„Man wird die Methoden ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen. Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften. Es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen. Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“ – Bärbel Bohley

Vor 30 Jahren, als die DDR unterging, wusste noch jeder, wer Bärbel Bohley war. Sie war eine Instanz, eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Auch nach dem Fall der Mauer sprach sie offen von der typisch „westlichen Arroganz“, an der eine Aufarbeitung bis heute scheitern sollte. Doch wollte der Westen aufarbeiten? Oder sucht er in der Geschichte nur eine Anleitung zur Perfektionierung des Meinungsterrors?

An die prophetischen Worte der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley (großes Bild) erinnert sich der deutsch-israelische Journalist und Schriftsteller Chaim Noll in einem seiner aktuellen Aufsätze zurück. Noll wuchs selbst in der DDR auf, siedelte 1984 nach West-Berlin und später nach Israel. Mit Bohleys Vorstellungen von einer besseren politischen Ordnung nach der Wende, über die er im Frühjahr des Jahres 1991 zuletzt mit ihr diskutierte, konnte er zum damaligen Zeitpunkt noch wenig anfangen. Bärbel Bohleys Name stand für eine lange Vorgeschichte von Ungehorsam und Rebellion. Doch, „Es lag in der Natur des westdeutschen Parteiensystems, dass im vereinigten Deutschland nicht Leute wie sie, sondern die Mitläufer hochkamen, die Angepassten“, führt Noll aus. Als „Kohls Mädchen“ wäre Bärbel Bohley jedenfalls nicht geeignet gewesen. Da hätten sich andere und Geschicktere gefunden (Anm. d. Redaktion: „Mein Mädchen“ nannte der damalige Kanzler Helmut Kohl die ebenfalls in der DDR aufgewachsene Angela Merkel, die er 1991 zur Ministerin machte).

Lückenlose Überwachung

Chaim Noll beschäftigte sich zum Zeitpunkt seines letzten Treffens mit Bärbel Bohley für ein Forschungsprojekt mit den Akten des DDR-Schriftstellerverbands. Über die lückenlose Überwachung und Bespitzelung, vor allem aber über die bereits im Keim erstickte Meinungsfreiheit, war er schockiert. Diese „innere Zensur“, der sich die Schreibenden im Osten selbst unterworfen hatten, erinnern stark an das, was man heute „politische Korrektheit“ nennen würde. „Ich konnte nachverfolgen, wie Regulierung von Sprache, Themen, Meinungen ihre Rückwirkung nimmt auf die Psyche. Wie Menschen daran krank werden. Ich nannte es Stacheldraht im Gehirn“, schreibt Noll. „Alle diese Untersuchungen“, hätte ihm die Bürgerrechts-Ikone bei einer Flasche Wein erklärt, „die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben und immer noch arbeiten, all das wird in die falschen Hände geraten.

Der Maulkorb ist zurück

Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen – um sie dann zu übernehmen.“ Dann sprach sie laut Noll die einleitenden Worte von oben aus. Ob sie auch nur wirklich geahnt hatte, wie recht sie mit diesen Sätzen haben würde? Das Isolieren, das Brandmarken, das Mundtotmachen all jener, die sich gegen das System auflehnen. Das ständige Verbreiten von Lügen über alle, die unangenehme Wahrheiten aussprechen wollen. All das passiert jetzt, im vermeintlich freien Westen genauso wieder, wie es damals in der DDR Alltag war. Selbst der freiwillig auferlegte Maulkorb der heutigen Mainstream-Presse ist nichts Neues. Und auch Noll selbst fühlt sich, angesichts der aktuellen politischen Umstände nicht selten an die Wahrsagungen Bohleys erinnert.

Prophezeiung wurde wahr

„Ich denke oft an sie. Wenn ich davon lese, wie seltsame Einrichtungen, sagen wir: die von der deutschen Regierung finanzierte Amadeu Antonio Stiftung, das Beobachten von Kindergarten-Kindern suggerieren, wie die Vorsitzende dieser Stiftung, unsere alte Ost-Berliner Bekannte Netty mit ihren Mitarbeitern Listen zusammenstellt, in denen Unliebsame unter dem Vorwand eines Kampfes gegen rechts oder der Prävention gegen „Rassismus“ namhaft gemacht, zur Ausgrenzung empfohlen, stigmatisiert werden – dann denke ich an Bärbel Bohley. An ihre prophetischen Worte vor fast dreißig Jahren.“