Der Artikel „Ärzte fordern motivierende Strategien zur Pandemiebewältigung“ ließ den Diplomkrankenpfleger Stefan Böhm nicht ganz kalt. In einem Interview schilderte er seine Sichtweise zum Pflegeberuf. Als Fachkraft weiß er, wovon er spricht. Stefan Böhm arbeitet seit mehreren Jahren als Diplomkrankenpfleger in Bad Häring und betreut hauptsächlich Patienten mit Querschnittslähmungen. Auf der Station befinden sich 32 Patienten, das Team besteht aus 30 Mitarbeitern.

Von Birgit Pühringer

Herr Böhm, Sie haben sich auf den Artikel gemeldet. Was waren Ihre Beweggründe?
Ich finde diesen Artikel zu wenig aussagekräftig. Er gehört meiner Meinung nach durch eine Fachkraft aus dem Pflegeberuf ergänzt. Es kann nicht nur um Personalaufstockung und Bezahlung gehen. Ich möchte mich in meinen Schilderungen nicht nur auf die Corona-Zeit beziehen, denn die Missstände im Pflegeberuf hat es bereits vor Corona gegeben.

Können Sie uns Ihre Anregungen sagen?
Ich denke, die wichtigste Frage, die sich jeder stellen sollte, ist: WARUM GEHE ICH GERNE ARBEITEN? Da gibt es für mich ein paar spezielle Punkte, auf die es ankommt.

1. Das Pflegeteam – unsere Arbeit ist Teamarbeit, wir sind auf einander angewiesen. Wir arbeiten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche am Patienten. Da muss man zusammenarbeiten, sich aufeinander verlassen und sich gegenseitig vertrauen können. Und sich auch gegenseitig helfen, wenn nötig.

2. Jede Station ist für mich wie eine eigene Firma anzusehen. Das sind dann die Fachkräfte für die jeweiligen Stationen. Beispielsweise Interspar: Da hat das Personal aus der Spielwarenabteilung für seine Abteilung die perfekten Kenntnisse, nicht aber für die Tätigkeiten in der Fleischwarenabteilung. Da sind andere Kenntnisse erforderlich. So ist das auch vergleichbar mit den unterschiedlichen Stationen. Auf jeder Station kennt sich das Personal fachlich in seinem Bereich am besten aus. Die Infrastruktur – dazu gehören für mich die vorhandenen Hilfsmittel, moderne elektrische Betten, Lifte usw. Wenn diese Hilfsmittel vorhanden sind, macht die Arbeit umso mehr Freude und Spaß.

3. Ein wichtiger Punkt sind auch die Materialien. Die Versorgung klappt besser, wenn alles vor Ort ist. Dazu fällt mir ein Negativbeispiel ein: Als ich vor vielen Jahren ein Praktikum absolvierte, waren in diesem Haus, das ich nicht öffentlich nennen möchte, nicht mal Handschuhe auf den Stationen vorhanden.

4. Der letzte Punkt ist die Schichtarbeit. Jeder, der diesen Beruf wählt, muss sich über diese unregelmäßigen Dienste im Klaren sein. Schichtarbeit wirkt sich nicht nur auf den eigenen Körper aus, sondern auch auf die sozialen Kontakte. Auch die Nachtdienste müssen einem liegen.

Wie meinen Sie das mit der Schichtarbeit? Wie sind die Zeiten in Ihren Diensten?
Wir haben vier verschiedene Dienstzeiten. Frühdienst ist von 06:15 bis 14:30 Uhr, Nachmittagsdienst von 13:45 bis 22:00 Uhr. Dann gibt es den Hauptdienst, der ist von 06:15 bis 19:00 Uhr. Und schließlich den Nachtdienst von 18:15 bis 07:00 Uhr. Die Schichtarbeit ist sowohl für die eigene Gesundheit als auch für das soziale Umfeld nicht zu unterschätzen. Der unregelmäßige Dienst zerrt sehr wohl am Körper und auch am Schlafrhythmus. Aber eben auch Familienleben und Freunde mit Schichtarbeit unter einen Hut zu bringen, ist oft nicht einfach. Man ist in der Arbeit, wenn andere frei haben – wie beispielsweise an den Wochenenden und Feiertagen. So etwas gibt es im Schichtdienst nicht. Und man schläft oft, wenn andere Zeit haben, weil man selbst Nachtdienst hatte.

Haben Sie Ruhezeiten im Nachtdienst? Und wie viele Mitarbeiter sind in einer Nachtschicht?
Ruhezeiten haben wir keine. Die Nachtdienste verlaufen in der Regel aber ruhig, sodass wir nicht die ganze Nacht auf den Beinen sind. Sondern eben abrufbereit im Dienstzimmer. Wir sind im Nachtdienst immer zu zweit und betreuen dann die gesamte Station.

Finden Sie, dass eine Aufwertung Ihres Berufes mit mehr Bezahlung zu tun hat?
Ganz ehrlich, ich bin der Meinung, dass ich genug verdiene. Mir sind die anderen Punkte, die ich vorhin erwähnt habe, wichtiger. Natürlich freut sich jeder über mehr Bezahlung. Aber was hat man von mehr Geld, wenn man in seinem Beruf unglücklich ist? Zufriedenheit finde ich wichtiger. Und ich bin zufrieden in meinem Beruf und vor allem in meinem Team. Bei all diesen Menschen möchte ich mich für die tolle Zusammenarbeit bedanken.

Braucht es einfach mehr Personal?
Man kann nicht pauschal sagen, dass man mehr Personal braucht und jeden leicht ausbilden könnte. Das stimmt nämlich so nicht. Klar, wir brauchen mehr Personal. Aber diese Menschen müssen unseren Beruf mit Herz erfüllen und unseren Beruf lieben. Man kann noch so viel Personal ausbilden und noch so viel bezahlen – wenn der Beruf für diese Menschen nicht passt, werden sie nicht bleiben!

Was ist Ihre Anregung?
Es ist erforderlich, dem Personal die nötigen Ressourcen und vor allem auch Zeit zur Verfügung zu stellen, um sich sinnvoll um die Patienten kümmern zu können. Ich möchte die Patienten nicht abfertigen, sondern ihnen die Zeit geben, die sie brauchen. Und jeder Mensch hat eine gute Behandlung verdient, unabhängig von seinem sozialen Status. Ich übe diesen Beruf aus vollster Überzeugung und mit meinem Herzen aus. Das ist meine Anregung für andere.

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