Wels: So brachial veränderte sich einst das Stadtbild

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Historischer Semmelturm wurde abgerissen

Wels: So brachial veränderte sich einst das Stadtbild

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In diesen Tagen vor 60 Jahren wurde beschlossen, den historischen Semmelturm auf dem Kaiser Josef Platz (Ka-Je) in Wels abzureißen, um – dem Zeitgeist entsprechend – ein modernes Hochhaus zu errichten. Diese Entscheidung dürfte man in Wels mittlerweile bereuen, wie auch viele andere Gebäude, die damals entstanden sind. Doch nicht alles Moderne, was damals errichtet wurde, ist per se schlecht gewesen.

Ein Bericht von Chefredakteur Kurt Guggenbichler

Die Welser Architekten Odorizzi, Grünwald, Schraml, Skokan und Hörzing haben in den 1950er- und 1960er-Jahren engagiert am modernen Wels gebaut wie ihre steinernen Zeugen bestätigen. Dennoch hätte in dieser Moderne auch noch der Semmelturm einen Platz finden müssen, sind viele Welser Bürger heute mehr denn je überzeugt.

Großes Gerangel

Vorausgegangen war der Abriss​entscheidung dieses barocken Kleinods auf dem Ka-Je eine hitzige Debatte, die die Welser Bevölkerung in zwei Lager geteilt hatte. In dem einen Lager waren jene Leute versammelt, die für das Schleifen des „alten und baufälligen Gemäuers“ votierten. In dem anderen Lager waren jene, die den 1733 errichteten Semmelturm unbedingt erhalten wollten.

Zunächst war auch das Denkmalamt dafür, welches eine Demolierung des alten Bauwerks, das jahrelang die Bahn-Zeit für die Pferdeeisenbahn angezeigt hatte, im letzten Moment untersagte. Die Baufälligkeit könne gar nicht so groß sein, argumentierten die Denkmalschützer, als dass diese nicht mit technischen Methoden behoben werden könnte.

Denkmalamt blieb zunächst stur

Das Welser Bauamt jedoch verneinte, weil das Mauerwerk und die Fundamente des Turmes schon ziemlich morsch seien und sich dieser bereits bedenklich in Richtung der Häuser auf der gegenüberliegenden Stelzhamerstraße neigte. Von 22 Zentimetern war die Rede. Doch das Denkmalamt blieb zunächst stur, beharrte auf Sanierung und schlug eine Umfahrungslösung für den Turm a la Timelkam vor, was wohl machbar, aber nicht sehr schön gewesen wäre wie es auch etliche andere Vorschläge für die Neubebauung des Semmelturmbereichs gab, um dem Platz seinen östlichen Abschluss zu erhalten.

Doch in den Wirtschaftswundertagen nach dem Krieg wollten die Stadtverantwortlichen allen „alten Krempel“ unbedingt loswerden, weshalb wohl auch das Denkmalamt schließlich seinen Widerstand aufgegeben und grünes Licht für die Turmzerstörung gegeben hat. Diese Entscheidung war wohl ohne Zweifel vom Zeitgeist getragen.

Baugeschäft boomte

Denn die Stadt mit ihren etwas mehr als 40.000 Einwohnern prosperierte, die Wirtschaft florierte und das Baugeschäft in der Stadt boomte: Auf dem Ka-Je wurden in den Jahren vor und nach der Semmelturmdemontage viele moderne Gebäude errichtet, darunter auch solche, die die Welser heute bereuen.

In jenen Jahren kam auch der Hochhausbau in Mode. Diese neuen Wohntürme waren nicht nur ein Bekenntnis zu Fortschrittlichkeit, sondern auch eine Maßnahme, den immer teurer werdenden Baugrund optimal zu nutzen. Daher baute man nun lieber in die Höhe als in die Breite.

Zweites Hochhaus

Das erste Hochhaus in Wels wurde 1959 in der Neustadt beim ehemaligen WSC-Platz gebaut. Gleich danach wurde auf dem Ka-Je ein vierzehnstöckiger Wohnturm mit 42 Wohnungen, drei Geschäften und fünf Büros errichtet. Als er 1961 fertiggestellt war bekam er als krönenden Abschluss auch noch eine Leuchtreklame des Reifenherstellers Semperit aufs Dach gesetzt.

Später wurde diese Erstlings-Werbeleuchte durch eine zweite Reklame der Firma Knorr ersetzt, was die Welser aber nie daran gehindert hat, immer nur vom „Semperit“-Hochhaus zu reden, wenn vom Ka-Je-Wohnturm die Rede war.

Urbane Vernichtung

Die Stadt und ihre Menschen waren infiziert vom Fortschrittsglauben. Ältere wie auch junge Welser schienen davon gleichermaßen befallen zu sein. Darunter auch der elfjährige Dietmar Steiner, der mit seinen Eltern 1962 in den neuen Ka-Je-Wohnturm zog und sofort zum Liebling seiner Schulklasse avancierte.

Alle Mitschüler wollten ihn plötzlich zu Hause besuchen, um bei ihm den Ausblick bis zum Traunstein zu genießen. Steiner war damals ziemlich stolz auf seine Stadt, weil „alles auf Modernität getrimmt“ war. Später ging er nach Wien, um Architektur zu studieren, lernte bei Gustav Peichl und gilt heute als einer der besten Kenner der aktuellen österreichischen und internationalen Baugeschichte.

Rettungsaktion

Auch heute steht er noch zu seiner damaligen Kindheitsempfindung. „Mein Wels ist und bleibt das Wels meiner Kindheit“, konstatiert er – aber was in den letzten 50 Jahren daraus geworden sei, erfülle ihn „mit Abscheu und Entsetzen.“
„Eine einstmals stolze österreichische Kleinstadt hat sich willenlos der urbanen Vernichtung preisgegeben“, konstatiert Steiner und im Rückblick würden auch viele Bewohner von Wels manche Bauentscheidungen gern rückgängig machen – vor allem auf dem Ka-Je.

Ob dort noch was zu retten ist? Die neue Stadtverwaltung bemüht sich zwar nach Kräften die Brutalität, mit der der Ka-Je in den letzten 60 Jahren architektonisch zerstört wurde, irgendwie zu mildern, doch besser wäre es gewesen, den Sündenfall von vornherein zu verhindern. Dieser habe nach Angaben von Fachleuten nicht erst mit dem „falschen“ Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Greif-Hotels begonnen. Doch von da an ging es bergab…

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