„Die Situation läuft völlig aus dem Ruder!“, erklärte der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Die Bevölkerung sei nicht kooperationsbereit, maßregelte er die Kuchler und verhängte eine strikte Quarantäne über die Gemeinde. Eine folgenschwere Entscheidung für den Ort, der die Fachhochschule für Holztechnik beherbergt und von seinen Holzwirtschaftsbetrieben lebt. 

Ein Lokalaugenschein Bernadette Conrads

Wochenblick sah sich die Situation vor Ort an und begegnete dabei herzlichen Bürgern, die sich von der Politik ungerecht abgestempelt fühlen.

„Als würden sie sich daheim einsperren“

Normalerweise würden wir hier freitags keinen Parkplatz finden, klärt uns die Dame in der örtlichen Bäckerei auf. Doch seit der Quarantäne käme es ihr fast so vor, als würden sich die Kuchler daheim einsperren. Seit 17. Oktober ist Kuchl von der Außenwelt abgeschlossen. Unser Lokalaugenschein förderte zutage: Der Corona-Cluster ist vor allem dem guten Herzen der Kuchler geschuldet.

Tragischer Fall um schwer verletzten Buben bewegt

Es begann alles mit einem mutmaßlichen Kriminalfall 2019: Nach einem Fest wurde der 16-jährige Kuchler Nico P. schwer verletzt in einem nahegelegenen Steinbruch aufgefunden. Während die Ermittler damals noch von einem Suizidversuch ausgingen, besteht mittlerweile der Verdacht, dass der Schüler in der für ihn fatalen Juli-Nacht von Unbekannten angefahren und daraufhin – um die Tat zu vertuschen – vom Steinbruch geworfen wurde. Nach über einem Jahr Reha darf der seither schwer beeinträchtigte Bub zurück zu seinen Eltern.

Infektionen bei Spendensammlung für leidgeplagte Familie?

Nico sitzt im Rollstuhl, weswegen kostenintensive Umbauten seines Elternhauses notwendig sind. Die Kuchler veranstalteten Anfang Oktober eine Benefiz-Veranstaltung, um Spenden für die leidgeplagte Familie zu sammeln.
Das traurige Schicksal des 16-Jährigen hat Kuchl tief ins Mark getroffen. Nahezu alle, mit denen wir sprachen, waren dabei, um für Nico zu spenden. Als es zu regnen begann, drängten sich die beherzten Besucher dicht unter die wenigen Schirme in den Gastgärten im Ort. Die Kuchler vermuten, dass es so zu den vielen Infektionen kam.

Kuchler finden Haslauers Worte hart

Alle von uns befragten Kuchler fanden die Worte des Landeshauptmanns ihnen gegenüber hart. Ihrer Beobachtung nach gibt es in Kuchl keine Erkrankten, sondern lediglich positiv Getestete ohne Symptome.

Die Jugend sehnt sich danach, wieder über die Grenzen Kuchls hinaus mit dem Moped fahren zu können, die Studenten möchten wieder studieren, die Schüler sind genervt vom Heimunterricht und die Wirtschaft sorgt sich um ihr Fortbestehen. Die Kuchler fühlen sich zu Unrecht unter Quarantäne gestellt und hoffen, dass diese mit 3. November wieder ausläuft.

 

Wir sprachen mit den Menschen im Sperrgebiet:

HTL-Schüler Jonas Brandauer (16) vermisst das Moped-Fahren über die Grenzen Kuchls hinaus. Darüberhinaus nervt ihn das Homeschooling schon ziemlich. Der Schüler hofft, dass die Quarantäne bald wieder vorbei ist.

 

Pensionistin Eva Rettenbacher (64) nützt die Quarantäne zum Arbeiten in ihrem Garten: „Es gibt immer etwas zu tun.“ Dass die Kuchler wenig Kooperationsbereitschaft gezeigt hätten, kann sie sich nicht wirklich vorstellen.

 

Der Kuchler FH-Student Fabian Ehling (26) hilft während der Quarantäne in einem örtlichen Holzfach-Geschäft aus. Ihn nerven die Einschränkungen im Studium: „Die Qualität der Seminare leidet enorm.“