Derzeit finden unzählige Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen statt. Doch was bringen Demonstrationen und wann werden sie zur Revolution? Ist ein Systemumsturz möglich? Eine Nachbetrachtung der serbischen OTPOR!-Bewegung kann darüber Aufschluss geben. Ihr ist es immerhin 2000 gelungen, den Diktator Slobodan Milošević zu stürzen und modernes Protestverhalten nachhaltig zu prägen. So organisiert „Revolutionsprofi“ Srđa Popović mittlerweile hauptberuflich „Farbrevolutionen“ – und das weltweit.

Eine Reportage von Bernadette Conrads

OTPOR! („Widerstand!“) ist eine serbische Protestorganisation, die Ende 1998 von Srđa Popović ins Leben gerufen wurde und sich mit finanzieller Hilfe der USA und privater Geldgeber zu einer Volksbewegung etablieren konnte.

Das erklärte Ziel war der Sturz der Regierung von Slobodan Milošević. Dieser war in den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts bereits mehrmals mit Protesten konfrontiert, die er jedoch bis dahin erfolgreich unterdrückte. Die OTPOR!-Bewegung vereinte in gewisser Weise die Protestbewegungen der letzten Jahre vor ihrer Gründung.

Die Bewegung entstand im Kontext des Kosovokrieges und der NATO-Bombardements, die die Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung steigerten und so zu einem verstärkten Protestverhalten führten, was vermutlich ein wesentlicher Grund dafür ist, dass OTPOR!, im Gegensatz zu vorangegangenen Protestaktionen, letztlich erfolgreich war.

Analyse ist alles

Nicht zuletzt aber fußte die Revolution auf politikwissenschaftlichen Strategien aus den USA. Bis zu 2000 NGOs wurden seitens der serbien-feindlichen US-Regierung gefördert, um die Bevölkerung für liberal-westliche Demokratiebestrebungen zu begeistern und die Machtverhältnisse zu destabilisieren.

Popović‘ Organisation hat mithilfe westlicher Förderungen und Ideen Revolutionsstrategien entwickelt, die heute noch Anwendung finden.
Aus dem Leitfaden der Strategen geht hervor, dass vor allem die Analyse der Machtstruktur ein wichtiges Element im Sturz ebendieser ist.

So machen die Chef-Strategen sechs Säulen der Macht fest. Sie bestehen aus Polizei und Militär, der Bürokratie, dem Bildungssystem, religiösen Organisationen, den Medien und nicht zuletzt der Wirtschaft.

Und schon beginnt die Strategie: Um eine Änderung im Machtgefüge zu erreichen, sollen die Protestwütigen alles daran setzen, Personen aus diesen Bereichen dem System abspenstig zu machen. So sollen Angehörige im Familien- und Bekanntenkreis, die diesen Institutionen angehören, gezielt von der Systemkritik überzeugt werden und zu Schlüsselfiguren im Aufstand werden.

Strategien zur Destabilisierung

Bis zu folgenden Wahlen soll eine Bewegung aufgebaut werden. Dafür bedarf es einer Negativ-Kampagne gegen die Regierung und einer Positiv-Kampagne für die Opposition. Dementsprechend müssen die Bürger zum Wählen motiviert werden.

Gleichzeitig solle man etwaigem Wahlbetrug durch organisierte Wahlbeobachtungen oder mithilfe der erreichten Schlüsselfiguren verhindern und gegebenenfalls einen Generalstreik organisieren. Zur Rekrutierung werden vor allem die Jugend, die Opposition und die Zusammenarbeit mit NGOs vorgeschlagen.

Es gelte, stets offensiv zu bleiben. Zum Schaffen eines Gemeinschaftsgefühls soll außerdem jeder Protest durch ein zentrales Symbol geeint werden. Im serbischen Beispiel wurde die schematische Darstellung einer geballten Faust gewählt. Farbrevolutionen setzen darauf, sich nur auf jene Konfrontationen einzulassen, die auch gewonnen werden können.

So sollen kleine Aktionen wie Straßentheater und Studentenproteste vorgezogen werden, wenn Großdemonstrationen oder Generalstreiks noch nicht erreicht werden können. Im Finale der Operation soll aber immer ein zentraler Platz öffentlichkeitswirksam besetzt werden. Die von Gene Sharps Theorien beeinflussten Strategien scheinen zu funktionieren.

Sie waren auch wesentlich für die Entstehung des Arabischen Frühlings oder die ukrainischen Maidan-Proteste. Das ist kein Zufall. So beratschlagten sich auch der Mitbegründer und Hauptstratege der Jugendbewegung 6. April, Ahmed Maher und die ägyptische Menschenrechtlerin Dalia Ziada mit Vertretern der serbischen Protestorganisation.

Auch in anderen Ländern, wie etwa Aserbaidschan und Kirgistan, wurden Protestbewegungen durch OTPOR! unterstützt. So wirksam die Protestformen zum Umsturz auch sein mögen, so ungewiss ist, was darauf folgt.

Wem Nutzt das?

Bis heute konnte das Ziel der Aufständischen, eine liberale Demokratie nach westlichem Vorbild zu schaffen, nicht erreicht werden. Das Vertrauen der Serben in die Demokratie ist ebenso gering wie im restlichen Ex-Jugoslawien.

Mafiastrukturen üben Einfluss auf das System und derzeit fühlt sich Präsident Vucic den Chinesen wohl näher als den Amerikanern. Dass es mit der Destabilisierung allein nicht getan ist, zeigt sich in Serbien bis heute, und auch im arabischen Raum scheint der islamische Staat wesentlich greifbarer, als die Errichtung einer Demokratie nach liberal-westlichem Vorbild.