In der Aufarbeitung, wie ausgerechnet der Tiroler Skiort Ischgl zu einem Hotspot der Corona-Ausbreitung werden konnte, sorgt jetzt ein neues Detail für Brisanz. Denn schon Wochen haben sich erste Urlauber dort angesteckt. 

Es ist ein Skandal mit politischer Dimension: Der beliebte Nobelskiort im Paznauntal wird zum Viren-Drehkreuz Europas. Tausende Urlauber stecken sich in der Gemeinde an, vor allem aus Skandinavien. Erst acht Tage, nachdem isländische Behörden Ischgl bereits als Hochrisikogebiet führen, kommt es zu Quarantäne-Bestimmungen und zum Ende der Ski-Saison. Dazwischen kam es offenbar teils zu politischen Interventionen, das Saisonende nach hinten zu verschieben.

„Kitzloch“-Kellner wohl nicht Corona-Erstverbreiter

Als Hauptverbreitungsgrund galt bislang ein deutscher Kellner in der hochfrequentierten Bar „Kitzloch“ nahe der Talstation der örtlichen Bergbahnen. Geschichten von Bier-Pong-Spielen mit demselben Tennisball und einer herumgereichten Trillerpfeife machten die Runde. Medien weltweit bebilderten ihre Berichterstattung mit dem Bild von Eingang der Apres-Ski-Bar, der Name wurde zum Synonym für die Ausbreitung der Pandemie.

Jetzt kommt heraus, dass bereits vier Wochen früher eine Schweizer Touristin mit dem Corona-Virus in Ischgl infiziert war. Deren positives Testergebnis bestand bereits am 5. Februar. Das berichtet die Kleine Zeitung am Donnerstag unter Berufung auf die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Der deutsche Kellner habe die Rolle als zentraler ‚Super-Spreader‘ demnach nur medial umgehängt bekommen – tatsächlich war er einfach einer der ersten im Ort, die sich mit Symptomen zum Arzt begaben.

Es ist nicht das erste Indiz, dass das Virus bereits viel früher im Ort war. So wollten englische Medien kürzlich herausgefunden haben, dass der britische „Patient null“ sich bereits im Jänner in Ischgl inifiziert habe – Wochenblick berichtete.

FP-Schnedlitz: Regierung begeht „Vertuschungsaktion“

Unklar ist, was die neuen Erkenntnisse über die rasende Verbreitung des Virus in Ischgl und darüber hinaus bedeuten. Umso wichtiger stellt sich aber die Frage: Was wussten die Behörden – und mit welchen früheren Maßnahmen hätten diese agieren können. So blieb etwa die Grenze zu Italien bis in den März hinein offen, obwohl die Epidemie dort bereits grassierte. Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) hatte sich davor mehrfach gegen Grenzkontrollen ausgesprochen, man könne „keinen Glassturz über Österreich“ errichten.

In diese Kerbe schlägt nun auch die politische Kritik von FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz. Anschober solle sich nun nicht in der Aufklärerrolle gefallen, es wäre vielmehr dessen Pflicht gewesen, die Grenze viel früher zu schließen. Dies hätte die Verschleppung ins Land eindämmen können. Er ortet hier die „größte Vertuschungsaktion“ der ganzen Krise. Der beschworene „Schulterschluss“ der Regierung diene lediglich, deren eigene Versäumnisse zu kaschieren. Dass Anschober nach eigenem Versagen nun für Aufklärung sorgen wolle, sei „an Perfidität nicht zu überbieten“.

In Tirol regiert die Volkspartei ebenso wie im Bund gemeinsam mit den Grünen als Juniorpartner. Zuständig für die Tourismusagenden im Bundesland ist übrigens kein geringerer als Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) selbst.