist: Es ist mittlerweile beinahe zum „guten Ton“ geworden, dass man sich darüber ergötzt, welche Handy-Spiele oder Bilder den Politikern und ihrem Umfeld gefallen mögen. Und diese Entblößung ist ein psychopolitisches Spiel, an dessen Ende der Akteur immer beschädigt hervorgeht. Und am wirkungsvollsten sind jene Enthüllungen, welche den potenziellen Wähler am meisten schockieren oder anwidern.

So war es fast logisch, dass gerade den Arbeitern unter den Wählern die Spesen-Affäre um Strache mehr ausmachte als seine betrunkenen Prahlereien auf Ibiza. Und ebenso ist es gut möglich, dass der offene Vorwurf von heimlicher Homosexualität in den nächsten Kreisen des Kanzlers gerade in der eher ländlichen und kirchennahen ÖVP pikant ist. Es ist wahrscheinlich sogar noch brisanter als die Freude des Dreiecks Kurz-Blümel-Schmid über die Einschüchterung eines Kirchenmannes.

In pechschwarzen „Händ‘ falten, Goschen halten“-Haushalten und bei wertkonservativen Senioren kann das schon einmal als abstoßend gelten. Gerade weil der Volksmund schnell unterstellt, dass der Kanzler ähnliche Neigungen hegen könnte.

Die Frage nach der Erpressbarkeit der Akteure

Viel zentraler als die Frage nach der Wählergunst ist aber jene, die sich vermutlich überall im Land viele Menschen nicht zu stellen trauen. Nämlich: Wenn engste Vertraute unzählige Fotos männlicher Geschlechtsteile auf ihrem Diensthandy herumschleppen, sind da auch Leute von Geltung drinnen, die nicht wollen, dass ihre eigene Vorliebe herauskommt? Die dann vielleicht leichter politisch erpressbar sein könnten? 

Das soll nicht heißen, dass Posten und Aufträge tatsächlich mit dem Druckmittel vergeben werden, dass sonst die Ehefrau im anderen Fall erfährt, dass man im Polit-Umfeld eine heimliche homosexuelle Ader ausleben lässt. Nicht einmal mit dem Vorwissen, dass man mit Einschüchterung von Würdenträgern kein Problem hat. Aber die Möglichkeit besteht – und alleine dieser Umstand bereitet Sorgen. Jeder hat Geheimnisse und wer als Person des öffentlichen Lebens besonders pikante hat, ist erpressbar.

Staat als Verschiebebahnhof gegen Gefälligkeiten?

„Bekommst eh alles, was du willst“: Dieser bezeichnende Satz ist auch ohne Annahme, dass man sich seinen Platz an den Machthebeln mit Schattenwirtschaft, Einschüchterung oder gar mit Gefälligkeiten irgendeiner Art erschwindeln könnte, bereits ein Sittenbild. Nicht, weil es andeutet, was die Österreicher schon wussten. Dass das Parteibuch in unserem Land oft wichtiger als die fachliche Eignung ist: Dieser Filz regt viele Bürger schon lange nicht mehr auf. Die halten die meisten Politiker sowieso für korrupt.

Aber es zeichnet auch mutmaßliche Charakterzüge heraus. Eine Führungsriege, die ganz offen über ihre Postenschacher und ihre Methoden miteinander kommuniziert. Im Wissen – oder zumindest im Glauben – dass sie eh damit durchkommen. Im Wissen, dass an ihrer Partei sowieso keine vorbei regieren kann, macht sich die ÖVP seit Jahrzehnten den Staat zur Beute, missbraucht unsere geliebte Republik als Verschiebebahnhof. Keine Partei hat einen so großen Anteil an Freunderln in staatsnahen Betrieben platziert – und ihre wechselnden Partner färben sich entsprechend auch nur gegenseitig um.

Daten von „hohem politischen“ Interesse gelöscht?

An die Öffentlichkeit drang nun die Kunde über die mögliche Vorliebe Schmids, die Bilder von den „Beidln“ anderer Herren zu sammeln. Selbst wenn man der Ansicht ist, dass ihm diese Leidenschaft unbenommen sei, stellt sich aber die Frage, was er dann eigentlich seinerzeit löschte. Der ermittelnde Staatsanwalt sprach nämlich im Vorjahr davon, dass Schmid sein Handy zurückgesetzt hatte.

„Es handle sich um Daten, die verständlicherweise von hohem politischen Interesse seien“, schrieb damals sogar die „Krone“, die nicht unbedingt für ihre kritische Ferne zu Kurz und den Seinen bekannt ist. Den Entsperrcode gab er über seinen Verteidiger bekannt – unter dem Einverständnis, dass er seine privaten Daten löschen dürfte. Und das lässt leider nur mehrere Schlüsse zu, die allesamt pikant sind.

Die Crux mit der Löschung der „privaten Daten“

Denn, wenn die „privaten Daten“ futsch sind, und noch 2.500 „Beidl-Bilder“ über bleiben: Was sind dann die „privaten Daten“, von denen er nicht wollte, dass jemand über sie etwas erfährt? Oder handelt es sich beim „Beidl-Leak“ um eine Rekonstruierung der privaten Daten und diese waren unter den gelöschten? Dann stellt sich die Frage, weshalb er nicht wollte, dass diese jemand sieht. Und jene, ob auch Schmid als ÖBAG-Chef eine offene Flanke hatte, wenn jemand damit gedroht hätte, dies zu veröffentlichen.

Die letzte Möglichkeit ist womöglich die problematischste. Stellen wir uns vor, unter den gelöschten Daten befanden sich solche, die auch Kanzler Kurz oder Finanzminister Blümel schwer belastet hätten. Hätte jemand aus einem Umfeld, das einen Mitarbeiter hastig angebliche „Druckerfestplatten“ schreddern lässt oder unter Wahrheitspflicht behauptet, keinen Laptop zu besitzen und ihn ein anderes Mal von der Gattin Gassi führen lässt, dann nicht einen Grund, einen Vorwand zur Löschung „privater Daten“ zu haben? Es gilt selbstverständlich die breitest mögliche Unschuldsvermutung.

Von den Besten lernen heißt siegen lernen?

Ob wir es jemals erfahren werden, steht in den Sternen. Aber die Schlinge um den Hals der politischen Karriere des Kanzlers schließt sich immer mehr. Zuletzt kamen sogar Behauptungen des Ibiza-Detektivs auf, dass Kurz an Partys teilnahm, auf denen das „weiße Gold“ konsumiert wurde (Wochenblick berichtete).

Und dass zumindest sein Spezl Blümel ein Bundesbruder von Ex-Parteichef Michael Spindelegger ist, dessen Rolle im mutmaßlichen Oerlikon-Korruptionsskandal dank Intervention eines Ex-Justizministers nie völlig geklärt wurde, ist auch keine Neuigkeit. Ob die „türkise Buberl-Partie“ das politische Handwerk auch vom schwarzen Profi lernte? 

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall

Vor einigen Jahren kam Kurz einst als Jungspund in den politischen Olymp in Österreich. Seinen etwas behäbigen Gehversuchen mit dem berüchtigten „Geilomobil“ entstiegen, erklomm er eine Sprosse der Karriereleiter nach der anderen. Nach der Kanzlerwerdung, so hatte man den Eindruck, war er dank seiner „Message Control“ nur mehr eine Armlänge von der Gottwerdung entfernt.

Auf welchem Schnee seine Karriere nun talwärts fahren könnte, wird sich weisen. Aber eines ist klar: Die schiefe Optik um seine engsten Vertrauten wird selbst dann auf ihn abfärben, wenn er eine reine Weste haben sollte. Der Unterschied zwischen „fest im Sattel sitzen“ und „wie der liebe Augustin im Ruß liegen“ sind bekanntlich etwa zwei Meter eines hohen Rosses. Kurz ist der Weg nach unten. Und worüber er dann stolpern sollte, ist den meisten seiner Kritiker vermutlich egal.

 

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