Wer sich davon überzeugen möchte, wie weit sich die österreichische Journalistenkaste des Mainstreams mittlerweile von den steuerzahlenden Bürgern dieses Landes entfernt hat, sollte seine Aufmerksamkeit auf einen neuerlichen Ausritt der selbsternannten Hüter der Redlichkeit richten.

Ein Kommentar von Chefredakteur Christian Seibert

Stumpfsinniger Nazi-Vorwurf

So eröffnete das Branchenblatt „Der österreichische Journalist“ jüngst ein Interview mit dem Servus-TV-Intendanten Dr. Ferdinand Wegscheider mit der banalen wie auch stumpfsinnigen Frage „Sind sie ein Nazi?“. Damit rückt just ein Journalistenmagazin den Star des Mateschitz-Senders, der mit seinem Kommentarformat „Der Wegscheider“ wöchentlich für Reichweiten-Rekorde sorgt, bewusst in die Nähe des Nationalsozialismus.

Heimliche Beeinflussung des Lesers

Schlimmer noch – das Magazin betreibt damit „Framing“ der übelsten Sorte und bettet durch die unjournalistische Eröffnung den Rest des Gesprächs in ein Deutungsraster ein, das von einem Verbrecherregime bestimmt wird. Dem Leser soll es damit wohl so schwer wie möglich gemacht werden, sich ein ungetrübtes Bild von der Person Ferdinand Wegscheider zu machen. Lässt man die Eröffnungsfrage nämlich weg, gewinnt man schnell den Eindruck, dass es sich bei Wegscheider um alles andere als einen Nazi handelt.

Getarnte Faschismuskeule als Totschlag-Argument

So ist er etwa Mitglied im katholischen „Cartellverband“ – einer Studentenverbindung, die traditionell der ÖVP nahesteht. Doch all diese Informationen stehen unter dem Eindruck der Faschismuskeule, die auch als kindlich-naive Frage gestellt um nichts besser ist als in der Aussageform. Doch wie sollte man auf derartig manipulative Fragen reagieren? Am besten, indem man sich von der Frage an sich abgrenzt und das Interview beendet. Nach der Frage, ob man ein Nazi sei, gibt es für den Interviewten ohnehin nicht mehr allzu viel zu gewinnen.

Ferdinand Wegscheider hat sich dafür entschieden, das Interview mit Georg Taitl fortzuführen. Dafür gebührt ihm Hochachtung. Ein Branchenblatt jedenfalls, das zu solchen Mitteln greifen muss, zeigt eindrücklich auf, wie es um den Journalismus in Österreich bestellt ist.