„Ich habe letztes Jahr bei der Nationalratswahl einen Fehler gemacht”

Kanzler Kurz scheint an Beliebtheit zu verlieren – Hinhaltetaktik verärgert Kleinbetriebe

„Ich habe letztes Jahr bei der Nationalratswahl einen Fehler gemacht”

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„In unzähligen Pressekonferenzen wurde schnelle und unbürokratische Hilfe für alle Unternehmen versprochen.“ Sätze wie diesen habe ich in den letzten Wochen täglich mehrmals am Telefon gehört. Leider musste ich auch immer wieder darauf antworten: „Du bekommst leider nichts, …“ Die sich daran anschließenden – oft stundenlangen – Telefonate ließen bei mir Zweifel aufkommen, ob ich nicht meinen Beruf verfehlt habe und doch eher den des Psychologen statt eines Beraters nachgehen sollte.

Ein Kommentar von Norbert Geroldinger

Ein kurzer Blick rund um meinen Schreibtisch und die Erkenntnis, dass ich in meinem Büro einfach keinen Platz für die obligatorische Couch habe, haben diesen Gedanken schnell wieder zur Flucht verholfen.

„Almosen“ auch in Phase 2

Im laufenden Kontakt mit anderen Kollegen zeigt sich quer durch das ganze Bundesgebiet und alle Branchen dasselbe Bild: Die Politik verspricht Unterstützung, die Anträge sind für EPUs und KMUs oft zu kompliziert und faktisch kommt nicht wirklich Geld bei den Unternehmen an.

Der Gang zur Bank ist der nächste Schritt, allerdings zeigt sich auch hier der riesige Unterschied zwischen der politischen Theorie und der wirtschaftlichen Praxis: Es ist meistens nicht klar, unter welchen Bedingungen ein Unternehmen aufsperren kann oder auch wann überhaupt wieder geöffnet werden darf und somit wieder Einnahmen fließen (vom „sprudeln“ werden viele Betriebe auf längere Sicht nur träumen können).

Ohne diese Grunddaten kann ich bei den Unternehmen den Kapitalbedarf nur schwer berechnen und so manches funktioniert halt nur, weil man die „Banker“ am Land meistens kennt und diese in vielen Fällen unbürokratisch handeln.

Kredite bei Banken, Stundungen bei Finanzamt und Sozialversicherung, Aufschub bei Kredit- und Leasingraten haben aber alle eines gemeinsam: Sie entschärfen ein wenig das Liquiditätsproblem, verschieben es aber in Wahrheit nur nach hinten.

Die Unternehmen gehen vielleicht nicht diese Woche oder im kommenden Monat pleite – der letzte Vorhang fällt aber dann in einigen Monaten. Noch ist es ruhig bei meinen Kunden. Manche sind in eine Lethargie verfallen und warten nur noch ab.

Andere hängen ihre Hoffnung an die nächste Pressekonferenz von Kurz & Co. und werden dann doch wieder enttäuscht. In der „Phase 2“ wird dann die Anzahl der enttäuschten Kunden wieder steigen – wenn ich Ihnen nämlich beibringen werden muss, dass die „Almosen“ aus der Phase 1 auf die „Almosen“ der Phase 2 angerechnet werden – klingt harmlos, bedeutet aber, dass das Unternehmen weniger Unterstützung bekommt.

Wobei eine Unterstützung in Höhe von maximal 2.000 Euro bei um den Faktor 10 höheren Fixkosten eher an Spenden erinnert.
Diese vermeintliche Ruhe bei den Unternehmen täuscht aber. Die türkise Message-Control verliert auch hier von Tag zu Tag immer mehr an ihrer Wirkung.

Beliebtheit von Kurz im Sinken

Der Anteil an Kurz-Wählern unter meinen Kunden war bis Mitte März nicht unerheblich, bewegt sich aber derzeit ungefähr auf Höhe der Beliebtheit von Fußpilz.

„Ich habe letztes Jahr bei der Nationalratswahl einen Fehler gemacht, das passiert mir kein zweites Mal“. Auch so ein mittlerweile oft gehörter Standardsatz.

Hinhaltetaktik der Regierung

„Es Landler, es Bandler, es Nudldrucka, wonn d´Innviertler kemman, miasst´s umirucka“ ist eine alte Liedzeile aus meiner Gegend und bedeutete meistens nichts Gutes, wenn unsere Vorfahren irgendwo auftauchten.

Mein Großvater war neben seiner Arbeit als Steinmetz auch Rausschmeißer und hatte noch diese berüchtigte „Handschlagqualität“.

Diese alten Qualitäten könnten aber bald wieder aktuell werden, wenn die Hinhaltetaktik der Regierung noch länger andauert.

Abgesandte der K(urz) & K(ogler) – Regierung sollten dann vielleicht um Unternehmer einen großen Bogen machen. Und ja, es gibt sie, jene Kunden, die auch in der Krise mehr Umsatz machen.

Die Kleinunternehmerin, die mit ihrem Versand statt einigen Hundert Euro mittlerweile fast einen vierstelligen Betrag verdient. Zwar noch immer zu wenig zum Leben, aber immerhin.

Grosser Ansturm bei Beratern

Auch für die Beraterbrache brechen goldene Zeiten an. Wir können uns derzeit kaum vor Arbeit retten und das wird auch auf lange Sicht so bleiben.

Viele verrechnen zwar den erheblichen Mehraufwand nicht an ihre Kunden und haben das Problem, dass diese die Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Aber uns geht die Arbeit erst nach dem Geld aus, immerhin.

Und jetzt blicke ich mal kurz aus meinem Büro über die Grenze rüber nach Deutschland – in Bayern erfolgt gerade die Auszahlung der zweiten Tranche an Unterstützungen für EPUs und KMUs.

Die Beträge sind um ein Vielfaches höher als in Österreich – einen kleinen Vorteil haben wir in Österreich: diese Almosen sind bei uns steuerfrei.

 

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