Wie schwer es die Wirtschaft tatsächlich erwischt hat, ist derzeit nicht wirklich abzusehen. Zu widersprüchlich sind die Aussagen der Politiker und Experten. Während einerseits alles als halb so schlimm dargestellt und das eigene Handeln als besonders positiv und vorausschauend beworben wird, sind auf der anderen Seite mahnende Stimmen, laut denen die Krise bei weitem noch nicht begonnen hat.

von Matthias Hellner

Eines ist derzeit klar: Die Wirtschaft siecht dahin. Zwar sind überall Hilfspakete und Rettungsmaßnahmen der nationalen Regierungen und auch der EU beschlossen worden, doch ob sie letztendlich Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten.

Im Moment wird immer wieder betont, dass es nicht so schlimm wäre, schließlich seien die Zahlen der Firmenpleiten und -insolvenzen nicht viel kritischer als in den vergangenen Jahren. Doch Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Zahlen noch steigen werden.

In Deutschland etwa verringerte sich im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent auf 8.900 Fälle. Allerdings bezifferte die Wirtschaftsauskunftei „Creditreform“ die Schäden durch die knapp 9.000 Unternehmensinsolvenzen im 1. Halbjahr auf rund 12 Milliarden Euro – was der höchste Wert seit Jahren sei.

Bei den betroffenen Unternehmen und deren Umfeld seien rund 125.000 Arbeitsplätze bedroht oder bereits weggefallen. Und auch für die Zukunft sieht „Creditreform“ die Lage weniger rosig, sollte sich die Wirtschaft nicht schnell von dem Corona-bedingten Konjunktureinbruch erholen.

Nach Meinungen von Fachleuten könnte im Herbst „eine Insolvenz­welle von bisher nicht gekanntem Ausmaß“ über Deutschland hinwegrollen. Viele Experten erwarten einen Anstieg um bis zu 20 Prozent bei Unternehmenspleiten.

„Das Insolvenzgeschehen als Seismograf der ökonomischen Entwicklung hat sich von der tatsächlichen Situation der Unternehmen entkoppelt“, heißt es seitens der „Creditreform“. Grund seien die Milliardenpakete, die der Staat bereits als Hilfen zur Verfügung gestellt hat, um schwache Unternehmen zu stützen. Außerdem hat der Staat auch die Insolvenzantragspflicht bis Ende September ausgesetzt.

Pleitewelle droht im Herbst

Die Maßnahmen seien offenbar in ihrer Wirkung über das Ziel hinausgeschossen und hätten auch einigen Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht erspart, die schon vor der Krise pleitegefährdet gewesen seien, urteilten Experten, zumal die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht nochmals um ein halbes Jahr bis Ende März verlängert werden kann.

Somit sei eine Pleitewelle nur vertagt worden und könnte umso härter in der zweiten Jahreshälfte oder zu Beginn des kommenden Jahres eintreten. Auch für Österreich erwarten Experten bis 2021 einen Anstieg von Unternehmensinsolvenzen um rund 20 Prozent gegenüber dem Jahr 2019. Zum Vergleich: Im Jahr 2009, als Reaktion auf die damals weltweite Finanzkrise, waren es 9,3 Prozent.

Hohe Arbeitslosigkeit

Auch die Arbeitslosigkeit ist durch die Krise stark gestiegen. In Österreich brach mit dem Lockdown die Beschäftigung ein, und die Zahl der registrierten Arbeitslosen stieg enorm. Infolge der zunehmenden wirtschaftlichen Aktivität sollte sich die Lage am Arbeitsmarkt „sukzessive verbessern, allerdings nur langsam“, so das Institut für Höhere Studien (IHS).

Ausgehend von einer Arbeitslosenrate von 10,25 Prozent im heurigen Jahr könnte sie bis 2024 auf 8 Prozent sinken, heißt es. Im gesamten Prognosezeitraum (2020–24) sieht man die Arbeitslosigkeit im Schnitt bei 8,8 Prozent, nach 8,3 Prozent 2015–19. Von ähnlichen Zahlen geht auch eine OECD-Analyse aus.

So ist die durchschnittliche Arbeitslosenquote der 37 OECD-Mitgliedstaaten im Zuge der Krise stark gestiegen – von 5,3 Prozent im Januar auf 8,4 Prozent im Mai. Im Fall der günstigsten Entwicklung könnte die OECD-weite Arbeitslosenquote Ende 2020 9,4 Prozent erreichen – den höchsten Wert seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre.

Dass Deutschland derzeit nur rund 6,2 Prozent Arbeitslose hat, liegt an der hohen Kurzarbeitsquote. Allerdings könnte es passieren, dass viele, die sich jetzt in Kurzarbeit befinden, früher oder später noch arbeitslos werden, wenn die Pleitewelle kommt.

Nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts betrifft sie vor allem die Dienstleistungsbranche. Demnach sehen 85 Prozent der Reisebüros und Reiseveranstalter ihre Existenz durch die Krise gefährdet, bei den Hotels sind es 76 Prozent, bei den Künstlern und Unterhaltungsbetrieben 55 Prozent.

Auch für Österreich, wo der Tourismus besonders stark ist, sind die Zahlen verheerend. Die Betten in den österreichischen Städten sind laut Wirtschaftskammer je nach Hotelgröße nur zu 10 bis 30 Prozent belegt.

Die größeren Betriebe hätten meist nur eine Auslastung unter 20 Prozent, so die WKÖ-Obfrau des Fachverbands Hotellerie, Susanne Kraus-Winkler, die zudem erklärt: „Wenn sie nicht 50 bis 60 Prozent Auslastung haben, sind sie operativ negativ  – das heißt, die Stadthotels gehen derzeit alle operativ drauf“.

In ihrem Kerngeschäft machen sie also ein Minus, da sie bei der geringen Auslastung nicht kostendeckend arbeiten können. Das deckt sich mit den Erhebungen des Hotelberaters „MRP hotels“ im gesamten deutschsprachigen Raum: In vielen Großstädten ist demnach immer noch rund die Hälfte der Hotels geschlossen.

Und jene, die offen haben, kamen im Juni im Schnitt lediglich auf eine Auslastung von 20 Prozent. „Würden alle – und nicht nur die tatsächlich offenen – Hotels berücksichtigt werden, beträgt die Auslastung 11 Prozent“, erklärt Martin Schaffer, geschäftsführender Partner bei „MRP hotels“.

Viele Kreditstundungen

Zudem zeigt sich, dass viele Bankkunden derzeit ihre Kredite stunden. Allein bei den deutschen Genossenschaftsbanken haben Kunden Stundungen ihrer Kreditzahlungen über insgesamt 15,7 Milliarden Euro beantragt, etwa 98.700 Konten seien betroffen.

Die Commerzbank zählte zuletzt rund 33.000 Stundungen, die Deutsche Bank rund 70.000, die Targobank rund 47.000. Bei den Sparkassen wurden zuletzt bei 366.623 Kreditverträgen (davon 189.252 Privat- und 177.371 Gewerbekunden) Zins und Tilgung gestundet.

Ende Juni sind allerdings die Bestimmungen der Bundesregierung ausgelaufen, die es Verbrauchern erlaubten, Zahlungen aufzuschieben. Doch das Risiko steigt, vor allem bei Arbeitslosigkeit oder verringerten Einkommen.