„Wir sind Kulturhauptstadt“: Viele Orte hoffen auf großen Profit

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Touristen-Rummel für Vorchdorf nicht erwartet

„Wir sind Kulturhauptstadt“: Viele Orte hoffen auf großen Profit

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„Wir sind Kulturhauptstadt!“ Noch tagelang nach der Entscheidung schlägt die Freude darüber in Bad Ischl Purzelbäume. Doch mit zunehmender Entfernung zur Bannerstadt des großen Ereignisses im Jahr 2024 scheint die anfängliche Begeisterung in den Orten der betroffenen Region bei vielen Bewohnern in Ernüchterung überzugehen, verbunden mit der großen Hoffnung, das Beste daraus zu machen.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

Ich frage einen Autofahrer, mit dem ich beim Einparken vor der Sparkasse in Pettenbach ins Gespräch gekommen bin:  „Na, auch schon kräftig gejubelt?“ Der schaut mich verdutzt an und fragt dann leicht verunsichert grinsend zurück: „Worüber denn?“

„Über Pettenbach!“, antworte ich, ebenfalls leicht grinsend. „Ihr seid nun auch Europäische Kulturhauptstadt!“ – „Ich dachte,  das wäre Bad Ischl“, sagt nun der Autofahrer und ich nicke bejahend. „Aber für diese Rolle, die die ehemals kaiserliche Sommerfrische im Jahr 2024 spielen wird, habe sie sich vergrößert und alle Orte, die nicht nur im Bezirk Gmunden liegen, sondern auch im steirischen Salzkammergut bis Bad Mitterndorf unter ihre Fittiche genommen.“

Von dort bis nach Vorchdorf können 20 Gemeinden in drei Bezirken und zwei Bundesländern 2024 im Chor rufen: „Wir sind Bad Ischl!“

Grosser Jubel

„Na dann“, sagt der Mann, steigt in sein Auto und braust davon. Auf mich machte er nicht gerade den Eindruck, als sei er von der Neuigkeit, dass auch Pettenbach ein Teil der europäischen Kulturhauptstadt 2024 ist, besonders beeindruckt gewesen. Dafür freuen sich andere umso mehr. Sogar der Gmundner Bürgermeister Stefan Krapf, dessen Traunseegemeinde aus Kostengründen urprünglich nicht mitmachen wollte, ist mittlerweile begeistert und alle künftigen Kulturhauptstädter sind zuversichtlich, das prestigeträchtige Vorhaben gut stemmen zu können. 30 Millionen Euro sollen dafür aufgewendet werden, die der Bund, das Land und die Gemeinden aufbringen. Ein Vielfaches davon, so ist man überzeugt, sollte in die Region wieder zurückfließen können.

Enorme touristische Zuströme erhofft sich Elfriede Lüftinger von der Fleischhauerei Pöll in Vorchdorf nicht. Doch auf eine gewisse Umwegrentabilität hofft sie schon. Wenn aufgrund des Kulturhauptstadtrummels mehr Gäste in die Trauenseeregion kämen, würde ihr Geschäft wohl auch mehr Fleisch an ihrer gastronomische Kundschaft liefern können.

Allerortens nur Chancen?

Dieser Möglichkeit und vielen anderen Möglichkeiten will sich auch Landeshauptmann Thomas Stelzer nicht verschließen, der dem Kulturhauptstadt-Projekt im Vorfeld aus Kostengründen skeptisch gegenüberstand. In der Juryentscheidung für Bad Ischl sieht er jedoch nun eine Chance für die Region und auch der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer verspricht sich davon einiges für die Regionalentwicklung rund um das Ausseerland. Punkten will die künftige Kulturhauptstadt nach den Worten des Bad Ischler Bürgermeisters Hans Heide nicht mit der alten Kaiserstadtherrlichkeit, sondern vor allem mit dem weißen Gold der Region, dem Salz und mit alternativer Kultur. Neubauten, so verspricht er, werde es keine geben und einig scheint man sich auch darin zu sein, das Image der Region mit Minimalinvestitionen zu entstauben. „Damit eröffnen sich für den Tourismus im Salzkammergut vollkommen neue Chancen“, jubelt der oö. Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner und erinnert an die Tradition der Sommerfrische, die mit dem nunmehrigen Zuschlag „neu aufgeladen“ werden könne.

Verstaubtes Flair soll weg

Touristischen Aufschwung habe diese Gegend auch bitter nötig, bemerkt dazu im Netz ein gewisser Dünsch. Süffisant gibt er dort seiner Hoffnung Ausdruck, dass dies nun auch für Hallstatt eine Chance sei, endlich aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen.

Natürlich werde sich das Bad Ischler Kulturhauptstadt-Programm auch kritisch mit dem Hypertourismus befassen, betont Heide und mit den Kräften der Gegenkultur. „Denn Kulturhauptstadt ist keine Auszeichnung für das, was man ist, sondern für das, was man werden möchte.“ Seiner Ansicht nach sollten die Menschen und Orte im Salzkammergut im Mittelpunkt stehen, in “einer Region für Tradition, Brauchtum, Kultur und Heimat, wie Landeshauptmannstellvertreter Manfred Haimbuchner zu bedenken gibt. Wenn man bei dem ganzen Projekt die Kosten nicht aus den Augen verliere, sei der Mehrwert für die Region mit Sicherheit gegeben, ist er überzeugt.

Skepsis bei Bevölkerung

Es ist schon jetzt vieles da, was man als Europäische Kulturhauptstadt zum Thema Salz zeigen könnte, wie ein „kompromissloser Querdenker“ im Netzt verrät: „Wer auf Spuren des alten Salzbergbaus abseits der Schaubergwerke in Hallstatt und Bad Aussee wandeln will, der sollte in Bad Ischl im Ortsteil Perneck über das alte aufgelassene Schaubergwerk, dem Maria Theresien Stollen und auf dem Weg der 1.000 Stufen zur Reinfalzalm wandern und zwar im Urzeigersinn und dann wieder zurück nach Perneck.“ Dabei komme man an vielen alten und teils versteckten Stollen vorbei, deren meist schon verschüttet gewesenen Mundlöcher in den letzten Jahren freigelegt wurden. Dies sei ein kaum begangener Weg,  aber historisch und landschaftlich sehr reizvoll. Freilich sollte man auch nicht vergessen, dass Bad Ischl gerade wegen seines Kaiserstadt-Images geschätzt werde und von den alten Erzählungen eigentlich ganz gut lebe, geben andere Bewohner der Stadt unter der Katrin zu bedenken. „Unsere Gemeinde darf zwar zahlen“, ärgert sich ein Vorchdorfer, „wird aber sicher nichts Dauerhaftes von dem Rummel lukrieren können.“ (dazu auch Kommentar auf Seite 12).

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