Die Abschaltung von Kern- und Kohlekraftwerken in den nächsten Jahren in Europa birgt Gefahren für die Stabilität des Stromnetzes.

 

Atomenergie war schon immer umstritten. Nach dem Nukearkatastrophe von Fukushima 2011 verkündete die Regierung Merkel den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft – alle deutschen Atomkraftwerke auf absehbare Zeit abzuschalten. Doch ganz so einfach, wie es sich die Politik vorstellt, wird es nicht gehen, wie das Beispiel Schweden zeigt. Dort hatte man den Reaktor 1 des Kernkraftwerks Ringhals aus Wartungsgründen heruntergefahren und wollte ihn eigentlich den ganzen Sommer über nicht zurück ans Netz bringen. Um jedoch die Netzstabilität in Südschweden gewährleisten zu können, musste der Reaktor nun vorzeitig wieder hochgefahren werden. Der Grund dafür war, dass die schwedischen Wasserkraft-Kapazitäten im Norden des Landes liegen. Der industrialisierte Süden, der einen höheren Strombedarf hat, bleibt eine Defizit-Zone, wie eine Sprecherin vom Svenska Kraftnät der „Welt“ erklärt. Spätestens im nächsten Jahr, wenn der Reaktor in Ringhals endgültig abgeschaltet werden soll, wird die Stabilität des Stromnetzes eine noch größere Herausforderung darstellen. „Mit erneut einem Kraftwerk weniger wird der südliche Teil von Schweden auf zusätzliche Stromimporte aus anderen Ländern angewiesen sein“, so die Sprecherin

Klimaaktivisten verkennen Probleme der Praxisseite

Das Problem, dass es nach Abschaltung der Kernkraftwerke auch in Deutschland schwieriger wird, die Stabilität des Stromnetzes zu erhalten, ist nicht neu, wird derzeit aber von Klimaaktivisten ignoriert. So heißt es in einem Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU), auf den sich die Klima-besorgte Jugend gern stützt: „Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass in Deutschland eine Stromversorgung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien (…) technisch machbar und funktionsfähig ist und ökonomische Vorteile mit sich bringen kann.“ Der Teufel liegt jedoch im Detail bzw. in der Praxis. So kommt zum Beispiel der südwestdeutsche Stromnetzbetreiber TransnetBW in der Analyse „Stromnetz 2050“ zu dem Ergebnis, dass das zweitgrößte deutsche Flächenland Baden-Württemberg zu klein für den Platzbedarf erneuerbarer Energien sei. Und der Ausbau von Stromtrassen, um die Energie von Norden nach Süden zu transportieren geht zu langsam voran und ist von den Kapazitäten her zu gering. Zudem werden im nächsten Jahre tausende alte Windräder abgebaut werden, weshalb die Windkraftleistung sogar zurückgehen könnte.

Strom zukaufen, aber wo?

Eine Möglichkeit die Netzstabilität zu erhalten ist der Zukauf von Strom aus dem Ausland. Das wird wohl auch nötig sein, wenn Ende nächsten Jahres Ende die Abschaltung der drei Atomkraftwerke Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C erfolgt. Problematisch ist jedoch, dass auch Nachbarländer wie Frankreich, Belgien, die Schweiz und die Niederlande ebenfalls Kohle- und Kernkraftwerke abschalten wollen und auch Stromimporte in Erwägung ziehen. Was dann aus der Steckdose kommt, hat im Zweifel mit „Öko“ nichts mehr zu tun, sondern stammt eventuell sogar aus völlig veralteten Atomkraftwerken aus Osteuropa. Die schwedische Regierung ist aus diesen Gründen auch gegen einen staatlich-verordneten kompletten Atomkraftaustieg, immer noch zu groß ist die Bedeutung der Kernkraft für die Stabilität des Stromnetzes.