Der Wiener Mediziner Dr. Marcus Franz gibt im Exklusiv-Interview mit dem Wochenblick wichtige Tipps zum Umgang mit dem Corona Virus und erklärt die Notwendigkeit harter Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus. 

Ein Interview geführt von Roman Möseneder

Wochenblick: Wie bewerten Sie die aktuelle Vorgehensweise der Bundesregierung? Sind die Maßnahmen überzogen, gerechtfertigt, oder gar zu lasch?

Dr. Marcus Franz: Die Maßnahmen sind teils richtig, leider auch teils zu spät und teils zu lasch. Schulsperren sind nur bedingt wirksam, teilweise Sperren von Geschäften ebenfalls. Besser wäre es vermutlich, einen zunächst 14 tägigen kompletten „Shutdown“ durchzuführen.

Am wichtigsten ist der Schutz der Risikogruppe und das sind die Älteren (ab 65), die mehrfach chronisch Erkrankten (Herz und Lunge) und die Diabetiker.

Weil wir kein wirksames Medikament gegen das Virus haben, geht es grundsätzlich bei allen jetzt eingeleiteten Maßnahmen darum, die Infektionswege zu unterbrechen bzw. die Infektionen hinauszuzögern– der Hintergrund ist rasch erklärt:

Wir müssen die zeitliche Kumulation der Infektionen verhindern bzw. reduzieren. Es geht im Endeffekt nur darum, die schweren Krankheitsfälle zu reduzieren und so oft es möglich ist, zu verhindern.

Warum: ca 80 % der Infektionen verlaufen harmlos, 15 % der Infizierten entwickeln spürbare Symptome bzw werden richtig krank, aber 4% werden schwer krank und etwa 1% der Infizierten werden zum Fall für die Intensivstation. Das klingt zunächst nicht allzu dramatisch. Aus der Forschung wissen wir aber, dass ca 50-70% der Bevölkerung früher oder später infiziert werden.

Das Glück dabei ist: in Summe spürt die große Mehrheit nur harmlose Symptomen oder sogar überhaupt nichts.

Aber: 1% der Infizierten wird wie gesagt schwerst krank und braucht eine Intensivmedizinsiche Behandlung.

Und jetzt kommt der springende Punkt: Umgerechnet in absolute Zahlen bedeutet das, dass bei 50% Infizierten ca. 4 Millionen Österreicher im Lauf der Zeit den Virus erwerben werden. 1 % der Infizierten sind dann in absoluten Zahlen etwa 40,000 Schwerstkranke – österreichweit betrachtet. So viele Patienten wären in kurzer Zeit für die 264 Spitäler des Landes nicht verkraftbar, weil wir nur etwa insgesamt 2500 Intensivbetten zur Verfügung haben und die „normalen“ schweren Fälle ja nicht weniger werden – die Betten sind also besetzt. Das bedeutet, dass wir mit allen Mitteln die Kumulation der Erkrankungen vermeiden müssen, sodass wir mehr Zeit für die Versorgung und weniger Kranke pro Zeiteinheit haben.

Anders gesagt: Wir müssen als wichtigstes Ziel das Verzögern und die Vermeidung im Auge haben.

Zu welchen Maßnahmen raten Sie der allgemeinen Bevölkerung? Soll man sich zu Hause isolieren?

Wer zur Risikogruppe gehört (siehe oben), sollte nur die wirklich notwendigen Wege (zB Lebensmittel kaufen) erledigen und soziale Kontakte bzw. Menschenansammlungen und Öffis so weit wie möglich meiden. Es gibt eine Regel für den Abstand zu anderen: 1,5 Meter als Minimum. Ebenso wichtig ist: Kein Händeschütteln, oft Händewaschen und Desinfizieren.

Zu welchen Maßnahmen raten Sie älteren Personen?

Zu Hause bleiben, Kontakte auf ein Mindestmaß reduzieren, Händehygiene betreiben, aber nicht zu Hause einigeln, ein oder zweimal am Tag ein Spaziergang in der frischen Luft ist notwendig. Gesunde Ernährung versteht sich von selbst.

Warum sind diese harten Maßnahmen der Regierung notwendig? 

Harte Maßnahmen sind vernünftig und retten Leben. Das wichtigste Ziel ist: Wir müssen den Stau auf den Intensivstationen vermeiden, die Beatmungsplätze sind begrenzt. Wenn zu viele Schwerstkranke für zu wenige Intensivbetten da sind, müssen die Ärzte zur sogenannten Triage übergehen. Das ist eine Maßnahme, die aus Kriegszeiten stammt, wo man beim Anfall von vielen Verwundeten nur denjenigen therapeutisch geholfen hat, die die besten Überlebens-Chancen hatten. Die anderen wurden nur mit Morphium bzw. Schmerzmittel versorgt, erhielten aber aufgrund der fehlenden Möglichkeiten sonst keine Therapie mehr. Die Triage wird heute unverändert etwa bei Großunfällen oder Naturkatastrophen angewendet. Ärzte entscheiden anhand der Symptome und Verletzungen, ob jemand noch Chancen hat oder nicht, danach wird er entsprechend behandelt. Dasselbe gilt für große Epidemien wie Covid (Corona).

Es wird dann fallbezogen entschieden werden müssen, wer an die Beatmung kommt und wer nicht (mehr).

Dafür gibt es medizinische und ethische Kriterien. Zum Beispiel kann es dann sein, dass ein 90-jähriger Patient mit vielen Vorerkrankungen, der kaum noch Chancen auf ein längeres Überleben hat, aber wegen Lungenproblemen an einer Beatmungsmaschine hängt, von der Maschine genommen wird und nur noch Morphium erhält – zugunsten eines 50-Jährigen, der schwer an Corona erkrankt ist, bisher gesund war und nun aufgrund einer schweren Lungenentzündung eine Beatmung braucht, aber eben dafür kein Gerät frei ist. Das klingt zunächst unmenschlich, ist aber bei begrenzten Ressourcen die einzige Methode, ethisch richtig zu handeln. Und es gibt für diese Entscheidungen wie gesagt triftige medizinische Gründe, kein Arzt handelt hier willkürlich oder nach Gutdünken.

Aber wir wollen selbstverständlich sämtliche Patienten aus allen Altersgruppen bestmöglich behandeln und die Risikogruppen schützen, daher ist der jetzt gestartete Versuch, die Infektionswege zu unterbrechen, derzeit die wichtigste Maßnahme.