Es gibt 198 Methoden des gewaltfreien Widerstands. Der amerikanische Politikwissenschaftler Gene Sharp stellte akribisch alle Möglichkeiten zusammen und veröffentlichte sie in dem Buch „Von der Diktatur zur Demokratie“ („From Dictatorship to Democracy“) (1).

Von Alina Adair

Sharp schrieb das Buch 1993 nach einer Reise nach Myanmar, das einst Birma hieß. Er war heimlich dort hingereist um zu lehren, wie man gewaltlos Widerstand leisten kann. Sein Lebenswerk reicht von Wahlboykott, Hungerstreik und Sitzstreik bis zur Verweigerung der Zusammenarbeit mit der Regierung. Es gibt immer einen Weg, „Nein” zu sagen, auch in einem Polizeistaat oder einem Regime – und er zeigt auf, wie das geht.

„Finde heraus, wo Dein Regime stark ist und wo es schwach ist.”

Das Buch ist eine Anleitung zum gewaltfreien Sturz von Diktaturen, die in Osteuropa in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben. Sharps Intention war, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, wo Freiheit zählt und keine Unterdrückung. Er hoffte, dass sein Buch zukünftig Einfluss auf die Weltpolitik haben wird.

Es ist möglich, sich von Diktaturen zu befreien

Sein Werk hat eine wichtige motivierende Botschaft, die heute aktueller ist denn je: „Es ist möglich, sich von Diktaturen zu befreien.“

Sein ganzes Leben widmete sich der 2018 mit 90 Jahren verstorbene Autor dem gewaltlosem Widerstand. Er erlebte in jungen Jahren den Nationalsozialismus, verfolgte begeistert Mahatma Gandhis gewaltlosen Kampf und als er selbst zum Krieg in Korea geschickt werden sollte, verweigerte er den Dienst an der Waffe und ging stattdessen lieber für neun Monate in Ersatzhaft. Unterstützt wurde er dabei von Albert Einstein. (2)

Seit 1965 lehrte Sharp an der Eliteuniversität Harvard und gründete 1983 das Albert Einstein Institut, das sich „mit der wissenschaftlichen Untersuchung und der Verbreitung von gewaltfreien Lösungen weltweiter Konflikte beschäftigt“ (3). 2009 und 2012 wurde Sharp für den Friedensnobelpreis nominiert.

Handlungsorientierter, gewaltfreier Widerstand

Sharps bekanntestes Buch „Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen“ liefert einen handlungsorientierten Ansatz und zeigt, wie gewaltfreier Widerstand möglich ist.

„Wenn man auf gewaltsame Mittel vertraut, entscheidet man sich genau für die Art von Kampf, bei der die Unterdrücker so gut wie immer überlegen sind. Die Diktatoren verfügen über die Ausrüstung, um auf überwältigende Art Gewalt auszuüben. Ganz gleich, wie lange oder kurz die Demokraten durchhalten, am Ende entscheiden in der Regel die harten militärischen Realitäten. In punkto militärischer „Hardware“, Munition, Transportmöglichkeiten und Größe der Streitkräfte sind die Diktatoren fast immer überlegen.“

Ein langfristiger Plan ist notwendig

Sharp kommt zu dem Schluss, dass ein Militärputsch in der Regel keine Wende hin zur Demokratie bringt, auch keine Wahlen, die innerhalb einer Diktatur stattfinden. Ebenso kann man nicht auf Hilfe aus dem Ausland hoffen. Hilfe von dort kann zwar unterstützen, aber den Widerstand im eigenen Land nicht ersetzen.

Für einen erfolgreichen Widerstand gegen eine Diktatur bedarf es Planung. Ein gut durchdachter, langfristiger Plan muss entwickelt werden, davon ist Gene Sharp überzeugt. Sein Buch soll als Leitfaden dabei helfen.

„Da umfassende strategische Pläne zur Befreiung wenn überhaupt eher selten entworfen werden, wirken Diktaturen leider viel dauerhafter, als sie es in Wirklichkeit sind. Sie bestehen um Jahre oder Jahrzehnte länger, als dies der Fall sein müsste.“

Warum handelt die Mehrheit nicht

Im ersten Schritt muss der Widerstand analysieren, auf was die Macht der Diktatoren beruht – herausfinden, warum die Mehrheit der Unterdrückten weitgehend keinen offensichtlichen Widerstand leistet und sich beugt.

„Verweigern hingegen Volk und Institutionen die Zusammenarbeit mit Aggressoren und Diktatoren, verringert das die Verfügbarkeit der Machtquellen, von denen Herrscher abhängen, oder lässt sie ganz versiegen. Ohne diese Quellen wird die Macht der Herrschenden schwächer und löst sich schließlich ganz auf. (…) Das Ausmaß an Freiheit oder Tyrannei in einer Regierung spiegelt somit in hohem Maße die relative Entschlossenheit der Untergebenen wider, frei zu sein, sowie ihren Willen und ihre Fähigkeit, sich allen Bestrebungen zu widersetzen, sie zu versklaven.“

Welche NGOs unterstützen die Diktatoren?

Totalitäre Regime benötigen mehr Macht als Demokratien und sind in höherem Maße auf zuverlässiges Verhalten der Bevölkerung angewiesen. Laut Sharp ist die Organisation von Widerstand in Vereinen, Verbänden, NGOs, religiösen Organisationen usw. möglich, da diese versuchen können, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Zudem ist es wichtig, deutlich zu machen, welche Institutionen und NGOs schon die Politik beeinflussen.

„Wenn es Diktatoren gelingt, diesen Körperschaften die Autonomie und die Freiheit zu nehmen, wird die Bevölkerung folglich relativ hilflos sein.“

Schon die Nationalsozialisten erkannten die Gefahr der Bildung von Widerstandszellen und schalteten diese mit ihrer Gleichschaltung aller Institutionen und Medien erfolgreich aus.

„Wenn hingegen die Autonomie und Freiheit dieser unabhängigen Bürgerinstitutionen gewahrt oder wiedererlangt werden können, sind sie enorm wichtig, um politischen Widerstand leisten zu können.“

Diktatoren meist abgehoben

Die o.a. Institutionen müssen laut Sharp nach den Schwachstellen der Diktatur suchen. Als Beispiel beschreibt er, dass eine Diktatur meist nicht über die realen Zustände im Land informiert ist. Sharp nennt hier auch die Möglichkeit, dass die Ideologie der Diktatoren plötzlich Risse kriegt.

„Nicht mehr alles, was das Regime in Angriff nimmt, wird auch zu Ende gebracht. Mitunter wurden beispielsweise Hitlers direkte Anweisungen niemals umgesetzt, weil diejenigen, die in der Hierarchie unter ihm standen, sich weigerten, sie auszuführen.“

Welche Methoden des gewaltlosen Kampfes gibt es und wie funktioniert er?

Laut Sharp stellt gewaltloser Widerstand eine viel komplexere und vielfältigere Methode als Gewalt dar.

„Er wird mittels psychologischer, sozialer, ökonomischer und politischer Waffen geführt, die von der Bevölkerung und den gesellschaftlichen Institutionen in Anschlag gebracht werden.“

198 mögliche Vorgehensweisen des gewaltlosen Widerstands

Gene Sharp hat jahrzehntelange geforscht und 198 Methoden gewaltlosen Vorgehens zusammengetragen, die entsprechend der Größen und Fähigkeiten der Widerstandsbewegung handlungsorientiert angewandt werden können. Die Möglichkeiten reichen von symbolischen öffentlichen Aktionen bis hin zu Streiks, Boykotten oder dem Aufbau alternativer Strukturen.

„Ein beträchtliche Zahl dieser Methoden – sorgfältig ausgewählt und im großen Maßstab von geschulten Bürgern angewendet, in den Kontext einer klugen Strategie und einer geeigneten Taktik eingebettet – wird jedem illegitimen Regime beträchtliche Probleme bereiten.“

Quellen:

(1) Das Albert Einstein Institut bietet das Buch gratis zum Download an:
https://www.aeinstein.org/wp-content/uploads/2013/10/FDTD_German.pdf

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Gene_Sharp

(3) https://www.aeinstein.org/bookstag/deutsch/