Mittlerweile werden immer mehr Details bekannt, welche nahelegen, dass in Tirol falsch und zu spät gehandelt wurde, um die Corona-Epidemie einzudämmen.

Über 500 Skandinavier, vor allem aus Dänemark und Norwegen steckten sich nach ihrem Aufenthalt Paznauntal mit dem Corona-Virus an. Die Dunkelziffer, gerade unter deutschen Urlaubern, ist noch unklar, die Infizierten könnten in die Tausenden gehen. Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass entschiedenes politisches Handeln schlimmeres hätte vermeiden können.

Island warnte bereits am 5. März vor Ansteckungen

Seit Freitag befinden sich das gesamte Paznauntal nebst St. Anton im benachbarten Stanzertal in Quarantäne. Als Mitauslöser für die örtliche Häufung gilt die Ansteckung eines deutschen Kellners in der Apres-Ski-Bar Kitzloch in Ischgl. Wie sich nun herausstellt, hatten sich bei Bekanntwerden am 7. März allerdings bereits etliche Menschen im Ort infiziert, Island erklärte den Wintersportort bereits am 5. März – also acht Tage vor der Quarantäne-Verordnung, zur Krisenregion.

Aber die heimischen Behörden dementierten. Aus medizinischer Sicht wäre es wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist, so eine Aussendung aus dem Büro von Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber vom 8. März. Es folgten keine Maßnahmen, auch keine Massentests. Der Skispaß ging weiter, auch die Bar blieb noch zwei Tage offen, bis zum bitteren Ende. Zu den Leidtragenden neben tausende Infizierten in aller Welt zählen auch die Tiroler, ihre Bewegungsfreiheit ist nun rigoros eingeschränkt.

Späte Reaktion auf Corona-Ausbreitung in Ischgl

Das Ausmaß von Ischgl als mutmaßliches Viren-Drehkreuz ist erschreckend: Jeder zweite infizierte Norweger holte sich die Krankheit in Tirol – insgesamt 491 Personen. Aus Deutschland waren mit Stand von Montag 200 Infektionen bekannt, Tendenz vermutlich noch weiter exponentiell steigend. Derr öffentlich-rechtliche ORF hatte bereits am 6. und am 8. März über Infektionen in Tirol und Ischgl als möglichem Risikogebiet berichtet

Dennoch erklärte ÖVP-Kanzler Kurz erst am 13. März das Sperrgebiet. Die Schilifte fuhren trotzdem noch bis Sonntag und viele Urlauber buchten ungehindert ein Hotel in Innsbruck um dorthin weiterzuziehen. Teilweise hatten diese auch gar keine andere Wahl, weil ihre Weiterreisemöglichkeiten nicht stattfanden, nachdem die Ausreise sich im Stau um Stunden verzögerte.

Tilg-Interview: „Behörden haben richtig gehandelt“

Nun stellt sich auch regional die Frage nach der Rolle der Politik und Behörden. Zu diesem Zweck war ÖVP-Landesrat Bernhard Tilg am Montagabend zu Gast in der ZiB2. Dabei wies er fast gebetsmühlenartig Fehler vonseiten des Landes zurück. „Die Behörden haben richtig gehandelt“ wurde daher noch im Laufe desselben Abends in sozialen Medien zum geflügelten Wort. Zudem verwies er auf den Umstand, dass Tirol nicht das Epizentrum sei und die Krankheit auch nach Ischgl erst eingeschloppt worden sei.

Scharfe Kritik von Freiheitlichen

FPÖ-Bundesparteiobmann Norbert Hofer und der Tiroler Landeschef Markus Abwergzer wandten sich in einer gemeinsamen Aussendung an die Öffentlichkeit. Sie attestierten ein „gravierendes Behördenversagen“, bei welchem sie sogar „aktive Einflussnahme“ nicht ausschließen wollen. Hofer verlangt nun „volle Transparenz“ bei der Aufklärung sowie eine Stellungnahme des grünen Gesundheitsministers Rudi Anschober.

Abwerzger kritisiert auch medizinisch falsche Kommunikation des Sanitätslandesdirektors vor neun Tagen. Den Auftritt von Landesrat Tilg bezeichnete er als „war erschreckend, planlos – und ist aufklärungsbedürftig.“ Er kann sich vorstellen, dass die wirkliche politische Verantwortung woanders liegt. Dessen „eher hilfloser Auftritt“ lege nahe, dass „dass dieser nun der Öffentlichkeit als ‚Bauernopfer‘ präsentiert werden“ solle.

Twitter-Nutzer fordern politische Rücktritte

Auch viele Twitter-Nutzer reagierten dabei mit Fassungslosigkeit auf das Interview. Einige forderten in der Folge einen Rücktritt des Gesundheitslandesrates oder gar von Landeshauptmann Günther Platter. Dabei war völlig unerheblich, auf welcher politischen Seite die Kommentatoren stehen – die Bestürzung über die Lage in Tirol war einhellig.