Tag 3 – Österreich in der Zwangspause

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Tag 3 – Österreich in der Zwangspause

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Oblomovščina, also Oblomowerei nennt man in Russland lethargisches Nichtstun. Die Bezeichnung stammt vom Titelhelden Ilja Iljitsch Oblomow aus Iwan Alexandrowitsch Gontscharows berühmtestem Roman von 1859. Meinem absolutem Lieblingsbuch. „Dolce far niente“, wie der Italiener dazu sagt. Doch süß ist dieses Nichtstun in diesen Tagen leider keineswegs. Schon gar nicht in Italien. Und auch nicht hier in Österreich. Ich bin heilfroh, dass meine Oblomowerei immer wieder durch Arbeit im Home Office unterbrochen wird …

Ein Eintrag ins Tagebuch von René Rabeder

Frag doch mal die Maus

Mittwoch war der dritte Tag in diesem Home Office. Der erste Tag, an dem ich alleine in meiner „Quarantäne-Station“ aufwachte. Meine Frau ist Krankenschwester. Sie machte sich irgendwann mitten in der Nacht auf den Weg in den Dienst. Ich bin stolz auf sie. Ich mache mir Sorgen um sie.
Dazu passt auch gleich der erste Artikel, den ich am Morgen für den Wochenblick schrieb. Ärzte und Pfleger würden sich besonders häufig mit dem Virus infizieren. Sogar aus China kommen Warnungen, nicht dieselben Fehler zu begehen, die in Wuhan gemacht worden waren. Schutzkleidung für medizinisches Personal hing irgendwo an der deutschen Grenze fest. Na Servas.

Ich habe eine Katze gesehen! Aus dem Fenster zu schauen ist derzeit sehr seltsam. Irgendwie scheint da draußen ja alles normal weiterzugehen. Ich sehe Menschen, die spazieren gehen. Ältere Leute. Kinder, die spielen und mit Fahrrädern vorbeisausen. Haben die nur mich weggesperrt? Die Katze hatte eine Maus im Maul. „Welche Krise?“, hat sie mir voller Stolz non-verbal zumiaut, als sie mich hinter der Glasscheibe entdeckt hat. „Frag doch mal die Maus“, habe ich zurückgemurmelt.

Geräusch gewordene Langeweile

Ich vermisse meinen Hund. Und natürlich meine Eltern. Normal sehe ich die alle mehrmals pro Woche. Jetzt wird eben telefoniert. Oder per WhatsApp geschrieben. Aber Mia hält nichts von moderner Technik und Kommunikation. Für sie zählt nur echtes physisches Beisammensein. Hunde sind da sehr eigen.

Ein dumpfes Geräusch hat mich irgendwann mal beschäftigt. Ein Hämmern? Nein, eher ein Klopfen. Auf jeden Fall hat es beim Recherchieren und Schreiben ziemlich gestört. Die Ursache der akustischen Belästigung fand sich am Balkon. Ein Kind (?) der Nachbarschaft hat wohl immer wieder einen Ball auf den Terrassen-Boden geworfen. „Dich haben sie also auch eingesperrt“, freute ich mich fast.

Radieschen von unten ansehen. Und von oben.

Apropos freuen. Richtig gefreut habe ich mich dann, als schon am frühen Nachmittag meine Frau überraschend heimgekommen ist. Gemeinsam machten wir uns zum größten Abenteuer unserer Zeit auf: Wir fuhren einkaufen. Erster Eindruck im Geschäft? Irgendwer hat das gesamte Klopapier gegen Radieschen getauscht. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Radieschen gesehen. Und wo frische Radieschen sind, sind alte Menschen nicht weit, die diese genau begutachten. Nicht nur von unten. Obwohl das ja die Konsequenz sein soll, wenn ich morgen beschließen sollte, auch wieder mehr am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Werde ich aber nicht. Ich werde weiter im Home Office arbeiten. Und vielleicht komme ich sogar einmal dazu, wieder Oblomow zu lesen. Jetzt, wo ich mich ihm näher fühle, als je zuvor …

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