Ausgehungert nach Normalität erscheinen manchen Oberösterreichern selbst die neuen Lockerungsmaßnahmen schon wie die große Freiheit. Doch viel Bewegungsspielraum gewähren die jüngsten Verordnungen noch immer nicht, weshalb der Grant darüber zunehmend stärker wird.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

„Jetzt will ich nicht mehr“, sagt Rudi Aigner, der Obmann des Union-Sportvereins Gmunden. Daher wird es heuer keine Sonnwendfeier auf dem Badeplatz des Klubs geben.

Informationschaos

Für die Abhaltung dieser traditionellen Brauchtumsveranstaltung im Juni hatte Aigner vom Gmundner Bürgermeister Stefan Krapf schon Ende April grünes Licht bekommen, nachdem sich dieser beim Bezirkshauptmann den Segen für die feurige Veranstaltung des Union-Vereinsobmanns geholt hatte.

Doch der BH-Chef hatte die Rechnung ohne seine Beamten gemacht, die ihn – als es kürzlich ernst mit der Genehmigung für die Sonnwendfeier werden sollte – darüber aufklärten, dass so eine Massenansammlung gegen alle bisherigen Verordnungen verstieße und daher nicht durchführbar sei.

Somit blieb dem BH-Chef nichts anderes übrig, als bei Krapf zurückzurudern, der wiederum Aigner von der Absage informierte. Daraufhin blies dieser das Vorhaben entnervt und verärgert ab – leider zu früh.

Denn bald darauf wurden von der Regierung die neuen und mit 29. Mai in Kraft getretenen Lockerungsmaßnahmen hinausposaunt, denen zufolge Aigner nun doch noch mit maximal 100 Leuten im Freien seine Sonnenwende hätte feiern können – wenn auch unter Beachtung der Abstandsregeln.

Viel Verwirrung

Doch Aigner blieb bei seiner Absage. „Wie soll bei solchen Einschränkungen Stimmung aufkommen?“ fragt er, der auch schon eine Musik für das Fest bestellt gehabt hatte. So wie ihm, dem Bürgermeister und dem Bezirkshauptmann könnte es in den letzten Wochen auch anderen verunsicherten Oberösterreichern ergangen sein.

Denn wegen des Lockerungsaktionismus‘ von Kurz und Kogler, die in ihrer Verordnungswut meist aus der Hüfte heraus schießen, herrscht auf dem holprigen Weg zur neuen Normalität eigentlich nur noch pure Verwirrung. Was darf man? Was darf man nicht?

Was ist mit anderen Festen?

Sehr viel klarer ist die Lage auch durch die Verkündigung der neuen Verhaltensbefehle für die Untertanen durch Gesundheitsminister Rudi Anschober nicht geworden. Zwar weiß der Bürger jetzt, dass er sich seit Pfingsten mit maximal 99 weiteren Bürgern bei einer Veranstaltung sowohl im Innen- wie auch im Außenbereich vergnügen darf, doch wie dieses Amüsement im Detail funktioniert, ist vielen noch immer ein Rätsel.

In gebührlichen Abstand zueinander, heißt es, und nur auf jenen Plätzen, die den Menschen – und dies betrifft überwiegend Kino- und Theaterbesucher – zugewiesen sind. Diese müssten dann mindestens einen Meter Distanz zueinander oder einen freien Sitzplatz dazwischen haben. Warum eigentlich keine Babyelefantenlänge?

Was aber, wenn bei erlaubten Veranstaltungen der Mindestabstand nicht einhalten werden kann? Dann, so unser oberster Gesundheitswächter Rudi Anschober, müsse das Publikum einen Mund- und Nasenschutz tragen. Im Freien bedürfe es keines Maskenzwangs.

Und was ist mit den vielen anderen Lustbarkeiten? Im Bewusstsein der Regierungsverantwortlichen scheinen Veranstaltungen, die nicht im Sitzen stattfinden, und bei denen sich mehr als 100 Leute versammeln könnten, nicht zu existieren.

Dabei geht es im Wesentlichen um kulturelle Veranstaltungen, Sportveranstaltungen, Kabaretts, Vernissagen, Kongresse und Stehempfänge, aber auch Zelt- und Musikfeste, wie die oö. Komponistin Hanneliese Kreißl-Wurth bemerkt, die dafür leider noch kein Licht am Ende des Anschoberischen Lockerungsparcours sieht.

„Die von der türkis-grünen Bundesregierung auferlegten Regeln sind jedenfalls sehr schwierig umzusetzen und noch dazu mit hohen Strafandrohungen verbunden“, räsoniert der Linzer Sicherheitsstadtrat Michael Raml und fragt sich: „Wie soll ein Freiluftveranstalter die Besucheranzahl auf die Personen genau kontrollieren können?“
Nun, bei 100 Leuten dürfte dies noch einigermaßen machbar sein.

Doch im so genannten Lockerungsmonat Juli, in dem sich in Innenräumen schon 250 Personen und im Außenbereich sogar 500 Personen versammeln dürfen, wird die Kontrolle schon erheblich schwieriger werden und erst recht im August, wenn in den Eventlocations 500 Personen (drinnen) beziehungsweise 750 Personen (draußen) zugelassen sind.

Deshalb sprachen am Mittwoch voriger Woche die früheren Politiker Josef Cap (SPÖ) und Peter Westenthaler (FPÖ) im Fellner-Fernsehen offen aus, was sich auch viele Oberösterreicher denken: Sofort weg mit dem sinnlosen Öffnungsquatsch und weg mit der Maskentragepflicht!

Sinnloser Öffnungs-Parcours

Der bekannte Linzer Schausteller Rudolf Schlader hält diese Öffnung auf Raten für ziemlich überflüssig. Obwohl er wegen einer Vorerkrankung selbst zur Hochrisikogruppe gehört, hat er keine Angst vor einer Ansteckung.

Dabei wurde bei seiner Tochter Julia im Herbst vorigen Jahre eine Grippeerkrankung diagnostiziert, nachdem diese von einer Dienstreise aus Wuhan zurückgekehrt war. Von Covid-19 hat man damals hierzulande noch nichts gewusst oder nichts wissen wollen.

Die Mutter hatte daraufhin ebenfalls Grippe bekommen, doch beide Frauen sind wieder genesen und Rudi selbst blieb gesund. „Ich glaube, dass unsere Corona-Maßnahmen übertrieben waren“, sinniert Schlader, der seit März wegen des Stillstands im Land keinen Cent mehr mit seinen Fahrgeschäften erwirtschaften könnte – bis zum 29. Mai.

Seitdem drehen sich einige seiner Attraktionen wieder auf der Wiese vis-a-vis vorm Gasthaus des Thomas Stockinger, der mit Schlader einen kleinen Jahrmarkt vor der Haustür inszenierte – ein Hinweis zur möglichst schnellen Rückkehr einer Vor-Corona-Normalität und auch eine Möglichkeit zur Geschäftsankurbelung (dazu auch Bericht auf den Seiten 23/24).

Deshalb wurde auf der Kirtagwiese aber nicht alle Vorsicht außer Acht gelassen. Denn eingelassen in den umzäunten Vergnügungsbereich werden immer nur 100 Personen, der Abstand zwischen den einzelnen Fahrgeschäften und auch darauf sei gegeben, versichern die beiden im Chor und präsentieren sich auf unserem Foto stolz vor dem Kurz’schen Abstandshalter, dem Babyelefanten.

Besucher zahlen pauschal 10 Euro für eine Stunde und dürfen in dieser Zeit alle Fahrgeschäfte nach Belieben benutzen. Sollten dann Besucher auch den Weg ins Gasthaus finden, sei dies „besser als nix“, sagt Stockinger, der wie Schlader in dieser Aktion einen Anfang sieht, um das Leben wieder in Schwung zu bringen.

Diesen Schwung hätten auch die Schlager- und volkstümliche Musikszene gern, grübelt Kreißl-Wurth, die weiß, dass ein Zeltfestveranstalter mit 100 Besuchern nicht auf seine Kosten kommen könne. Solche Veranstaltungen seien weder mit Begräbnissen noch mit Hochzeiten zu vergleichen.

Genervt vom Krisenmanagement dieser Regierung hat sie ihren Unmut darüber jetzt in einem neuen Lied unters Volk gebracht, das seit einigen Tagen im Netz kursiert und schon im Titel auf die verhaltensauffällige Politik der Regierung verweist: „Es ist sowieso ganz anders …“ (mehr darüber auf den Seiten 12/13).