Die Corona-bedingte Abschottung der palliativen Menschen in den Altenheimen beschleunige deren Sterben, ist die langjährige Altenbetreuerin Erika Zauner (61) aus Ebensee überzeugt, deren Mutter Hermine zu einem der Kollateralschaden dieser Pandemiebekämpfung geworden sei.

Von Kurt Guggenbichler

Die gelernte Fachsozialbetreuerin weiß, wovon sie spricht. Sie hat nicht nur eine mehr als zwanzigjährige Berufserfahrung, sondern nun auch innerhalb der Familie hautnah erlebt, was ein nicht sehr empathischer und bürokratischer Umgang mit kranken Senioren bewirken kann.

Enkel nicht gesehen

Ihre Mutter war im Vorjahr, einen Tag nach dem Heiligen Abend, im Krankenhaus Vöcklabruck im Alter von 86 Jahren an Herzversagen verstorben – und das, ohne ihre Enkelkinder noch einmal gesehen zu haben. „Die hatten ihr immer Kraft gegeben, doch durch die Besuchsbeschränkungen auch in Hermines Altenheim in Gmunden, wo sie außerhalb ihrer Spitalsaufenthalte seit 2008 lebte, hatten sie die Kleinen zuletzt vor Ausbruch der Pandemie besuchen können“, erläutert Tochter Erika Zauner und räsoniert: „Das war schon schlimm für die Frau.“

Ihre Mutter war durch traumatische Kindheitserlebnisse nämlich schon seit frühster Jugend psychisch schwer gestört, litt unter Angstzuständen, die medikamentös behandelt werden mussten, und hatte auch noch laufend Probleme mit ihrem Herz und ihren Nieren.

Maske trotz Atemnot

Aus diesem Grund war sie in den letzten Jahren immer wieder einmal im Krankenhaus, wo man ihren fragilen Gesundheitszustand kannte. „Meine Mutter hatte viele Angstzustände und bekam nur wenig Luft“, sagt Erika, „und trotzdem hatte sie bei ihren letzten Spitalseinlieferungen eine Maske verpasst bekommen, die sie dort die ganze Zeit tragen musste, auch im Bett.“

Aber Vorschrift ist offenbar Vorschrift, auch wenn ihre Mutter nicht mit Corona infiziert war, wie die Testungen ergaben. „Jetzt hatte sie ohnehin schon eine verminderte Herztätigkeit und dadurch eine verminderte Sättigung mit Sauerstoff, und trotzdem verpasste man ihr eine Maske“, ärgert sich Erika Zauner.

Als nicht korrekt bezeichnet sie auch das Verhalten des Personals im Altenheim, wo ihre Mutter mehrmals Corona-Tests unterzogen worden war, „ohne vorher meine Einwilligung dafür eingeholt zu haben“, ärgert sich die Tochter, die der gerichtlich bestellte Vormund für Hermine war.

Wenig Empathie

Mit diesen Tests und den Besuchsbeschränkungen in den Altenheimen werden Palliativpatienten nur unnötig gequält. Erika wusste, dass ihre Mutter todkrank war, doch bei einer psychologisch umsichtigen Behandlung hätte sie durchaus noch ein paar Tage länger leben können. Ältere Menschen brauchen reichlich Kontakt mit ihren Angehörigen und vor allem Zuwendung, sagt Zauner, doch dafür scheint es in den Altenheimen an Personal zu fehlen. In Hermines Heim hatte man schlicht vergessen, ihr das verschriebene Entwässerungsmittel zu verabreichen.

Wegen zu viel Wassers im Körper kam sie dann kurz vor Weihnachten wieder ins Spital nach Vöcklabruck, dessen Ärzte ihre Familie noch zeitgerecht wegen Hermines bevorstehenden Ablebens verständigten. „So musste meine Mutter wenigstens nicht einsam sterben“, sagt Erika, die gar nicht daran denken mag, wenn das im Altenheim passiert wäre. „Ich hätte meine Mutter wegen der Besuchsbeschränkung wohl nicht mehr gesehen.“