Kaum kritische Distanz: Des Kaisers neue Medien

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Österreich setzt Kurz die Krone auf

Kaum kritische Distanz: Des Kaisers neue Medien

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Wir schreiben Montag, den 30. März 2020, im vierten Regentschaftsjahr von Kanzler Sebastian. Während das Volk darauf wartet, welch neue Kunde der weise Regierungschef ihm in der baldigen Ansprache kundtun wird, sind eifrige Hofberichterstatter schon im Bilde.

Ein Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Ein heimlicher Gesandter steckte ihnen vorab: Bald müssen die Untertanen Masken tragen, um sich vor dem Erreger zu feien. Weil unbotmäßige Stimmen Kritik hegen, lässt sein näselnder Garde-Chef schon seit Wochen ausrichten, dass das Volk falschen Propheten kein Gehör schenken möge. Und die am Hof alimentierten Chronisten spitzen ihre Feder und prügeln diese Tusche mit dieser Botschaft darnieder.

Lob dem Krisenmanager

Ungefähr so lasen sich auch die Ritterromane unserer Jugend. Wenige haben sich aber träumen lassen, noch zu Lebzeiten einmal Zeuge solcher Zustände zu werden. Aber seit Anbeginn der Corona-Krise in Österreich ist mediale Wachsamkeit wohl ein Schimpfwort. Was in der Regierung ersonnen, spielen die Schreibstuben ans Volk: Das Bild der väterlichen Regierung, die alles im Griff hat, ist unantastbar.

Die unverblümteste Lobhuldigung lieferte die Krone. Nur einen Tag eher widmete sie ihm das Deckblatt der „Krone bunt“. Der Staatsmann strahlt dort mit der Landesflagge um die Wette – samt Beschriftung: „Der Krisenmanager“. Der begleitende Online-Artikel ist kein bisschen minder pathetisch: „Der sonst so kontrollierte Kanzler wirkte ungewohnt bewegt und betroffen, als er die österreichische Bevölkerung kürzlich per TV-Ansprache auf die nötigen Maßnahmen einschwor“.

Nein, nicht nordkorenanische, sondern heimische Propaganda kommt frei Haus. Und es ist keine Eintagsfliege bei der Alpen-Prawda. Schon letzten September ließ deren Salzburg-Chef Claus Pándi keinen Zweifel, in einem Ö1-Interview gab er zu Protokoll: „Ich muss schon auch auf mich selber immer wieder aufpassen, auf kritischer Distanz zu ihm zu bleiben.“ Im selben Zeitraum war Kurzens Fleiß im Wahlkampf dann am Titelblatt…

Kritische Nähe als Trumpf

Kritische Nähe – mittlerweile ein Tagesgeschäft: Und sogar „Zweifler lenken ein“, dass Kurz bei den Masken „rechtzeitig gehandelt“ habe. Verteidigungsministerin Tanner posiert gar mit „selbst produziertem“ Gesichtstuch im „modischen Camouflage-Look“. Auch Edel-Sudelfelder Jeannée kommt auf seine Kosten, er erklärt Kurz, Nehammer und Anschober zum „starken Trio“.

Eine Stärke, mit der es Mitte März abwechselnd kundtut, dass Ausgangs-Sperren natürlich Falschnachrichten seien – wenige Tage später sind sie Realität. Am Montag versprach die Titelseite dann Belohnung in Form einer Lockerung, wenn man sich nur brav genug an Vorschriften halte. Eine Woche alt ist da ein Porträt zweier Tiroler, die eine „sehr wichtige Stütze“ seien, weil sie Kurz in der Krisenbewältigung zur Seite stehen.

Der Kanzler wiederum agiere mit „ruhiger Hand“ und „größtmöglicher Konsequenz“. Klare Strukturen seien in Krisenzeiten „extrem wichtig“. Dass man die „perfekte Organisation“ noch vor der Krise als „Message Control“ kritisiert habe, dafür hat die Krone kein Verständnis.

Einheitsbrei ist angerührt

Auch die ‚Konkurrenz‘ steht kaum nach, oe24.at erklärt Anschober zu „Minister Cool“, Kurz darf lauthals von „Millionen Schnelltests“ träumen, die es bis heute nicht gibt. Kolumnen spenden „Applaus für unsere Krisenmanager“, Kurz habe „viel riskiert und vorerst gewonnen“.

Und weil man Gewinner mag, darf Kurz sich „ganz privat“ vorstellen und sich fürsorglich zeigen – Titel-Zitat: „So will ich Mama und Papa schützen“. Die Jubelstimmung ist so breit, dass sogar der ORF mitzieht – Radio Wien lässt in seinem Schülerangebot als Hausaufgabe beinhart Kurz-Porträts malen.

Wochenblick bleibt kritisch

Nur wenige Mainstream-Blätter stören den Frieden: Mit der Erkenntnis, dass die FPÖ zuerst warnte und viele Maßnahmen blaue Handschrift tragen, war der Standard nur sechs Tage langsamer als der Wochenblick. Bei unserer Feststellung, dass der Asyl-Einreisestopp Nehammers kaum mehr als ein PR-Gag war, zogen sie dann schon nach zwei Tagen nach.

„Wir schreiben, was andere verschweigen“ – nie war unser Slogan richtiger und wichtiger als in dieser Krise.

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