Das Ordnungsamt der Stadt Essen bietet seit einiger Zeit ein Online-Formular zum Denunzieren von Corona-Sündern. Das ist praktisch, endlich kann der Deutsche wieder nach Herzenslust aus der Anonymität heraus seine Nachbarn anzeigen und der gerechten Strafe zuführen. Irgendetwas in meinem Hinterkopf lässt mich grübeln … gab es das nicht schon einmal?

Gastkommentar von Hans Gruber

Dieser Tage bin ich auf der Internetseite des Ordnungsamtes der Stadt Essen in Deutschland über eine spannende Sache gestolpert. Besagter Sachverhalt geistert bereits seit einigen Tagen durchs Netz und sorgt dort für Spott, Hohn, aber auch berechtigte Entrüstung. Das Ordnungsamt der Stadt Essen hat es nämlich ihren Bürgern ermöglicht Verstöße gegen die sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen bequem per Onlineformular anzuzeigen.

Sie haben richtig gehört. Vorbei sind die Tage, wo sie ihren Nachbarn oder das Restaurant an der Ecke, welches es wagt die sogenannte „Sperrstunde“ um wenige Minuten zu überziehen, persönlich anzeigen mussten. Ich weiß, das Telefongespräch mit einem Beamten, in welches man all seine natürlich völlig berechtigte Entrüstung legt, hatte seinen Reiz. Andere anzuzeigen weil sie etwas „falsch“ gemacht haben, welch süße Freude!

Aber diese bequeme Art der Online-Denunziation hat auch seine Vorteile. Nun kann man auch nicht mehr durch Zufall an der Stimme  erkannt werden. Zudem entfällt die Warteschleife und das Formular ist so einfach aufgebaut, dass ein Kind es ausfüllen könnte. Was meiner persönlichen Meinung nach wohl auch den Horizont des durchschnittlichen Nachbarschaftsspions abdeckt.

Das Formular selbst scheint Standard zu sein. Es verfügt unter anderem über ein aufklappbares Menü, wo man zwischen einigen „Verstößen“ wählen kann. Da gibt es alles, was das Denunzianten-Herz begehrt. Betriebe die laufen, aber nicht dürften? Check. Jemand der eine Unterkunft an Touristen vermietet obwohl man das in dieser Woche gar nicht darf? Check. Zusammenkunft im öffentlichen Raum die so gar nicht erlaubt sind? Check (Wer jetzt noch an sowas wie Versammlungsfreiheit denkt, der mag sich bitte ins Jahr 2020 begeben.) Das Vergessen oder der freiwillige Verzicht auf eine Papier-Plastik-Maske, die garantiert alles und jeden zu schützen vermag? Check.

Das und noch vieles mehr stehen einem bequem zur Auswahl, so dass man seine Denunzierung noch nicht einmal selbst formulieren muss. Die ganze Sache dürfte wohl bequem vom Handy aus in 30 Sekunden machbar sein. Natürlich kann man auch Fotos hochladen und derlei mehr. Einzig die Option für Video und / oder Mitschnitte einer garantiert und mit Sicherheit moralisch und rechtlich unbedenklichen, privaten Überwachungsaktion fehlt. Aber kleine Wermutstropfen muss man eben verschmerzen, vielleicht kommt ja noch eine Version Zwei.

Ach ja, alle persönliche Angaben zu sich selbst, also jenem Helden, der sich so mutig dem Kampf gegen Corona-Sünder verschrieben hat, sind rein optional. Die Anonymität muss schließlich gewahrt werden. Wer will schon, dass seine Nachbarn erfahren dass man eine Petze ist? An dieser Stelle beginne ich mich dann immer zu fragen, was der besondere Reiz an der Denunziation sein soll. Warum macht jemand das? Ist er wirklich davon überzeugt, dass die Welt untergeht und wir alle den grausamen Seuchentod sterben, weil der Italiener an der Ecke bis nach 24:00 geöffnet hat? Oder Nachbar Krause seine Maske nicht sofort aufsetzt, wenn er den Edeka betritt?

Man sollte meinen das Länder wie Deutschland aber auch Österreich, die ein langes und sehr dunkles Kapitel in diesem Zusammenhang erlebten, eine gewisse Aversion gegen Nachbarschaftsspionage entwickelt hätten. Wo einem die Gestapo früher im Nacken saß, oder später in der DDR die Stasi, konnten diese nur deswegen so effektiv in ihrem Handeln sein, weil sie sich auf eine Schar freiwilliger, unbezahlter „Mitarbeiter“ verlassen konnten. Menschen, die offenbar aus persönlicher Befriedigung heraus ihren Nachbarn beim geringsten Verstoß gegen jede noch so absurde Regelung sofort angezeigt haben. Im Faschismus wie auch im Kommunismus, eigentlich unter jeder totalitären Regierungsform, sind die Feinde immer „die anderen“. Und Feinde muss man schließlich gut im Auge behalten, nicht wahr?

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“

(Unbekannter Urheber)

„Verpestet ist ein ganzes Land, wo schleicht herum der Denunziant. Der Menschen Schandfleck wird genannt, der niederträchtige Denunziant.“

(Max Kegel, 1884)