Markus Krall ist ein anerkannter Wirtschaftsexperte und Verfechter einer „bürgerlichen Revolution“. Während der Corona-Krise wurde er immer wieder hinsichtlich seiner Vorhersage einer Wirtschaftskrise zitiert. Was eine solche Krise, verbunden mit einer möglichen Hyperinflation, für den einzelnen Bürger bedeutet, hinterfragte „Wochenblick“ in einem Interview.

Wochenblick: Herr Krall, die Welt soll am Rande einer großen Wirtschaftskrise stehen. Wer wird dabei verlieren, wer gewinnen?

Markus Krall: Verlierer werden alle sein. Die Wirtschaftskrise wird epochal, soviel zeichnet sich ja bereits ab. In den USA liegt die Arbeitslosigkeit über 20 %, so viel wie zuletzt in der großen Depression. Großbritannien hat den tiefsten Sturz seit 1706 zu verzeichnen, und in der EU wird es nicht anders sein, auch wenn die Statistiken dort besser geschönt werden.

10 Mio. Kurzarbeiter sind in Wahrheit 10 Mio. Arbeitslose. Reserven der Sozialversicherungen schmelzen wie Butter in der Sonne. Staatliche Defizite kennen nur eine Richtung: beschleunigt nach oben! Die Rettungspakete werden von Woche zu Woche größer, sie werden ohne Steuerung wild über alles verteilt, was „hier“ schreien kann.

Finanziert wird das Ganze bei fallenden Produktionsmengen von immer mehr frisch gedrucktem Geld. Die jetzt noch dominierende deflationäre Phase, die von fallender Nachfrage und Liquiditätsengpässen geprägt ist, wird also früher oder später in einem schnellen „Flip“ in die Inflation münden.

Wenn sie erst einmal in Gang kommt, wird sie außer Kontrolle geraten. Gewinner sind dann, wenn überhaupt, die staatlichen Bürokratien, die sich immer tiefer in das Fleisch der Marktwirtschaft hineinfräsen. Dieser Triumph der sozialistischen Planwirtschaft wird aber von kurzer Dauer sein, weil er die wirtschaftliche Katastrophe noch beschleunigt.

Es gibt diese Bauernweisheit, dass Geld nie verschwindet, es habe nur jemand anderer. Wer profitiert konkret am meisten von der Corona-Krise?

Sowohl Deflation als auch Inflation haben Gewinner und Verlierer. Deutschland und mit ihm Nordeuropa werden aber am Ende als Gläubiger Europas die großen Verlierer sein. In einer überschuldeten Welt haben die Gläubiger ein Problem.

In der Deflation verlieren sie ihr Geld, weil die Schuldner Pleite machen, in einer Inflation verlieren sie ihr Geld durch Entwertung. Beide Mechanismen bereinigen das Problem der Überschuldung, aber mit unterschiedlichen Mechanismen und unterschiedlichen Nebenwirkungen.

Sie haben die Gefahr einer Wirtschaftskrise in den letzten Wochen häufig betont. Was wären die ersten Anzeichen, ab wann müssen wir damit rechnen?

Wir sind schon mittendrin. An der Wirtschaftskrise selbst kann kein vernünftig denkender Mensch angesichts der Datenlage noch einen Zweifel haben. Die offene Frage ist alleine, wie sie sich jetzt entfaltet, wie schnell die Deflation in die Inflation kippt, wie tief die Krise wird, wie viele Arbeitslose sie erzeugt und wie schnell die Zerstörung der Ersparnisse einsetzt und voranschreitet.

Meine aktuelle Prognose lautet: Wir werden jetzt noch wenige Monate oder Wochen deflationären Druck haben, der sich vor allem durch hohe Volatilität der Aktienmärkte, durch Kursverfall und Wertverlust bei Immobilien und alternativen Assets entladen wird. Im Sommer oder Herbst wird die Rettungsorgie auf die dann fallenden Banken übergreifen.

Die notwendigen Mittel hierfür werden alles in den Schatten stellen, was wir bisher an Verschuldung und Geldmengenausdehnung gesehen haben. Die Verluste aus den Krediten, die die Banken nun nicht mehr korrekt bilanzieren müssen, werden sich auf unterschiedlichste Weise ihren Weg an die Oberfläche bahnen.

Welche konkreten Auswirkungen wird diese Krise auf den durchschnittlichen Arbeitnehmer, den Steuerzahler in westeuropäischen Ländern haben?

Eine Arbeitslosenquote von 20 bis 30 % muss leider erwartet werden. Die Steuerbasis wird praktisch kollabieren, weil die Einkommen um ein Drittel schrumpfen, die Gewinne um 100 % zurückgehen, viele Unternehmen werden Verluste machen und Steuerrückzahlungen anmelden.

Die Steuerzahler werden dann wahrscheinlich über Substanzbesteuerung ihrer Vermögen zur Kasse gebeten werden. Erste Pläne werden dazu schon gemacht. Politiker reden vom Lastenausgleich, der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages untersucht die Legalität einer „Corona-Abgabe“, das Gefüge der Vertragsbindungen wird durch Notstandsgesetze bereits jetzt aufgehoben: Mieten müssen nicht mehr beglichen werden, Kreditraten ebenso.

Banken müssen Verluste nicht mehr verbuchen. Die Politik setzt darauf, dass die Katastrophe durch Vernebelung aufgehalten werden könnte. Das wird nur die Orientierungslosigkeit der Menschen vergrößern, aber keinen Schaden verhindern.

Ist im Zuge der Krise auch mit verstärkter Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation zu rechnen?

Ich gehe davon aus, dass 14 % aller Anleihen und 30 % aller Kredite derzeit nicht bedient werden. Die Banken haben also im Euroland aller Wahrscheinlichkeit nach derzeit bereits ihr Eigenkapital mehrmals für Risikoverluste verbraucht.

Das notwendige Rettungskapital schätze ich auf 10 Billionen Euro, was auf eine Vervierfachung der Zentralbankgeldmenge hinausläuft. Selbst unter der Annahme, dass die Pleiten die Giralgeldbasis schmälern, führt das zu einer gewaltigen Ausdehnung nachfragefähiger Geldmenge bei gleichzeitig fallendem Produktangebot aufgrund des Lockdowns und der Entkopplung der globalen Lieferketten.

Das erinnert fatal an die Mischung von 1923, als der Streik der Montan­arbeiter im Rheinland durch frisch gedrucktes Geld der Reichsregierung finanziert wurde. Das Ergebnis war damals: Hyperinflation.

Wie kann man sich die Auswirkungen einer Hyperinflation auf den Einzelnen konkret vorstellen? Was passiert mit dem Geld auf der Bank, was mit dem Geld im Safe zu Hause?

Bei einer Inflation von 50 % pro Monat, was eine noch milde Form der Hyperinflation wäre, lösen sich alle Nominalvermögen in wenigen Monaten in Luft auf: Bargeld, Sparbücher, Lebensversicherungen, Betriebsrentenansprüche, Rentenanwartschaften, Anleihen, Tagesgeld, Commercial Paper, Rentenfonds, Bausparguthaben.

Was passiert mit den Krediten und Hypotheken auf unsere Eigenheime?

Auch diese Schulden lösen sich in Luft auf. In einer Inflation verlieren die Gläubiger und gewinnen die Schuldner. Aber die Immobilienkreditnehmer haben zwei andere Risiken: Wenn die Deflation zu lange dauert, kann ihnen die finanzielle Puste ausgehen und sie verlieren ihr Haus im Wege der Zwangsversteigerung, bevor die rettende Inflation einsetzt.

Wenn sie als „Krisengewinnler“ von der sozialistischen Umverteilungspolitik nach einer Währungsreform Gegenstand einer Neidkampagne werden, so müssen sie Enteignung, Zwangsbeleihung und Vermögenssteuer befürchten.

Österreicher sollen laut Statista.com ein durchschnittliches Vermögen von 54.000 Euro haben. Was würden Sie raten, mit seinem Vermögen zu tun? Ist es für den Wechsel in Edelmetalle schon zu spät?

Für Edelmetalle ist es nie zu spät. Zwar haben wir in den letzten Monaten vor dem Hintergrund einer entgrenzten Geldpolitik eine deutliche Steigerung des Goldpreises gesehen, jedoch auch eine gewisse Volatilität, die durch deflationsbedingten Liquiditätshunger gespeist wird.

Die Kapitalmärkte reagieren immer noch erstaunlich stark auf die Geldflutung durch die Notenbanken. Smarte Investoren sollten das nutzen, ihre defensiven Portfolien aufzubauen, so lange das noch geht.

Sie haben viel Zeit investiert, um in gut verständlichen Worten über wirtschaftliche Zusammenhänge aufzuklären. Warum? Könnten Sie sich als erfolgreicher Geschäftsmann nicht auch zurücklehnen und beobachten?

Ich bin nun mal mit Leib und Seele ein Zoon Politicon, ein „politisches Tier“, wie man sagt. Mir hat dieses Land viel gegeben. Meine Eltern haben mir ein freies Land übergeben, das sie in Trümmern übernommen hatten. Man muss manchmal auch etwas zurückgeben. Und ganz sicher möchte ich meinen Kindern kein verarmtes unfreies Land hinterlassen.