Der riesige Subkontinent mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern müsste von Corona in eine Seuchenhölle aus Leichen und Krankheiten verwandelt worden sein, wenn die Droh-Szenarien unserer Politiker stimmen würden. Stattdessen sind in einigen Bundesstaaten die Sterbefälle im Vergleich zu den Vorjahren sogar gesunken und auch das beliebte Hindu-Festival Holi zum Beginn des Frühlings findet in all seiner gewohnten Farbenpracht statt.

Von Franziska Bernhard

Beim Holi-Festival fallen alle Kastengrenzen. In einem mehrtägigen Fest wird das Ende der Winterzeit zelebriert. Die Hindus bewerfen sich dabei mit bunten Farben. Teilweise wird sogar das Wasser der Flüsse koloriert. Man trifft sich mit Freunden isst und trinkt ausschweifend. Im letzten Jahr herrschte in Indien noch eine strikte Ausgangssperre, die auch mit mitunter brutalen Methoden durchgesetzt worden ist.

Fast wie gewohnt

Dieses Jahr aber finden in vielen indischen Bundesstaaten die Feierlichkeiten wieder fast wie gewohnt statt. In den Ballungszentren um Mumbai, New Delhi oder Kalkutta herrschen freilich andere Regeln als in den ländlichen Regionen wie Rajastan oder Kerala. Die Bundesstaaten Goa, Bihar und Maharashtra sowie die heilige Stadt Vrindavan begnügen sich sogar nur mit einer Empfehlung an die Bevölkerung, allzu große Menschenmassen zu meiden – wobei damit in Indien gewiss eine andere Größe gemeint sein mag als hierzulande.

Lassen sich von Corona nicht einschüchtern: Die Inder feiern ihr Holi-Festival trotzdem

 

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Um den Frühling zu feiern, bewerfen sich die Inder mit Farbe:

 

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Bollwerk gegen China

Die neu erweckte Lebensfreude ist den Menschen quer über den Subkontinent aber deutlich ins Gesicht geschrieben. Die nationalkonservative Regierung um Premierminister Narendra Modi gilt nicht nur als größtes asiatisches Bollwerk gegen China, sondern hat damit in keinem Fall ein Interesse daran, mögliche Gefahren des Corona-Virus unter den Tisch zu kehren. Daher hat der einheimische Medizin-Konzern Bharat – übrigens eine patriotische Selbstbezeichnung für den Subkontinent – mit Covaxin längst einen eigenen Impfstoff entwickelt, der überdies etwa 20 Prozent mehr Schutz bieten soll als die europäischen Impfstoffe.

Keine höhere Mortalität

So mag es nicht verwundern, dass vor allem im hochentwickelten und wirtschaftlich gut gestellten Süden des Landes nicht nur der eigene Impfstoff genutzt wird – und sonst keiner – sondern auch insgesamt keine höhere Mortalität beobachtet werden konnte. Im Gegenteil: Der südindische Staat Kerala verzeichnet sogar 11 Prozent weniger Tote als im Vorjahr.

Krankenhäuser: nicht mehr belegt als sonst

Auch, wenn Indien bald die größte demokratische Wahl der Welt abhalten wird, wie immer, wenn in Bharata gewählt wird, besteht nur geringe Sorge bei den Medizinern: „Die Krankenhausbetten sind nicht mehr belegt als sonst auch, wir befürchten über die Feiertage bestenfalls einen leichten Anstieg der Zahlen“ gibt sich Dr. Monu Varghese aus Cochin gelassen. Es muss viele Fragen aufwerfen, dass ausgerechnet ein Land wie Indien vom Corona-Virus nur mäßig betroffen ist, nach einigen strikten Monaten nun eine weitreichende Lockerung der Maßnahmen anstrebt und sich um Prävention bei den Risikogruppen bemüht, während Zentraleuropa von einem Lockdown in den nächsten befohlen wird. Spätestens hier kann keine Verhältnismäßigkeit mehr attestiert werden.

 

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