Dass Kinder kaum eine Rolle bei der Verbreitung des Corona-Virus spielen, ist mittlerweile mehrfach bestätigt. Dass das Virus ihnen nichts anhaben kann ebenso. Und auch eine weitere Vermutung wird immer mehr zur traurigen Gewissheit: Dass die kindliche Psyche massiv unter den Maßnahmen der Regierung leidet. Die Erkenntnisse sind mehr als beunruhigend.

Von Elsa Mittansgruber

„Wir haben mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens in der Krise gerechnet. Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht“, lässt Professor Ulrike Ravens-Sieberer bereits im Juli aufhorchen. Sie leitete eine breit angelegte Studie in Hamburg, bei der von 26. Mai bis 10. Juni 2020 mehr als 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sowie mehr als 1500 Eltern zu Lebensqualität und Wohlbefinden befragt wurden.

Das Ergebnis: Die Kinder und Jugendlichen kämpfen stark mit psychischen und psychosomatischen Problemen. 71 Prozent von ihnen fühlen sich durch die Corona-Maßnahmen belastet. Zwei Drittel geben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten steigt von rund 18 Prozent vor Corona auf 31 Prozent während der Krise.

Hyper­aktivität (24 Prozent), emotionale Probleme (21 Prozent), Verhaltensprobleme (19 Prozent) und psychosomatische Beschwerden wie Gereiztheit (54 Prozent), Einschlafprobleme (44 Prozent) oder Kopf- und Bauchschmerzen (40 bzw. 31 Prozent) treten vermehrt auf.

Die Folgen zeigen sich erst

Diese Studie bestätigt, was zahlreiche Mediziner und Therapeuten von Beginn an voraussagten: Zumindest dreißig Prozent der Kinder erleiden aufgrund der Pandemie, durch die darin begründeten Regierungsmaßnahmen und öffentliche Panikmache, eine posttraumatische Belastungsstörung. Mit viel Luft nach oben.

Das tatsächliche Ausmaß wird sich erst am Ende zeigen. „Wir müssen die Pandemie in zwei Wellen sehen. Die erste Welle ist die Welle der Infektionen, danach kommt die Welle von Menschen, die aufgrund der Pandemie psychische Belastungen und Traumata erlitten haben“, weiß Ulrike Schmidt, Vize-Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Bonn.

Diese zweite Welle wird jedoch erst zeitverzögert sichtbar sein. Als Beispiel nennt Ulrike Schmidt die Folgen für Jugendliche durch „stark stigmatisierte“ soziale Kontakte. Solche, die erste Beziehungserfahrungen machten, könnten häufiger von Schwierigkeiten in der Paarbindung und sexuellen Störungen betroffen sein.

Den Jugendlichen sei Angst vermittelt worden, durch ungeschützten Kontakt, zum Beispiel ohne Maske, andere in Gefahr zu bringen. Ebenso werden Bildungsdefizite durch Teilquarantäne und Schulschließungen immer wieder von verschiedenen Experten als Folge der Corona-Maßnahmen ins Treffen geführt. Aus diesen können neben realen Auswirkungen auf den Lebenslauf weitreichende psychische Belastungen entstehen.

Jüngere stärker betroffen

Besonders gefährdet, Symptome für posttraumatische Belastungsstörungen zu zeigen, sei laut der Grazer Kinderpsychologin Luise Hollerer die Gruppe der Volksschüler. Diese Altersgruppe neige entwicklungspsychologisch zur Übersteigerung und Vergrößerung, zur Generalisierung: Alles ist gefährlich, auch wenn mich nur ein Mensch anschaut. Solche generalisierten Ängste können jetzt vorkommen und dazu führen, dass Volksschüler wieder zu Bettnässern werden oder plötzlich Bauchschmerzen und andere psychosomatische Symptome haben.

Aber auch Kleinkinder haben zu kämpfen, obwohl man es ihnen oft am wenigsten anmerkt. Sie haben akut zuckende Antennen, wenn es um ängstliche Stimmungen älterer Menschen geht. Sie spüren stark den Umgebungsstress, wenn sich die Eltern ärgern, streiten oder alles desinfizieren, nichts bleibt unbemerkt. Solch ein psychischer Stress kann sich in Schlafproblemen oder in Rückschritten in der Entwicklung bemerkbar machen.

Eltern sind wichtige Stütze

Abgesehen davon, dass die derzeitige abnormale Situation in Kindergarten, Schule und Gesellschaft sicherlich massive Spuren in der kindlichen Psyche hinterlassen wird, spielen Verfassung und Verhalten der Eltern eine tragende Rolle dabei, ob die Kinder psychische Belastungsstörungen erleiden. Ängstliche, hilflose oder überforderte Eltern sind für Kinder eine verstörende Erfahrung. „Zu erleben, dass die Eltern, die ja normalerweise Halt und Orientierung geben, überfordert sind, verunsichert Kinder sehr“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychologe Christian Gutschi in der Zeitschrift „News“. Sie verstehen nicht, was da gerade vor sich geht, fühlen sich schutzlos ausgeliefert. „Aus dem Mangel an Sicherheit kann eine ganze Reihe an Folgeerscheinungen resultieren.“ Von stillem Leiden über Essstörungen bis hin zu Aggressivität.

Mit Blick auf die sich weiter verschlechternde wirtschaftliche Lage eine besorgniserregende Prognose. Denn Kinder erleben nicht nur die Angst der Eltern vor dem Corona-Virus, sondern ebenso belastende Lebensumstände wie ungeklärte Betreuungssituationen, Jobverlust und Existenzängste. „Wenn die Wirtschaft in einer schlechten Lage ist, verschlechtert sich die psychische Gesundheit der Kinder“, schreibt Ezra Golberstein, eine gesundheitspolitische Forscherin an der Universität von Minnesota.

In einer Studie in den USA stellte sie fest, dass ein Anstieg der nationalen Arbeitslosenquote um fünf Prozentpunkte einen Anstieg der „klinisch bedeutsamen psychischen Gesundheitsprobleme bei Kindern“ von 35–50 Prozent bedeutete. Die nationale Arbeitslosenquote lag in Österreich im Juli 2020 mit 9,2 Prozent um 2,7 Prozentpunkte höher als im Juli 2019. An Studien zum psychischen Zustand der Kinder herrscht derzeit noch ein grober Mangel.