Bei den Totengedenkfeiern zu Allerseelen rücken auch die Gefallenen der beiden Weltkriege wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit – und damit auch das Schwarze Kreuz, in dem vor allem jüngere Menschen eine überholte Institution sehen könnten. Aber tun sie das wirklich? Und hat die Organisation eine Zukunft?

Von Kurt Guggenbichler

„Was sind das denn für Gräber?“, fragt das kleine, etwa fünfjährige Mädchen, das an der Hand seines Vaters durch den Welser Friedhof spaziert.
Papa stoppt seine Schritte, geht in die Hocke, um auf Augenhöhe mit seiner Tochter zu sein, und sagt ernst: „Das sind Soldatengräber. Das sind alles Männer, die im Krieg gestorben sind.“

Verblasste Brutalität

„Wann war denn Krieg?“, fragt die Kleine weiter. Der Vater richtet sich wieder auf und erklärt: „Das ist schon sehr lang her.“ Sogar er selbst hat als etwa 40-Jähriger keine Erinnerung daran.

„Auch der Ungarnaufstand und ähnliche Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg sind für ihn, wie auch für die meisten Österreicher seines Alters, nur noch historische Versatzstücke ohne emotionale Betroffenheit“, erläutert Ale­xander Barthou, der Generalsekretär des Österreichischen Schwarzen Kreuzes (ÖSK), der in Sichtweite des Welser Friedhofs wohnt und dort auch oft nicht nur das Grab der Familie, sondern auch die letzten Ruhestätten der gefallenen Soldaten besucht.

Mit dem bekannten Historiker Stefan Karner ist sich Barthou darin einig, dass aufgrund der längsten Friedenszeit der jüngeren Geschichte die meisten Menschen keine Vorstellung mehr von den Schrecken und der Brutalität des Krieges haben.

Kriege noch möglich

„Ich weiß nicht, was Krieg ist“, sagte die kurz vor der Matura stehende Gymnasiastin Hanna Keil anlässlich des 100-jährigen ÖSK-Jubiläums im Vorjahr im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien und fügte hinzu: „Ich will es auch gar nicht wissen. Aber es muss schrecklich sein – und wenn das keine Menschen mehr erzählen können, müssen wir es tun.“

Schulkollegin Flora Wildner pflichtete ihr bei: „Wir kennen den Begriff Zweiter Weltkrieg nur noch aus dem Geschichtsunterricht, aus Büchern und Filmdokumentationen. Dieses Wort fühlt sich so entfernt an, man hat keinen persönlichen Bezug mehr dazu, genauso als würde man über die Kreuzzüge reden, die noch viel weiter zurückliegen. Es ist passiert, und wir lernen darüber, mehr nicht. Aber so ist es nicht. Der Krieg ist näher als wir glauben, und er betrifft uns alle.“

Arbeit neu ausrichten

„Daran sollten die Menschen denken, wenn sie in wenigen Tagen wieder auf die Friedhöfe strömen, dabei auch an Soldatengräbern vorbeispazieren und vielleicht denken: Alles schon lang her!“, sagt Barthou, der sich auch klar darüber ist, dass viele Leute das Schwarze Kreuz bereits für ein Relikt der Vergangenheit halten.

Davon weiß auch der Historiker Karner ein Lied zu singen. Kriegsgräber, so berührend die Schicksale dahinter auch waren, stellt er fest, werden zunehmend zu Orten emotionsärmerer Erinnerung. Denn für die Österreicher des letzten halben Jahrhunderts finden Kriege hauptsächlich in Museen statt.

Obwohl es keine Garantie dafür gibt, dass es in unseren Breiten so bleibt, wie bereits der Jugoslawien-Krieg zeigte. Ihn hatte kaum jemand für möglich gehalten.
Bei diesem Konflikt in den 1990er-Jahren sind mehr Zivilisten als Soldaten ums Leben gekommen, und dies werde auch in Zukunft so sein, gab Generalleutnant Johann Luif vom Verteidigungsministerium bei der 100-Jahr-Feier des ÖSK zu bedenken.

In seine Ausführungen bezog er auch die Opfer künftiger terroristischer Anschläge mit ein.
Trotzdem wird das Schwarze Kreuz die Negativ-Erfahrungen eines Krieges nicht mehr als Motivation für seine Friedensarbeit nutzen können, glaubt Karner.

Daher wird die Arbeit des ÖSK künftig breiter angelegt, multiperspektivischer und vor allem so ausgerichtet sein müssen, damit sie auch noch für die Nachfahren der Enkelgeneration sinnstiftend zu wirken vermag.

Noch scheint es genug junge Menschen zu geben, die bereit sind, das ÖSK bei der Erfüllung seiner Aufgaben zu unterstützen – wie beispielsweise die Schüler der 4. Klasse HTL St. Pölten, die am 9. Oktober auf dem Soldatenfriedhof in Oberwölbling bei Göttweig flach auf den Gräbern lagen, um den verblassten Schriften auf den Steinkreuzen mit Farbe und Pinsel wieder neuen Glanz zu verleihen.

Engagierte Gräberpflege

Die Anregung dazu hatten sie von ihrem Klassenvorstand Helmut Freimann bekommen, der es – selbst erst dreißigjährig – für wichtig hält, dass junge Leute auch Erfahrungen mit den Auswirkungen eines Krieges machen. Deshalb hat Freimann die Gräberpflege zum Projektunterricht erklärt, und alle seine Schüler waren gern dabei.

Für den 17-jährigen Yannic Teufl, dessen Großvater die Hölle von Stalingrad nur knapp überlebte, der mittlerweile aber verstarb, sind einige Stunden Arbeit für den Erhalt der Soldatengräber fast schon Verpflichtung.

„Ich finde es wichtig, nicht zu vergessen, was diese Leute, die hier liegen, im Krieg mitgemacht haben“, pflichtet ihm Schulkollege Mathias Klarer bei.
„Diese jungen Leute, die meistens kaum älter waren als wir“, sagt Daniel Egretsberger und macht mit der Hand eine weit ausholende Bewegung über die Gräber, „haben sich für unser Land geopfert.“

Gefallene nicht vergessen

„Das sind die Söhne unserer Heimat, unsere Angehörigen, und es gehört zur politischen Kultur, unsere Gefallenen nicht zu vergessen“, betont ÖSK-Präsident Peter Rieser: „Denn wer die Vergangenheit vergisst, hat keine Gegenwart, und wer keine Gegenwart hat, hat auch keine Zukunft.“

„Aus diesem Grund ist das Österreichische Schwarze Kreuz immer noch eine wichtige Institution“, betont Barthou, „und wird auch in Zukunft eine wertvolle Einrichtung der Friedensarbeit sein.“

Das ÖSK wird als starker Akzent der österreichischen Zivilgesellschaft erhalten bleiben, glaubt Karner, um die Erinnerung an die sinnlos getöteten Menschen der beiden letzten Weltkriege als Mahnung aufrecht zu erhalten.
Auch für den HTL-Lehrer Helmut Freimann ist das ÖSK keine überholte Institution, sondern als Mahner für den Frieden zeitgemäßer denn je.