Rätsel um Asylwerber: Was ist wirklich los am Brenner? 1
Bilder/"Wochenblick", Grafik/Pixabay

Die Brennergrenze die Nord- und Südtirol auseinanderreißt steht dieser Tage im Brennpunkt politischer Diskussionen: Schwappt hier bald die nächste Migrantenflut über die Alpen? Wilde Gerüchte von Geheimtransporten, die in Bussen über den Brenner geschleust werden, verbreiten sich im Netz wie ein Lauffeuer – das Innenministerium dementiert. Der „Wochenblick“ war zum Lokalaugenschein vor Ort und hat sich am Brenner genau umgesehen.

Sonntag, 23. Juli 2017, 8:30 Uhr, Grenzbahnhof Brenner/Brennero: Auf dem Bahnsteig unterhalten sich drei Carabinieri. Wenige Schritte von ihnen entfernt, auf der Treppe von der Fußgängerunterführung zum nächsten Bahnsteig, drückt sich ein junger dunkelhäutiger Mann an die Wand und beobachtet die Carabinieri, die ihn nicht sehen können.

Als er uns sieht, versucht er an uns vorbeizuschleichen. Wir fragen ihn, woher er kommt. „From Senegal.“ Was er hier am Brenner tue? „I’m living here.“ Wovon? Plötzlich erklärt er, für eine Antwort über nicht genügend Englischkenntnisse zu verfügen. Er hat es eilig und verschwindet hinter einer Baustellenecke.

Warten in Bozen bereits massenhaft Migranten?

Im Bahnhofsgelände treffen wir einen Bahnreisenden, der berichtet, dass es in Bozen-Süd bei der Messe ein riesiges Athesia-Lager, ehemals Müllverwertung, gebe, da bekämen Flüchtlinge für drei Wochen eine Unterkunftsmöglichkeit vom Staat ganz offiziell. Dort hielten sich „Unmengen“ von Flüchtlingen auf, alle auf dem Sprung nach Österreich.

Werden sie im August kommen?

Wir nehmen einen Kaffee in einem Grenzcafé auf italienischer Seite, die Kellnerin hat von Flüchtlingen „nichts gesehen“. Ein Carabiniere, der auch gerade hier Kaffee trinkt, sagt, jetzt wäre nichts los, aber im „Agosto“ (August) würden sie kommen.

Auffällige Farbmarkierung bei Wegweiser

Auf der italienisch verwalteten Seite (westlich der Eisenbahn und der Autobahn) fängt ein Radweg in Richtung Innsbruck an. Kurz danach fallen uns Fußgänger-Wegweiser aufgrund einer auffälligen Farbmarkierung auf, die wie „Sammelpunkt“ aussieht. Wir wandern auf dem Fußweg, der mit „Steinalm“ und „Sattelbergalm 2,5 Stunden“ angeschrieben ist, los.

Dabei kommen immer wieder Verzweigungen und Einmündungen: Klar ist, dass es hier eine Fülle von Pfaden durch das ganze Gelände gibt, dessen lückenlose Überwachung durch Grenzbeamte nahezu unmöglich wäre, weil viel zu viel Personal erforderlich wäre. Andererseits sind die Wegstrecken, selbst die zum gute zwei Stunden entfernten Gries (der erste Bahnhof auf österreichischer Seite), noch mehr aber der Weg nach Steinach, zum Teil konditionell relativ anspruchsvoll.

Kaum vorstellbar, dass man es hier afrikanische Migranten ohne organisierte Begleitung auf eigene Faust versuchen könnten. Wir begegnen vereinzelt Wanderern, Pilzsammlern und Mountainbikern, aber keinem einzigen „Flüchtling“.

Einheimische vom Einsickern der Illegalen überzeugt

Der besseren Aus- und Übersicht wegen verlasse wir den direkten Sattelberghüttenweg und steigen zum Sattelberggipfel (2.100 m) auf, von dem man einen guten Rundblick hat und unten gut die Sattelberghütte sehen kann, bei der wir uns jeweils eine Knödelsuppe und ein Bier gönnen. Der Hüttenwirt sagt, Flüchtlinge würden bei ihm in der Hütte nicht zukehren. Sie würden die Pfade benützen, die westlich der Hütte vorbeiführen. Seinen Worten ist klar zu entnehmen, dass durchs Wipptal kommende Flüchtlinge für ihn Fakt sind.

Der Abstieg von der Hütte bis zum Parkplatz Gries dauert 40 Minuten. Auch hier gibt es zahllose Abzweigungen und Abkürzungen, beispielsweise den Wipptaler „Wassersteig“. Die Hauptwege sind gut ausgeschildert, ein Verirren ist praktisch unmöglich. Trotzdem fallen zusätzlich vereinzelte, auf Bäume oder Zaunstecken gemalte farbige Pfeile und bei Abzweigungen Punkte in grüner Leuchtfarbe auf. Sie wären auch bei Dunkelheit unübersehbar.

Gries/Brenner: Momentan verdächtig ruhig

Wir kommen nach Gries und sprechen mehrere in Hausgärten arbeitende oder vor Garagen ihre Autos pflegende Einheimische auf das Thema illegale Grenzgänger an. Ja, das sei seit längerem hier im Wipptal ein Thema. Manchmal schüttelt man resigniert den Kopf, manchmal zeigt man sich empört über die Untätigkeit der Politiker, manchmal hat man aber auch „von Flüchtlingen nichts bemerkt“.

Ein Jäger mit großem Revier an der Grenze zu Südtirol erzählt uns, dass es die Lage im Gegensatz zu letztem Jahr „momentan verdächtig ruhig“ wäre. Die Wahrnehmungen und Meinungen sind nicht einheitlich – nur das Thema an sich: es wühlt die Menschen stark auf, erzeugt Unsicherheit und eine merkliche Anspannung. Die meisten der seit dem Vorjahr im Internet kursierenden Fotos von Migranten-Wegweisern seien hier in Gries gemacht worden. Mittlerweile seien die Zeichen aber entfernt worden. Man wisse nicht, von wem. Ja, es herrsche „Flüchtlingsverkehr“. Aber neuerdings werde von ihnen das stark kontrollierte Gries umgangen.

Bei Vinaders laufen viele Pfade zusammen

Die Trupps, die angeblich zu Fuß unterwegs seien, würden den Wanderweg an Gries vorbei über das 300 Einwohner zählende Örtchen Vinaders nach Steinach wählen und dort entweder in den Zug steigen oder von Kleintransportern, abgeholt werden. Manchmal seien Flüchtlingstrupps auch nachts auf den Bahngleisen unterwegs. Immer wieder, erzählen Bahnbedienstete den Einheimischen, müssten in der Nacht Lastenzüge auf offener Strecke anhalten, weil sich Personengruppen auf den Gleiskörpern befänden.

Alles in Ordnung – oder die Ruhe vor dem Sturm?

Das Dorfzentrum Gries liegt im Talkessel, der Bahnhof Gries klebt hoch oben am ostseitigen Berghang. Auf dem Weg zum Bahnhof überholt uns ein Einsatzfahrzeug mit zwei Polizistinnen. Der stündlich verkehrende Zug Brenner-Innsbruck (im Fahrplan als „S 4“ geführt) hat seinen ersten Österreich-Halt in Gries. Der Aufenthalt dauert etwas länger als geplant, denn die beiden Beamtinnen inspizieren genau jeden Waggon.

Kein Verdächtiger gefunden, daher ausgestiegen und freie Fahrt gegeben für den Zug. Ein ÖBB-Schaffner kontrolliert die Tickets und verlangt von uns zusätzlich einen Ausweis zu sehen. Auf österreichischer Seite, so hat scheint es uns, ist man sehr bemüht den Eindruck zu vermitteln, dass alles in bester Ordnung ist. Aber ist es das wirklich – und wird es so bleiben?

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