Freudloses Dasein: Lockdown ist ein Stimmungskiller

Tote Augen über den Masken

Freudloses Dasein: Lockdown ist ein Stimmungskiller

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Lockdown ist Knockdown: Das ganze Land liegt nun schon seit zehn Tagen darnieder. Das normale Leben ist einem Dasein mit nächtlicher Ausgangssperre gewichen, und die neue Situation spiegelt sich auch in den Gesichtern der Menschen wider – wenn sie nicht gerade maskiert sind.

Ein Lokalaugenschein von Kurt Guggenbichler

Elf Stunden nach Inkrafttreten der verordneten Stille im Land bin ich auf der Welser Ringstraße unterwegs. Es sind nur wenige Leute zu sehen. Auf Höhe der einmündenden Bäckergasse treffe ich auf zwei schwerbewaffnete Polizisten, die Streife gehen.

„Ist das wegen des Lockdowns oder wegen des gestrigen Attentats in Wien?“, frage ich die beiden im Vorbeigehen. Die uniformierten Männer grinsen und sagen bezüglich ihrer Patrouille mit der schweren Handfeuerwaffe: „Das ist schon wegen des Attentats.“

Später würde mir Bürgermeister Andreas Rabl erzählen, dass er die schärfere Überwachung in der Welser City mit dem Stadtpolizeikommandanten Klaus Hübner vereinbart hätte, um nach den schrecklichen Ereignissen in der Bundeshauptstadt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken.

Keine Lust zu shoppen

Zur selben Zeit, als ich in Wels meine Runden drehe, wimmelt das gesamte Linzer Stadtgebiet von schwer bewaffneten Polizisten. Sie scheinen sich dort noch umsichtiger zu bewegen. Stunden später wird mir klar, warum: Nachdem ein Sonderkommando von Cobra und Verfassungsschutz vor einem Wohnhaus in der Linzer Gürtelstraße Stellung bezogen hat, wird ein unauffälliger junger Mann verhaftet.

Spuren vom 20-jährigen Wiener Attentäter Kujtim F., der in der Nacht zum Dienstag von der Polizei erschossen worden war, hätten zu dem Linzer Verdächtigen geführt, heißt es. So etwas schlägt sich aufs Gemüt, meint mein Informant, der mir diese Neuigkeit sofort via Handy mitgeteilt hatte, und auch der Lockdown trägt dazu bei.

Sogar die Plus-City vor den Toren der Landeshauptstadt ist heute ein Hort der Stille und Freudlosigkeit. Als ich dort eintreffe, vermisse ich das übliche Gewurle und Gewusel. Es herrscht eine beinahe gespenstige Ruhe. Was man zu hören bekommt, ist die Klage der Geschäftsbetreiber über ihre zu erwartenden, massiven Umsatzeinbrüche. 

Schon in Wels hat mir Thomas Ganser, der Betreiber des Fotohauses Werkgarner, zu verstehen gegeben, dass dieser Lockdown „eine Katastrophe“ ist. In Zeiten wie diesen kauften die Leute so gut wie keine Kameras mehr. „Durch den medialen Beschuss von den ständig steigenden Infektionszahlen und durch die Hinweise auf die schön langsam knapp werdenden Betten in den Intensivstationen, ist den Menschen die Lust am Shoppen gründlich vergangen, sagt ein Bekannter, den ich vor der Fleischhauerei Zellinger an der Bäckergasse getroffen habe, wo ich im Stehen gerade meine Leberkäsesemmel verzehre.

Die Lokale sind alle gesperrt. Auch in der Plus City stapeln sich die Stühle auf den Tischen vor den Imbissbuden. Vielfach sind die Stühle mit einer Kette zusammengeschlossen. Es soll nur ja niemand auf die Idee kommen, hier schnell seine Jause zu verzehren, denn der Covid-Tod lauert ja angeblich überall.

Verlorene Eckensteher

Deshalb sieht man auch allerorten Menschen verloren in irgendwelchen Ecken stehen oder auf Bollern hocken, wo sie an ihrem Becher mit einem kalten Cappuccino aus dem Supermarkt nippen oder an sonstiger Nahrung kauen. 

Auf dem Stadtplatz in Steyr, wohin ich mich nach meiner Linz-Visite begebe, sitzt eine junge Frau vor einem Hauseingang und stopft sich eine undefinierbare Speise aus einer Pappschachtel hinein, und vor dem Hotel Mader mit seinem leeren Schanigarten studiert eine ältere Dame den Speisekartenaushang mit den Tagesgerichten zum Mitnehmen.

Alleinlebende Personen, die sich selbst nichts kochen können und auch zu wenig Geld haben, um sich täglich Essen aus einem Gasthaus liefern zu lassen, haben es in diesen Tagen schwer.

Nicht minder schwer haben es Wirte und Abendlokalbetreiber, die zur Untätigkeit verdammt sind und nun auch um ihre Existenz bangen müssen. „Wenn noch mehr Lockdowns kommen, hätten wir uns die Raucherverordnung, die Winter-Schanigärten und die Registrierkassenanschaffungen ersparen können, weil sowieso keine Leute mehr in Lokale gehen und wir auch nichts verdienen können“ räsoniert sarkastisch ein mir bekannter Wirt.

Er und Kollegen aus anderen Orten unseres Bundeslandes befürchten, dass sie heuer auch um ihr Geschäft auf den Christkindlmärkten umfallen werden. Denn die meisten Märkte sollen bereits abgesagt sein, andere sind noch in der Schwebe.

Auch Klöster betroffen

Zumindest eine Weihnachtsbeleuchtung und beleuchtete Weihnachtsbäume in den Städten dürfte es geben. Bei meinem Lokalaugenschein in Wels wurde gerade die Illuminierung des Ledertors installiert.

Ebenfalls schwer trifft dieser Lockdown die Kulturschaffenden und Kultureinrichtungen, darunter auch die Klöster. „Wir haben den Lockdown schon davor gespürt“, sagt Bruder Petrus, der Abt des in der Nähe von Steyr gelegenen Stiftes Seitenstetten. 

Busreisen, Seminare, Musikvorträge und Ausstellungen gibt es vorläufig nicht mehr, auch die Führungen durch das Stift hätten sich schon seit geraumer Weile mehr als halbiert. Der Klostervorsteher scheint sich nun auf die Betreuung von Corona-Erkrankten in seinem Stift verlegt zu haben.

Zuletzt erst, so hörte ich es kurz vor meiner Begegnung mit Pater Petrus, hätte der Abt einen erkrankten Corona-Patienten höchstpersönlich gesund gepflegt. Doch er ist zuversichtlich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird.

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