Tausende Menschen protestierten am Nationalfeiertag friedlich gegen die Corona-Diktatur und die Regierung. Also eigentlich nichts, worüber die regierungstreue Einheitspresse ablästern könnte. Aber dort, wo keine Schlagzeilen entstehen, erfindet man sie eben. Und so prangt auf der Titelseite eines Inseratenkaiser-Mediums riesengroß: „Bomben-Alarm bei Corona-Demo“. Es ist ein selten dreistes Beispiel des Gossen-Journalismus. Denn verwaiste Taschen sind in Wien infolge seines Drogendealer-Problems keine Seltenheit. 

Kommentar von Julian Schernthaner

Man würde ja meinen, eine Zeitung, deren Chefleute gerade im Zentrum eines riesigen Korruptions-Skandals stehen, würde fortan vorsichtiger berichten. Aber weit gefehlt: Denn mögen auch keine Mittel für mutmaßlich geschönte Umfragen und wohlfeile Berichterstattung fließen, so ist der Geldhahn doch nicht versiegt. Und so ist gegen Regierungskritiker alles billig, was der journalistische Anstand verbieten sollte. Vielleicht wollte man einfach die Hetzmärchen eines Mitbewerbers über „vermummte Rechtsextreme“ an der Spitze des Demo-Zuges überbieten?

Die Faktenlage? Etwa eine halbe Stunde lang musste der friedliche Protestzug am Franz-Josefs-Kai auf Höhe der U6-Station Schottentor anhalten. Ein verdächtiger Rucksack rief den Entminungsdienst auf den Plan. Dieser gab dann rasch Entwarnung. Und so muss das Medium den Sachverhalt im Lauftext auch in zwei Zeilen so abhandeln. Aber für die Hauptgeschichte am Titelblatt reicht es trotzdem. Jeder, der an dieser Zeitung auch nur vorbeigeht, soll wohl im Kopf das Bild einer Terror-Demo behalten.

Fundort ist bekannter Drogenumschlagplatz

Was es mit dem ominösen Rucksack auf sich hatte, bleibt zur Stunde unklar. Denn der Vorfall war offenbar so nebensächlich, dass die LPD Wien nicht einmal eine Aussendung dazu machte. Sachkundige Personen würden darunter auch eher einen Drogenrucksack vermuten. Bundesweit ist die Praxis von Drogenkurieren bekannt: Man stellt eine Tasche mit dem Rauschgift irgendwo ab und verkauft dann etwas abseits. So wird man bei einer Polizeikontrolle womöglich mit einer nur geringen Menge erwischt. Es ist so etwas wie das „Best Practice“ des organisierten Drogen-Handels, das vor allem in Wien das Straßenbild dominiert.

Die These ist zumindest nicht abwegig – und müsste den Ortskundigen aus der Wiener Medien-Clique eigentlich geläufig sein. Seit 2002 ist die Gegend Schottenring neben der U6 Linie (Josefstädter Straße, Handelskai) ein bekannter Drogenumschlagplatz. Der Grund ist die Nähe zu einer bekannten Diskothek am Wiener Donaukanal, die als Drogen-Treffpunkt gilt. Täglich sollen dort hunderte Dealer verkehren. Für Wiener ist die seit Jahrzehnten bestehende Drohkulisse gleichermaßen ein Ärgernis wie längst Alltag. Wienerinnen trauen sich an den wenig vertrauenswürdig wirkenden, fremdländischen Gestalten oft nur mit einem mulmigen Gefühl vorbei.

Alarm-Schreiberei für die totale Spaltung des Volkes

Selbst wenn man nicht die naheliegende Drogenproblematik hernimmt, gäbe es die unterschiedlichsten Erklärungen, wie ein „verdächtiges Gepäckstück“ plötzlich in der Gegend herum steht. Ich arbeitete während meines Studiums im Sicherheitsdienst in einem Kaufhaus. Wäre jede Handtasche, die eine junge Dame im Kaufrausch irgendwo vergaß, ein „Bomben-Alarm“ gewesen, wären die Zeitungen doppelt so dick gewesen. Mit den Schülern, die etwas im Restaurant liegen ließen, wäre es ein täglicher Sammelband geworden.

Sogar meine Wenigkeit geriet einmal in eine solche Verlegenheit. Im zarten Alter von 16 Jahren ließ ich versehentlich meinen Gitarrenkoffer am Münchener Flughafen stehen. In der Folgewoche durfte ich ihn beim Bundesgrenzschutz auslösen. In die Zeitung hat es der peinliche Fauxpaus nicht geschafft. Allerdings liefen auch keine Regierungskritiker in der Nähe herum, denen es übereifrige System-Schreiberlinge in die Schuhe hätten schieben können. Also Glück gehabt, zumal es seligere Zeiten waren, unterschiedliche Meinungen in jedem Freundeskreis willkommen.

Dauernde Schauermärchen: Irgendwas bleibt kleben…

Jetzt, wo man spalten kann, erfindet man die Gefahr, die vom leidgeplagten Volk ausgehen soll, notfalls eben. Gegen das Volk auf der Straße ist jede Schauer-Geschichte billig, solange der Applaus der Regierungshörigen gewiss ist. Dieses soll in diesem Jahr im Zuge seiner Demos sogar schon die Parlamentsbaustelle und ein Versicherungsgebäude erstürmt haben. Kurz darauf stellten sich beide von Politik und Mainstream-Medien fantasiereich ersonnen Geschichten als Falschnachricht heraus. Andere sollen salutierend vor dem Hitler-Geburtshaus aufmarschiert sein. Auch diese steile Geschichte stellte sich als waschechte Zeitungsente heraus.

Aber in Wirklichkeit geht es in solchen Fällen auch nicht um den Wahrheitsgehalt einer Geschichte. Selbst wenn man später relativieren sollte (was nicht immer geschieht): Irgendwas bleibt kleben. Nicht jeder liest auf Seite 43, dass die Cover-Story von letzter Woche erstunken und erlogen war. Ein noch kinderloser Bekannter, der ein Liebhaber des Hofierens adretter Damen ist, kam einst nach zwei Jahren wieder in seine ehemalige Stammkneipe. Plötzlich sollte er acht Kinder von fünf Frauen haben und mit drei davon im juristischen Clinch über Unterhalt stehen. Er freilich erfuhr von seinen angeblichen Vaterfreuden als Allerletzter. Und hört die Fabeln trotzdem alle Jahre wieder.

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