In einem vertraulichen Strategiepapier hat das deutsche Bundesinnenministerium drei mögliche Szenarien zu Verlauf und Folgen der Corona-Epidemie samt angestrebter Gegenmaßnahmen dargestellt. Im „Worst Case“ wird innerhalb von zwei Monaten mit 1,2 Mio Toten gerechnet. Um das zu vermeiden, müssen Kontakte eingeschränkt, Tests massiv aufgestockt und „Big Data“ verwendet werden, um Infizierten-Kontakte zu orten und die Betroffenen zu isolieren.

Ein Beitrag von Kornelia Kirchweger

Auch Junge erkranken

Die Studie räumt auch damit auf, dass junge und gesunde Menschen kaum von Corona betroffen seien. Das sei falsch, denn ihnen drohe als Folgeschaden einer Erkrankung etwa eine reduzierte Lungenkapazität. In der Krisenkommunikation müsse man künftig auf „Schockwirkung“ setzen, indem man die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die Menschen klarstellt.

Wirtschaftskollaps und Anarchie

Neben den gesundheitlichen Folgen warnt das Innenministerium vor den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Im günstigsten Fall einer schnellen Eindämmung und Kontrolle der weiteren Ausbreitung würde das Bruttoinlandsprodukt nur um 4 Prozent sinken. Im schlimmsten Fall sei ein Einbruch um 32 Prozent denkbar. Dies könne die Gemeinschaft drastisch – bis hin zur Anarchie – verändern.

Drei Szenarien

Schlimmster Fall – 1,2 Mio Tote

Bis Ende April verlängert sich die Zeit, in der sich die Zahl der Infizierten verdoppelt, von drei über sechs auf neun Tage (aktuell bei fünf Tagen). 70 Prozent der Bevölkerung sind bis Ende Mai infiziert. Bis zu 350.000 Menschen brauchen gleichzeitig Intensiv-Behandlung. 85% werden wegen mangelnder Kapazitäten abgewiesen. Innerhalb von zwei Monaten könnte das zum Tod von 1,2 Mio Menschen führen. Angenommene Sterblichkeitsrate, je nach Krankenhausversorgung, zwischen 1,2% – 2%.

„Dehnung“ – 7 Monate weitgehendes Kontaktverbot

Ausnahmezustand mit weitgehenden Kontaktverboten von rund 7 Monaten: die Verdoppelung der Infizierten-Zahlen steigt schon bis Anfang April auf 6 Tage und bis Mitte April auf 9 Tage. Dabei würden rund 20 Prozent der Bevölkerung infiziert. 16% der Patienten mit Bedarf an Intensivbetten würden abgewiesen. „Nur“ rund 220.000 Menschen würden sterben.

„Hammer and Dance“ – schrittweise Lockerung ab 20. April

Zusätzlich zur Verlängerung der Verdopplungszeit, könne man die Ausbreitung des Virus durch umfangreiches Testen und Isolieren von Infizierten stark verringern. Die Zahl der Infizierten sinkt dadurch auf rund 1 Million, die der Toten auf 12.000. Dazu müssen Corona-Tests schnell und massiv erhöht werden: bei Personen mit Eigenverdacht und dem gesamten Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen. Dazu müsse man die Handy-Daten nutzen. Isolation aller positiv Getesteten zu Hause oder in Quarantäneanlage. Bei rascher Steigerung der Testkapazitäten, wären die allgemeinen Ausgangsbeschränkungen ab 20. April schrittweise zu lockern.

Dies ist aus Sicht des Innenministeriums erforderlich, denn eine längere Periode der Ausgangsbeschränkungen sei wirtschaftlich und sozial nicht aufrecht zu erhalten, heißt es. Das Innenministerium unter Horst Seehofer, bestätigte die Existenz des 17-Seiten-Papiers, wollte es aber nicht kommentieren, weil es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sei, berichtet die taz.