Man muss kein Sprachwissenschaftler sein, um dem Wildwuchs an immer neuen Begriffen im politischen Raum mit Misstrauen zu begegnen. Ein besonderes Faible dafür, mit großen und schrecklichen Wörtern das Wahlvolk hörig zu machen, entwickelte unser aller Kanzler. Der mündige Bürger täte gut daran, ihm dabei nicht auf den Leim zu gehen und sein Geschwätz vom „Dauerlockdown“ als das zu strafen, was es ist: Reine Angstmache von höchster Stelle. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Der Erfolg eines sogenannten „Neologismus“ – also einer sprachlichen Neuschöpfung – liegt an seiner Prägnanz. Je einprägsamer, eindrücklicher und praktischer ein solches Wort ist, desto eher findet es Einzug in die Alltagssprache. Aus diesem Grund prägten sich sinnvolle Neuerungen wie „Geldtasche“ (statt Portemonnaie) oder bildhafte Schöpfungen wie „Menschenmaterial“ ein, während der „Gesichtserker“ für die Nase maximal noch zu humoristischen Zwecken taugt. Wer diesen Mechanismus für seine politische Propaganda beherrscht, kann damit aber oft mehr bewegen als mit Argumenten.

Wenn die Sprache die Bürger „zu Kurz kommen“ lässt

Auf diese Art und Weise schafften es radikale Muslime etwa, ihren Kampfbegriff einer vermeintlichen „Islamophobie“ im politischen Diskurs zu etablieren. Dasselbe schafften nicht minder radikale Feministinnen mit dem „Mansplaining“, was eigentlich nur meint, dass sie auf jegliche fundierte, zweite Meinung keinen Bock haben, wenn diese von einem Mann kommt. Und in der Coronakrise geht eben Türkis-Grün mit der Macht der Worte hausieren – und das nicht zu knapp. 

Wer kann sich nicht daran erinnern, als Innenminister Nehammer alle Menschen, die sich nicht an verfassungsfeindliche Vorgaben der Regierung hielten, als „Lebensgefährder“ abstempelte? Plötzlich wurden normale Bürger zu Blockwarten, zeigten den Nachbarn, mit dem man noch kürzlich zum Kaffee saß, an. Denn niemand will „Lebensgefährder“ sein. Nun, als die Pandemie der Regierung entgleitet, begibt man sich erneut in die Sprachmühle.

„Dauerlockdown“ als neues Kurz-Schreckgespenst

Diese mahlt gar nicht langsam, denn im Eiltempo rattert Kanzler Kurz das Wortungetüm des „Dauerlockdowns“ hervor. Denn so weit versteht er die Stimmung im Volk noch: Die Menschen sind es müde, sich alle paar Monate einsperren zu lassen und überall mit einem Gesichtsfetzen herumzulaufen. Unternehmer sorgen sich um ihre Zukunft, ihre Mitarbeiter sowieso.

Eine Verstetigung des Zustandes wäre also Gift. Kurz weiß das. Darum nennt er die Massentests als Chance einem „Dauerlockdown“ zu entkommen. Diese laufen nur schleppend an – aber niemand will bis an sein Lebensende nur mehr einen Freund sehen dürfen oder beim Weihnachtsbesuch bei den Eltern seine Kinder zuhause lassen.

Es geht erneut um das schlechte Gewissen: Wer sich nicht unter dem wachsamen Auge von Soldaten zur Testbank führen lassen will, ist Schuld, wenn das Geschäft nebenan nie wieder aufsperren darf. Dass es so weit gar nicht kommen könnte, weil ihn dann sogar seine bislang noch hörigen schwarzen Wirtschafter mit nassen Fetzen davon jagen würden, daran soll bloß niemand denken.

Sprachbilder der Angst als politische Waffe

Diese Art von politischer Propaganda wirkt auf neurolinguistischer Ebene direkt auf den Rezipienten – sprich auf den Bürger – ein. Man bedient so lange Sprachbilder, vor denen die Menschen Angst haben, bis sie das Ganze selber zu Ende denken. Man gaukelt ihnen damit vor, sie würden sich ohnehin freiwillig an alle Vorschriften und Erklärungen halten. In Wirklichkeit hat man sie „programmiert“, den Vorstellungen der Obrigkeit möglichst anstandslos zu folgen. 

Auch Medien machen dies gern. Denn Schlagworte verändern, wie Menschen ein Thema wahrnehmen. Ein Experte ist unglaubwürdig, wenn man ihn als „umstritten“ brandmarkt, eine legitime Forderung für den Erhalt der eigenen Identität wird durch die Floskel „rechtsextrem“ desavouiert. Ein langweiliges Wirtschaftsthema wird zum Quotenhit, wenn die Überschrift mit Worten wie „Korruption“ und „Skandal“ gespickt wird. So weit, so gut.

Gefährliches Spiel mit den schaurigen Worten

Dass man mit Worten also ein Volk in der Meinungsbildung beeinflussen kann, ist jedem klar. Gefährlich wird dies aber, wenn Politiker damit eine Alternativlosigkeit von höchst fragwürdigen und schwerwiegenden Eingriffen in die bürgerlichen Freiheiten argumentieren. Das Narrativ bleibt dasselbe: Der arme Sonnenkanzler, der mit jenem widerlichen und unfähigen Volk arbeiten muss, das man ihm eben gab. Es ist somit ständig Schuld, wenn die tollen Maßnahmen seiner Regierung nicht wirken.

Zuerst waren es die weitreichenden Maskenpflichten, die eine „zweite Welle“ verhindern sollten. Als diese da waren, musste man Kontakte einschränken, um einen „zweiten Lockdown“ zu verhindern. Nun soll man sich testen lassen, um einen „Dauerlockdown“ abzuwenden. Am Ende dieser Liste steht wohl eine sanfte Pflicht, sich einen nicht ausreichend erprobten Impfstoff unter die Haut schießen zu lassen, um wieder ein Stück „Normalität“ zu erlangen. Oder zumindest, um wieder ins Fußballstadion zu dürfen. Alles „freiwillig“ natürlich. Denn niemand, wirklich niemand kann einen „Dauerlockdown“ wollen.