Neben der lange erfolgreichen Dreistigkeit, mit der Relotius seine Kollegen durch erfundene Geschichten vorführte, zeigt der „Spiegel“-Skandal vor allem eines: Wenn es um die offensichtlichen Lieblingsthemen des Establishments – Asyl, Migration und K(r)ampf gegen Rechts – geht, scheinen in großen Redaktionsstuben quasi alle Sicherungen durchzubrennen.

Ein Kommentar von Johannes Schüller

Ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt

So gelang es Relotius offenbar auch, in einem laut „Spiegel“ bei einem „in wesentlichen Punkten gefälschten“ Interview, der 99-jährigen NS-Widerstandskämpferin Traute Lafrenz abwertende Äußerungen zu Demonstranten in Chemnitz unterzujubeln!

Auch bei einer Reportage über einen syrischen Asylanten, der mutmaßlich 1.000 Euro gefunden und abgegeben hatte, drückte Relotius ordentlich auf die Tränendrüse. Doch auch Berichte anderer Journalisten über Migranten, die aus heiterem Himmel Geld gefunden und abgegeben haben sollen, weisen mitunter einen fragwürdigen Hintergrund auf.

„Wochenblick“ hat nachgehakt

Jene wundersamen Glücksfälle, die das Narrativ der wertvollen Fachkräfte bestärkten, schienen sich seit 2015 beinahe zu einer eigenen journalistischen Gattung zu entwickeln. In zwei Fällen hat der „Wochenblick“ nachgehakt: So soll ein syrischer Flüchtling in Nordrhein-Westfalen mehrere Sparbücher sowie 50.000 Euro Bargeld, gestückelt in 500-Euro-Scheinen, in einem alten Schrank gefunden haben.

Pikant: In einem dazu zur Verfügung gestellten Foto sind weitaus weniger 500-Euro-Scheine zu sehen. Unsere Anfrage bei der zuständigen Polizeistelle zu dieser Diskrepanz blieb bis jetzt unbeantwortet. Auch ein Bericht über eine Geldbörse, die eine syrische Mutter abgegeben hat, kommt ohne glaubwürdige Quellen aus. Auch hier blieb eine Anfrage unbeantwortet.

„Spiegel“- Augstein: „Verstehe Aufregung nicht“

Der „Spiegel“-Kolumnist Jakob Augstein formulierte die mutmaßliche Weltanschauung hinter diesen Geschichten – in Reaktion auf den Menasse-Skandal – so: „Ich verstehe die Aufregung um Menasse nicht. Hallstein hätte sagen müssen, was Menasse ihm in den Mund legt. Hier ist die Wirklichkeit schuld, nicht die Literatur.“